03.07.2026 • Astronomie

„Die Grenze ist überschritten“

Eine Mil­lion Sa­tel­li­ten und Spie­gel im Welt­raum stel­len eine ernst­haf­te Be­drohung für den Nacht­him­mel dar.

Strichspuren von Satelliten in einer einstündigen Belichtung über der nördlichen Atacamawüste in Chile
Quelle: F. Kamphues, ESO / M. Kornmesser


Eine neue Studie der Europäischen Südsternwarte (ESO) kommt zu dem Ergebnis, dass aktuelle Pläne zur Platzierung von über 1,7 Millionen Satelliten im Erdorbit – darunter extrem lichtstarke Objekte – „verheerende Folgen für die Astronomie“ hätten. Um die Beobachtung des Nachthimmels mit modernen Teleskopen dauerhaft zu sichern, sollte die Anzahl der Satelliten in der Erdumlaufbahn laut der Studie 100.000 schwach leuchtende Objekte, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, nicht überschreiten. Die Untersuchung beziffert erstmals das genaue Ausmaß, in dem große und helle Satellitenkonstellationen astronomische Beobachtungen durch eine Aufhellung des Nachthimmels beeinträchtigen. Dieselben Satellitennetzwerke haben bereits zuvor Besorgnis hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gesundheit und die Umwelt hervorgerufen.

Seit 2019 ist die Zahl der Satelliten in der Erdumlaufbahn rasant auf heute über 14.000 angestiegen – maßgeblich vorangetrieben durch die Starlink Telekommunikationssatelliten von SpaceX. Gleichzeitig haben die geplanten Satellitenprojekte sowohl quantitativ als auch hinsichtlich ihrer potenziellen Beeinträchtigungen drastisch zugenommen. „Bislang konnten wir die Situation bewältigen, aber es wird immer kritischer“, betont Olivier Hainaut, der an der Entwicklung von Empfehlungen zur Eindämmung der Auswirkungen von Satellitennetzwerken auf die Astronomie beteiligt ist. Zwar haben Unternehmen wie SpaceX Maßnahmen ergriffen, um die Helligkeit ihrer Satelliten zu reduzieren, doch mit den aktuellen Anträgen ist laut Hainaut „die Grenze dessen überschritten“, was die Astronomie verkraften kann.

Das linke Bild zeigt den Himmel über den VLT-TElskopen (oben rechts) in einer mondlosen Nacht am 16. Mai 2026. Das rechte Bild ist eine Simulation, die zeigt, um wie hell der Himmel mit der vollständigen Konstellation von 50.000 Spiegeln von Reflect Orbital wäre.
Das linke Bild zeigt den Himmel über den VLT-TElskopen (oben rechts) in einer mondlosen Nacht am 16. Mai 2026. Das rechte Bild ist eine Simulation, die zeigt, um wie hell der Himmel mit der vollständigen Konstellation von 50.000 Spiegeln von Reflect Orbital wäre.
Quelle: ESO, O. Hainaut

SpaceX plant, eine Million weitere Satelliten für weltraumbasierte Rechenzentren in den Orbit zu bringen, was das Erscheinungsbild des Himmels grundlegend verändern würde. Die neue Studie zeigt, dass über einen großen Teil jeder Nacht hinweg Hunderte und zu bestimmten Zeiten sogar mehrere Tausend Satelliten sichtbar wären – dies entspricht der Anzahl der Sterne, die unter guten Bedingungen mit bloßem Auge zu erkennen sind. Weitere geplante Satellitennetzwerke wie Cinnamon von E-Space sowie die chinesischen Systeme CTC-1 und CTC-2 würden die Erdumlaufbahn um Hunderttausende zusätzliche Satelliten ergänzen und das Problem weiter verschärfen.

