15.06.2026

Gravitationswellen im summenden Universum

Detektor­basierter An­satz für die Su­che nach Sig­na­len des sich aus­deh­nen­den, schwing­en­den Kos­mos.

Ein Jahrzehnt nach der ersten direkten Messung verfügen wir heute über ein umfassendes Verständnis von Gravitationswellensignalen, die sich fernab ihrer Quellen durch den ruhigen, nahezu leeren Weltraum ausbreiten – etwa bei verschmelzenden Schwarzen Löchern. In diesem Fall kann die Welle als kleine Störung auf einem ruhigen Hintergrund betrachtet werden. Die Trennung zwischen „Hintergrund“ und „Welle“ ist eindeutig und die vom Detektor gemessene Größe – eine winzige Ausdehnung und Verkürzung – ist klar definiert.

illustration of the elementary process. Time flows upward. Black lines depict the time slices, blue lines show the world lines of the observers, and red lines show the propagating light rays. Dashed and solid lines, respectively, correspond to the background and perturbed trajectories. Upper: close-up of reception showing first-order corrections
Illustration des grundlegenden Vorgangs: Die Zeit verläuft nach oben. Schwarze Linien stellen die Zeitschnitte dar, blaue Linien zeigen die Weltlinien der Beobachter und rote Linien die sich ausbreitenden Lichtstrahlen. Gestrichelte bzw. durchgezogene Linien entsprechen den Hintergrund- und den gestörten Trajektorien. Oben: Nahaufnahme des Empfangs, die Korrekturen erster Ordnung zeigt
Quelle: Domènech, Pi & Wang 2026; CC BY 4.0

In der Kosmologie ist die Situation jedoch etwas differenzierter. Der Fokus liegt hier auf dem Universum als Ganzes – einschließlich der Raumzeit und allem, was sich darin befindet, wie beispielsweise Sterne, Schwarze Löcher und Galaxien. Der Hintergrund selbst ist dynamisch. Durch kleine Schwankungen in Dichte und Geschwindigkeit gerät die Raumzeit überall sanft in Bewegung, sodass die Grenze zur Welle verschwimmt. Doch was genau misst ein Gravitationswellendetektor, wenn das gesamte Universum leicht schwingt? Bisher waren theoretische Vorhersagen ausschließlich von der Wahl der mathematischen Koordinaten abhängig. Aussagekräftig ist jedoch nur, was ein echtes Messgerät aufzeichnet. Dies muss koordinatenunabhängig erfolgen.

Guillem Domènech und sein Team vom Institut für Theoretische Physik der Leibniz Universität Hannover haben nun einen präzisen, detektorbasierten Ansatz entwickelt. Anstatt die Bestandteile eines abstrakten Feldes zu erörtern, modellieren die Forscher ein realistisches Experiment mit zwei frei fallenden Testmassen oder Atomuhren, die durch einen Lichtstrahl miteinander verbunden sind. Eine vorbeiziehende Gravitationswelle kann die Lichtlaufzeit geringfügig verändern und somit das gemessene Zeit- oder Frequenzsignal beeinflussen. Die Autoren leiten diese Größe vollständig und koordinatenunabhängig bis zur zweiten Ordnung der kosmischen Fluktuationen her.

„Gravitationswellendetektoren messen die Unterschiede in den Frequenzen und Ankunftszeiten von Lichtstrahlen“, erklärt Domènech. „Wir berechnen diese Größen exakt innerhalb einer expandierenden Raumzeit und unterscheiden deutlich zwischen dem, was tatsächlich messbar ist, und Effekten, die auf der mathematischen Beschreibung beruhen. Dadurch wird sichergestellt, dass theoretische Vorhersagen für künftige Experimente präzise und zuverlässig sind.

Dieser Ansatz liefert eine gemeinsame Sprache für Theorie und Praxis. Im Grenzfall „ruhiger Raum“ reduziert er sich auf die bekannte Messung mit bodengebundenen Interferometern. Im kosmologischen Kontext bleibt er jedoch eindeutig und belastbar. Damit entsteht ein verlässlicher theoretischer Rahmen für die Suche nach primordialen Gravitationswellen im Universum – mit direkter Relevanz für aktuelle und zukünftige Messungen, wie sie beispielsweise mit Pulsar Timing Arrays und dem Weltraum-Observatorium LISA durchgeführt werden. [LUH / dre]

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