02.03.2006

Linde hat gut verdient

Linde hat 2005 zweifellos gut verdient - aber der Wiesbadener Konzern will noch weit mehr Geld ausgeben.


Wiesbaden (dpa) - Linde hat 2005 zweifellos gut verdient - aber der Wiesbadener Gase- und Gabelstaplerproduzent will noch weit mehr Geld ausgeben. Wenn Vorstandschef Wolfgang Reitzle am Montag (6. März) in Frankfurt die Bilanz vorlegt, wird es nicht nur um die guten Gewinnzahlen gehen, sondern auch um die beabsichtigte Übernahme des britischen Konkurrenten BOC. Der auf 12 Milliarden Euro veranschlagte Kauf soll Linde eine Spitzenposition im rasch wachsenden weltweiten Geschäft mit Industriegasen verschaffen. Doch einstweilen zeigt BOC den Deutschen die kalte Schulter.

Industriegase spielen eine Schlüsselrolle auf allen großen globalen Märkten, mehr als die Hälfte der Weltwirtschaft ist einer Branchenstudie zufolge in irgendeiner Form auf sie angewiesen: Sauerstoff veredelt Eisen zu Stahl, Stickstoff und Kohlendioxid machen Lebensmittel haltbar, Wasserstoff könnte den Energiehunger nach dem Versiegen der Erdölvorräte stillen. Spezialgase helfen bei der Behandlung lungenkranker Frühgeborener und bei der Herstellung von Computer-Chips. 2008 soll der Weltmarkt ein Volumen von 52 Milliarden Dollar (rund 43,5 Milliarden Euro) erreichen. Reitzle hat der Gase-Sparte schon vor drei Jahren «absolute Priorität» eingeräumt.

So vielfältig die Nachfrage, so überschaubar die Zahl der Anbieter: Fünf Firmen kontrollieren zwei Drittel des weltweiten Geschäfts, allen voran die französische Air Liquide mit einem Anteil von 18 Prozent. Linde mit 9 und BOC mit 13 Prozent rangieren deutlich dahinter - zusammen könnten sie aber Marktführer werden.

Analysten halten die deutsch-englische Firmenehe schon lange für wahrscheinlich. Erstens passen die Partner gut zueinander, weil BOC die Lücken füllt, die Linde beispielsweise in Asien aufweist. Zweitens müssten andere Kombinationen wohl mit Widerstand der Kartellbehörden rechnen. Das zeigte sich vor sechs Jahren, als Air Liquide nach BOC griff, aber an den Wettbewerbshütern scheiterte. Nun schauen die Franzosen zu, ob Linde mehr Erfolg hat. Man selbst plane derzeit keine größeren Übernahmen, sagte Air Liquide-Chef Potier am Montag - und hob damit den Kurs der Linde-Aktie.

Schon zuvor hatte die Börse die Übernahmeabsichten belohnt. Seit ihrem Bekanntwerden am 24. Januar hat der Kurs um gut 4,50 Euro auf rund 67 Euro zugelegt - obwohl BOC bislang alles tut, um die Fusionsfantasie zu dämpfen. Offiziell sendet London nur ablehnende Signale, während die Wiesbadener Linde-Zentrale schweigt. Zeitungsberichten zufolge soll es jedoch eine Annäherung zwischen den beauftragten Banken geben. Am Mittwoch kursierten Gerüchte über ein bevorstehendes offizielles Angebot Lindes.

Danach würde Linde sich die Übernahme bis zu 12,4 Milliarden Euro kosten lassen. Für das DAX-Unternehmen mit 9,5 Milliarden Euro Jahresumsatz ist das ein finanzieller Kraftakt. Manche Analysten erwarten, dass Linde dafür seine Gabelstaplersparte verkaufen wird - die immerhin die Hälfte der weltweit 42 000 Mitarbeiter beschäftigt.

Geldsorgen scheinen Vorstandschef Reitzle derzeit jedoch nicht zu plagen. Vor einer Woche präsentierte er stolze Zuwächse der Gewinnkennziffern, der Jahresüberschuss kletterte um ein Drittel auf 501 Millionen Euro. «Das Jahr ist richtig gut gelaufen für uns», ließ sich Reitzle zitieren. Sein Unternehmen sei «für die vor uns liegenden Aufgaben gut gerüstet». Doch wenn die Übernahme scheitert, könnte seine Laune rasch sinken: «Sollte der Deal nicht zustande kommen, könnte Linde selbst vom Jäger zum Gejagten werden», warnt Analystin Silke Stegemann von der Landesbank Rheinland-Pfalz.

Wolfgang Harms, dpa

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