Das US-Start-up Reflect Orbital beabsichtigt zudem den Start eines Netzwerks aus sehr großen, spiegelartigen Satelliten. Diese sollen nachts Sonnenlicht reflektieren und Lichtkegel erzeugen, die auf der Erdoberfläche einen Durchmesser von mindestens fünf Kilometern aufweisen. Das Unternehmen plant, noch in diesem Jahr mit einem Prototyp im Orbit zu beginnen und die Flotte bis 2035 auf 50.000 Satelliten auszubauen. Diese Objekte wären die hellsten, die sich je in einer Umlaufbahn befanden – mit gravierenden Folgen für den Schutz des dunklen Nachthimmels. Hainauts Berechnungen zeigen, dass die vollständige Konstellation den Nachthimmel mit Hunderten extrem hellen, sichtbaren Satelliten füllen würde. Direkt aus dem Inneren eines solchen Lichtkegels betrachtet, würde der Sonnenlicht reflektierende Satellit viermal heller erscheinen als der Vollmond. Selbst wenn kein Satellit seinen Strahl direkt auf einen Beobachter richtet, wäre jeder Einzelne so hell wie die Venus. Aus einer von Lichtverschmutzung betroffenen Stadt wie München wären diese Hunderte von Satelliten die einzigen „Sterne“, die am Nachthimmel überhaupt noch zu sehen wären.

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Diese Vorhaben würden in Kombination mit weiteren in der Studie untersuchten Projekten den Nachthimmel drastisch aufhellen. Dies behindert die Fähigkeit der Menschheit, lichtschwache kosmische Objekte zu beobachten – darunter weit entfernte Galaxien, erdähnliche Planeten um andere Sterne und sogar Asteroiden, die der Erde potenziell gefährlich werden könnten.

Hainaut erklärt: „Von der Sonne beleuchtete Satelliten sind um ein Vielfaches heller als ferne Galaxien. Wenn ein Satellit unser Beobachtungsfeld kreuzt, hinterlässt er einen hellen Streifen auf der Aufnahme und überdeckt alles, was sich dahinter befindet.“

Um das Ausmaß dieses und anderer Effekte von Satellitennetzwerken auf astronomische Beobachtungen zu berechnen, simulierte Hainaut die Positionen, Bewegungen und Helligkeiten aller gegenwärtigen und geplanten Satellitenkonstellationen.

Für das geplante Satellitennetzwerk von SpaceX stellte er fest, dass auf jedem Bild, das zwei Stunden nach Einbruch der Nacht mit dem Very Large Telescope (VLT) der ESO am Paranal-Observatorium in Chile aufgenommen wird, Dutzende von Satellitenspuren auftauchen würden. Dies entspricht einem Verlust des nutzbaren Sichtfeldes von bis zu 28 %. Bei einer Kamera wie der des Vera C. Rubin Observatoriums könnte der Großteil der Aufnahmen für mehrere Stunden pro Nacht unbrauchbar werden.

Hainaut kommt zu dem Schluss, dass die geplanten 1,7 Millionen neuen Satelliten drastische Konsequenzen für die erdgebundene Astronomie haben werden. Diese Auswirkungen lassen sich nur abwenden, indem die Gesamtzahl der bestehenden und zukünftigen Satelliten auf 100.000 begrenzt wird. Zudem müssen diese so lichtschwach sein, dass sie von einem dunklen Standort aus nicht mit bloßem Auge wahrgenommen werden können. „Das ist kein starrer Grenzwert im Sinne von: 99.999 ist gut und 100.001 ist schlecht. Natürlich wären mir 50.000 lieber“, sagt Hainaut. „Aber bei 100.000 bewegen sich die Verluste in etwa auf dem Niveau anderer technischer Ausfälle, wie etwa dem Versagen von Geräten.“ Er fügt jedoch hinzu, dass die Satelliten eine scheinbare Helligkeit von schwächer als 7. Größe aufweisen müssen. Sollten einige von ihnen heller sein – also über der Wahrnehmungsgrenze des bloßen Auges liegen – müsste die zulässige Gesamtzahl deutlich niedriger angesetzt werden.

Sowohl SpaceX als auch Reflect Orbital, die für die weitreichendsten der neuen Anträge verantwortlich sind, haben bei der US-amerikanischen Federal Communications Commission (FCC) Zulassungsanträge für ihre Starts eingereicht. Die neue Studie diente der ESO in Zusammenarbeit mit der britischen Royal Astronomical Society und der Internationalen Astronomischen Union IAU als Grundlage für eine offizielle Stellungnahme an die FCC zu diesen Plänen. [ESO / dre]

Originalpublikation: O. R. Hainaut, Large or bright satellite constellations Effects on observations, including on the background sky brightness, Astron. Astrophys. (akzeptiert), arXiv:2604.09427v2 [astro-ph.IM], 29. Mai 2026

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