29.03.2026 • Let's get physical!

Let's get physical! – Eels: Blinking Lights and Other Revelations

Eels, Blinking Lights and Other Revelations, Vagrant Records – 0602498817858 (2005)

Alexander Pawlak

Photo

„Daddy war ein Trinker, ein äußerst unangenehmer Mensch“ ist nicht unbedingt eine Textzeile, die an Physik denken lässt. Doch die Perspektive ändert sich, wenn man  weiß, wer diese Zeilen singt. Es handelt sich um den Kopf der Band Eels, Mark Olliver Everett (geb. 1963). Er ist der Sohn des Physikers Hugh Everett III, der als Schöpfer der (ursprünglich nicht so genannten) Viele-Welten-Theorie gilt und zu den rätselhafteten Gestalten der modernen Physik zählt.

Die Musik der 1991 gegründeten Eels lässt sich nicht so leicht in eine Schublade stecken und reicht von akustisch-introspektiven Songs über verschrobenen Indie-Pop bis hin zu krachendem Rock mit Grunge-Elementen. Überschwänglicher Optimismus schleicht sich selten in Mark Everetts Lyrics, aber er gewinnt tragischen Ereignissen immer unerwartet hoffnungsvolle Seiten ab. So auch in der Doppel-CD Blinking Lights and Other Revelations, dem sechsten Studioalbum der Eels aus dem Jahr 2005.

Den Rahmen für die über dreißig Tracks, die sich laut Mark Everett mehr oder weniger mit dem Thema Gott befassen, bilden zwei Songs, in denen er sich explizit mit seinem Vater auseinandersetzt, der bereits 1982 starb: Son of a Bitch, aus dem die vorherigen übersetzten Zeilen stammen, und Things Grandchildren Should Know. Letzteres ist auch der Titel eines autobiografischen Buches von Mark Everett.

Hugh Everett III wurde 1930 in Washington D.C. geboren. Nach dem College begann er zunächst ein Studium des Chemieingenieurwesens an der Catholic University of America, bei dem er nebenbei auch Mathematik studierte, und das er 1953 abschloss. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Deutschland, wo sein Vater stationiert war, begann Hugh ein Physikstudium an der Princeton University, wo Eugene Wigner und John Archibald Wheeler zu seinen Lehrern zählten.

Er promovierte 1956 bei Wheeler und löste mit seiner Dissertation The Theory of the Universal Wave Function kontroverse Reaktionen aus, denn Everetts Interpretation der Quantenmechanik widersprach der damals vorherrschenden Kopenhagener Interpretation. Nach dieser repräsentierte die Wellenfunktion nicht das Quantenobjekt selbst, sondern nur die Wahrscheinlichkeit dafür, ein Teilchen an einem bestimmten Ort zu finden. Die Messung wurde dabei als Kollaps der Wellenfunktion interpretiert. Hugh Everett nahm dagegen an, dass gewissermaßen alle Messwerte bei einer Messung realisiert würden und es somit keinen wie auch immer gearteten Kollaps gebe. Selbst würde man bei einem Experiment aber nur die Messung eines bestimmten Messwertes erleben, die anderen wären somit nur in „anderen Welten“ realisiert.

An dieser Stelle befindet sich ein eingebundenes Video von Youtube.

Durch die Darstellung werden personenbezogene Daten (wie IP-Adresse) an Youtube übertragen.

Bitte lesen Sie die Datenschutzbestimmungen um genaue Informationen zu erhalten.

Everetts gewagte Interpretation führte nicht zu beobachtbaren Vorhersagen und bescherte ihm gewaltigen Gegenwind, nicht zuletzt bei Niels Bohr, auf den er im April 1959 in Kopenhagen traf. Gleichzeitig inspirierte er seitdem immer wieder andere zu Überlegungen zu parallelen Welten oder einem Multiversum, so David Deutsch, der sie auch als Grundlage für seine Ideen zur Möglichkeit von Zeitreisen nahm.

