24.08.2026

Kein Paralleluniversum für Neutronen

PSI-Forscher haben rund 25 Mil­liar­den Neu­tro­nen ver­mes­sen – und kön­nen aus­schlie­ßen, dass diese in die Spie­gel­welt ab­tau­chen.

Schon seit Jahrzehnten gibt es die Vermutung in der Physik, es könnte eine Spiegelwelt existieren, die mit unserer Realität nur in äußerst schwachem Kontakt steht. Die Teilchen dieser Spiegelwelt gelten auch als Kandidaten für die Dunkle Materie. Forschende des Paul Scherrer Instituts haben nun rund 25 Milliarden Neutronen vermessen – und so deren Abtauchen in die Spiegelwelt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen.

Die beiden PSI-Forscher Bernhard Lauss (links) und Geza Zsigmond haben an der...
Die beiden Forscher Bernhard Lauss (l.) und Geza Zsigmond an der Ultrakalten Neutronenquelle des PSI
Quelle: PSI / Markus Fischer

Es klingt wie eine Idee aus der Science-Fiction, doch sie stammt von renommierten Forschenden aus der theoretischen Physik: Neben unserer gewöhnlichen Realität könnte es eine sogenannte Spiegelwelt geben, wobei jede Art Elementarteilchen eine entsprechende Art Spiegelteilchen besäße. Dann gäbe es also Spiegelelektronen genauso wie Spiegelprotonen oder Spiegelneutronen. Laut dieser Theorie sind allerdings kaum Wechselwirkungen zwischen normalen und Spiegelteilchen zu erwarten. „Im Wesentlichen spüren sich beide Teilchensorten gegenseitig über die Gravitationskraft“, sagt Geza Zsigmond, Wissenschaftler am Zentrum für Neutronen- und Myonenforschung des PSI.

Trotz jahrzehntelanger Suche konnten diese mysteriösen Spiegelteilchen nie nachgewiesen werden. Zwar haben Ergebnisse bei jüngeren Experimenten am Institut Laue-Langevin die Spekulationen zu Spiegelneutronen wieder aufflammen lassen; doch nun konnten PSI-Forschende mit einem neuen Experiment, das weltweit unübertroffene Präzision erzielt hat, größere Klarheit schaffen: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit kann man die Verwandlung von Neutronen in ihre Spiegelversion ausschließen.

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Gerade weil Spiegelteilchen fast keine Wechselwirkung mit normaler Materie eingehen, ist die Suche nach ihnen sehr schwierig. Sie treten nur auf zwei Weisen mit unserer bekannten Materie in Kontakt: entweder über die Schwerkraft oder über seltene Oszillationen neutraler Teilchen. Deshalb gelten Spiegelteilchen auch als Kandidaten für die Dunkle Materie im Universum. Denn diese macht zwar wesentlich mehr Masse im Weltall aus als unsere gewöhnliche Materie, aber ihre Natur ist völlig unverstanden. Gerade weil Spiegelteilchen so schwach mit unserer Welt wechselwirken, könnten sie für die Dunkle Materie verantwortlich sein.

„Es gibt keine Chance, die Existenz von Spiegelteilchen rein über die Schwerkraft nachzuweisen“, sagt Bernhard Lauss, der am Zentrum für Neutronen- und Myonenforschung des PSI die Forschungsgruppe zu ultrakalter Neutronenphysik leitet. „Wir haben uns deshalb auf die andere Eigenschaft von Spiegelteilchen konzentriert, nämlich dass neutrale Teilchen gemäß dieser Hypothese zwischen unserer normalen Materie und der Spiegelwelt hin und her oszillieren könnten.“ Ein neutrales Teilchen wie das Neutron könnte also – sehr selten – einfach von unserer Weltbühne verschwinden und sich in ein Spiegelteilchen verwandeln. Nach einiger Zeit könnte es dann wie aus dem Nichts wieder auftauchen.

„Neutronen bieten sich für diese Untersuchung an, weil sie erstens elektrisch neutral sind und weil sie zweitens eine seltsame Eigenschaft besitzen“, ergänzt Zsigmond. „So scheinen Neutronen unterschiedliche Lebensdauern zu besitzen, je nachdem auf welche Weise man diese misst.“ Ein Teil dieser Diskrepanz könnte daran liegen, dass manche Neutronen während der Messung in die Spiegelwelt „abtauchen“.

Um diesem eigenartigen Verhalten auf die Schliche zu kommen, hat das PSI-Team gemeinsam mit Forschenden von der ETH Zürich und der Ja­giel­lonen-Uni­ver­si­tät in Krakau ein ausgeklügeltes Experiment ersonnen. Sie haben Neutronen, die mit dem hochintensiven Protonenbeschleuniger am PSI in großer Menge produziert werden, stark abgebremst und auf diese Weise ultrakalte Neutronen erzeugt. Diese haben sie dann in einem speziellen, unmagnetischen Va­kuum-Edel­stahl­be­häl­ter gefangen. Dazu waren erstens sehr viele ultrakalte Neutronen nötig und zweitens mussten die Magnetfeldspulen, die den Behälter umgeben, mit höchster Präzision kontrolliert werden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Neutronen in die Spiegelwelt und wieder zurück in unsere Welt wechseln, hängt sehr empfindlich von den anliegenden Magnetfeldern ab.

„Dabei haben wir das Magnetfeld und seine Richtung im Lauf der Zeit schrittweise verändert, um alle relevanten Bereiche durchzuscannen, bei denen Oszillationen zwischen Neutronen und Spiegelneutronen zu erwarten gewesen wären“, so Lauss. „Aber wir haben überhaupt keinen Hinweis auf solche Oszillationen gesehen.“ Mit diesen Ergebnissen lassen sich alle bisherigen Spekulationen zur Verwandlung in Spiegelteilchen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. [PSI / dre]

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