Erzählte Physik
Monika Gisler: Erzählte Physik. Paul Scherrer und die Anfänge der Kernforschung, Chronos Verlag 2023, 260 S., geb., 38 Euro, ISBN 9783034017145
Monika Gisler

Heute ist Paul Scherrer vor allem durch das nach ihm benannte multidisziplinäre Forschungszentrum im Kanton Aargau und das im Ersten Weltkrieg mit Peter Debye entwickelte Verfahren zur Untersuchung molekularer Strukturen in Festkörpern bekannt. Dieses nutzt anstelle der bis dahin üblichen relativ großen Kristalle pulverförmige Stoffe, mit denen sich wesentlich einfacher arbeiten lässt.
Zusammen mit Wolfgang Pauli baute Scherrer die ETH Zürich in den 1920er-Jahren zu einem international angesehenen Forschungszentrum und „Wartesaal 1. Klasse für ein Ordinariat in Deutschland“ aus. Während Pauli der Theoretiker war, fungierte Scherrer als Praktiker und Erklärer. Sein Anfängerkurs im Physikstudium war als „Kabarett Scherrer“ bekannt, weil seine Erklärungen oft ebenso humorvoll wie originell ausfielen. „Von Scherrer halte ich als Forscher nicht sehr viel. Er kann aber experimentieren“, schrieb Einstein über ihn.
Scherrer war ein Gegner des Nationalsozialismus und ermöglichte jüdischen Flüchtlingen, an der ETH unterzukommen. Er galt als Freund der Alliierten und stand seit November 1943 mit dem US-Geheimdienst in Verbindung, dem er Informationen zu potenziellen Aufenthaltsorten und Tätigkeiten deutscher Physiker lieferte. Nach dem Krieg präsidierte der „Impressario von Forschungsprojekten“ die Schweizerische Studienkommission für Atomenergie und bestimmte zusammen mit dem Bankier Walter Boveri die Leitlinien der Schweizerischen Nuklearpolitik.
Einer Schweizer Atombombe stand Scherrer weniger aus moralischen, denn aus praktischen Gründen kritisch gegenüber, etwa wegen des Mangels an Uran, Fachkräften und einem Testgelände. 1957 kaufte er den USA den Schwimmbadreaktor ab, den diese auf der „Atoms for Peace“-Konferenz in Genf vorgestellt hatten. Der erste eigene schweizerische Forschungsreaktor wurde 1960 in Würenlingen kritisch.
Die Stärken des interessant, detailreichen, gut lesbaren und mit über 70 Fotos reich bebilderten Buches liegen in der Darstellung der politischen Hintergründe der Wissenschaftspolitik in der Schweiz. Dazu gehören der Überfremdungsdiskurs und die „Helvetisierung des Lehrkörpers“ in den späten 1930er-Jahren. Anzumerken sind ein paar kleine Ungenauigkeiten. So war Victor Weisskopf kein Nobelpreisträger (S. 43) und im Januar 1933 befand sich Einstein in Pasadena und nicht in Princeton (S. 46). Nicht Szilard entdeckte 1939 die bei der Kernspaltung entstehenden Sekundärneutronen, sondern Frédéric Joliot, Hans von Halban und Lew Kowarski (S. 82).
Schwerer wiegt allerdings, was im Buch fehlt. So hätte man gerne mehr über Scherrers Zusammenarbeit mit Debye, seine Freundschaft mit Pauli und die angebotene Hilfe bei Lise Meitners Flucht 1938 erfahren. Die Darstellung der Forschungen Scherrers kommt zu kurz, und man vermisst ein Personenregister.
Dr. Michael Schaaf,
Deutsche Internationale Schule Kapstadt