Ohne Aussichten auf eine Karriere in der Physik ging Hugh Everett schließlich zum US-amerikanischen Verteidigungsministerium, wo er unter anderem die großräumigen Auswirkungen des Fallouts bei einem Atomkrieg analysierte. Für seine Familie blieb er ein unzugänglicher Mensch, der seine wissenschaftliche Vergangenheit nie ansprach. Mark thematisiert das in Things Grandchildren Should Know mit einer versöhnlichen Note: „Ich werde genau wie mein Vater, obwohl ich mir geschworen hatte, dass ich das niemals tun würde. Jetzt kann ich sagen, dass ich ihn liebe. Ich habe nie wirklich verstanden, wie es für ihn gewesen sein muss, in seinem Kopf zu leben.“ Bei diesem Unverständnis sollte es aber nicht bleiben.

Nach dem frühen Tod des Vaters mit nur 51 Jahren trafen Mark weitere Schicksalschläge: Seine Schwester Elizabeth beging 1996 Selbstmord, und seine Mutter Nancy erlag 1998 einem Krebsleiden. Ein Kinderfoto von ihr ist die Grundlage für das Cover von Blinking Lights and Other Revelations. „Ohne die Musik wäre ich schon vor langer Zeit wie meine Schwester geendet“, bekannte Everett später.

Nach dem Verlust seiner Familie räumte Mark sein Elternhaus in Virginia aus und rettete insbesondere den Nachlass seines Vaters. Dass dieser erschlossen wurde, ist dem Wissenschaftsjournalisten Peter Byrne zu verdanken. Mark gewährte ihm Zugang zu den vielen Papieren sowie den einzigen Tonaufnahmen von Hugh Everett, die 1977 in Austin bei einem Treffen mit ehemaligen Kollegen aus der Physik entstanden sind. Hier erhält er noch einmal Gelegenheit, über seine Theorie zu sprechen. Peter Byrne verfasste schließlich eine umfangreiche Biografie von Hugh Everett, die trotz der manchmal allzugroßer Detailfreude sehr lesenswert ist.

Ausgelöst durch Peter Byrnes Recherchen begab sich Mark Everett in einer Fernsehdokumentation auf die Suche danach, wer sein Vater wirklich war und welchen Stellenwert er in der Geschichte der Quantenmechanik hat. Diese überaus sehenswerte Dokumentation ist frei im Web verfügbar:

An dieser Stelle befindet sich ein eingebundenes Video von Vimeo.

Durch die Darstellung werden personenbezogene Daten (wie IP-Adresse) an Vimeo übertragen.

Bitte lesen Sie die Datenschutzbestimmungen um genaue Informationen zu erhalten.

Hugh Everetts „Viele-Welten-Theorie“ bietet immer noch Gedankenfutter, wenn man sich mit dem lästigen Messproblem der Quantenmechanik auseinandersetzt. Seine Biografie ist mit all ihren Schattenseiten dank Peter Byrnes Initiative und Mark Everetts Unterstützung ungeschönt aufgearbeitet.

„Ich fühle mich befreit, jetzt, wo ich meinem Vater all seine Unzulänglichkeiten als Vater vergeben habe“, schreibt Mark Everett versöhnlich in seinem Buch. Das entspanntere Verhältnis zum Erbe seines Vaters belegt sein Gastauftritt im Marvel-Film Antman and the Wasp: Quantumania (2023), der seine Superheldem in eine quietschbunte Quantenwelt katapultiert. 2024 musste sich Mark Everett einer Operation am offenen Herzen unterziehen. Deswegen hat er derzeit vermutlich keine Tourpläne, aber mit seiner selbsterklärten neuen Supergruppe The Boo Boos immerhin neue Musik am Start.

Veranstaltung

Vier Kongress-Fokusthemen beleuchten Kernaspekte der Quantenphotonik zur Quantum Photonics 2026

Vier Kongress-Fokusthemen beleuchten Kernaspekte der Quantenphotonik zur Quantum Photonics 2026

Der Fachkongress mit begleitender Ausstellung „Quantum Photonics“ findet vom 5. bis 6. Mai 2026 zum zweiten Mal in der Messe Erfurt statt. Mit dem neuen One-Ticket-Konzept wird die Teilnahme am Event noch einfacher und effektiver.

Veranstaltung

AKL – International Laser Technology Congress in Aachen

AKL – International Laser Technology Congress in Aachen

Vom 22. bis 24. April 2026 lädt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT zum AKL’26 ein. Der Photonik-Kongress mit über 500 Teilnehmenden findet zum 15. Mal statt, diesmal mit einem deutlich erweiterten Programm, über 80 Vorträgen und 54 Ausstellerständen.

Meist gelesen

Themen