14.10.2026 • Let's get physical!

Let's get physical! – Tom Lehrer: The Elements

Tom Lehrer: An Evening Wasted With Tom Lehrer, Decca LK 4332 (1959) [UK], Lehrer Records LR202 (1959) [USA]

Alexander Pawlak

Was haben Harry Potter und das Periodensystem der Elemente miteinander zu tun? Daniel Radcliffe, der Harry Potter in acht Filmen verkörperte, sang 2010 (fast) alle Elemente in der Graham-Norton-Show der BBC. Gesanglich gelang Radcliffe nicht unbedingt eine Meisterleistung, er bewies aber ein beachtliches Gedächtnis.

Dass das Periodensystem in einer singbaren Form vorliegt ist dem amerikanischen Mathedozenten und Musiker Tom Lehrer (1928 – 2025) zu verdanken. Lehrer ist sicher einer der ungewöhnlichsten Liedermacher des 20. Jahrhunderts war. Sein Œuvre ist mit rund 50 selbstkomponierten Lieder überschaubar. Ebenso währte seine Musikerkarriere nicht einmal 15 Jahre.

Sein Debütalbum erschien 1953. 1967 absolvierte er noch einige wenige Konzerte in Skandinavien, bevor er sich von der Bühne verabschiedete und wieder seiner Dozententätigkeit zuwandte. Diese übte er bis 2001 an der University of California in Santa Cruz aus, übrigens ohne jemals promoviert zu haben.

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Der Song The Elements erschien 1959 zunächst in einer Live-Version auf der LP An Evening Wasted with Tom Lehrer und als Studioeinspielung auf der LP More of Tom Lehrer. Tom Lehrer ließ sich zu diesem wahrhaft elementaren Lied durch Danny Kaye inspirieren, der in Tschaikowsky die Namen von 50 russischen Komponisten herunterrattert.

Die Melodie stammt nicht von Tom Lehrer, sondern vom Major-General's Song aus der komischen Oper „The Pirates of Penzance“ von Gilbert und Sullivan, die am 30. Dezember 1879 uraufgeführt wurde. Das schnelle Tempo und der Rhythmus kennzeichnen das Lied als prototypischen Patter Song mit extrem schnellem Sprechtext – ideal also, um alle damals bekannten chemischen Elemente darin unterzubringen.

Die Elemente folgen im Text keiner Systematik, was sich in einer Animation nachvollziehen lässt, und reichen bis zum Element Nobelium mit der Ordnungszahl 102. Seitdem sind 16 weitere Elemente im Periodensystem hinzugekommen, die in der Natur nicht vorkommen, weil sie kein stabiles Isotop besitzen.

Die Elemente bis Fermium mit der Kernladungszahl Z = 100 lassen sich durch Neutronen­einfang­reaktionen in Kernreaktoren erbrüten. Bei den Transfermium-Elementen mit Z > 100 sind die Zerfallszeiten so kurz, dass es nur gezielte Kernstöße in Beschleunigeranlagen ermöglichen, die radioaktiven Isotope zu erzeugen. Nobelium war 2017 das erste superschwere Element, bei dem es gelang, mit resonanter Laserspektroskopie einen atomaren Übergang zu messen.

Periodensystem der Elemente

Photo
Helge Kragh • 3/2019 • Seite 53

Elemente mit System

Kerstin Sonnabend • 2/2019 • Seite 6

Ein elementarer Geburtstag

Matthias Schädel und Andreas Türler • 6/2009 • Seite 35

Ein Platz für Schwergewichte

Tom Lehrers außergewöhnliches und urkomisches Repertoire hat noch viel mehr als den eher sprachakrobatischen Elements-Song zu bieten. Aufgrund seines akademischen Profession – wenn auch nicht Professur – befasste er sich gesanglich natürlich auch mit der Mathematik, etwa historisch in Lobachevsky oder didaktisch in The New Math. Er nahm den umstrittenen Wernher von Braun mit ätzender Satire aufs Korn und bot Aufmunterung angesichts des drohenden atomaren Armageddons.

Mit Poisoning Pigeons in the Park lieferte er ein bitterböses Frühlingsidyll, das hierzulande eher in einer Variante des österreichischen satirischen Liedermachers Georg Kreisler bekannt ist. Kreisler lebte bis 1955 im amerikanischen Exil, bestritt stets, Lehrer kopiert zu haben, während Lehrer davon ausging, dass Kreisler „Poisoning Pigeons“ für das deutschsprachige Publikum adaptiert hatte.

Wer einen Sinn für formvollendet dargebotene satirische Texte auf Englisch hat, kann Lehrers Werk heutzutage problemlos erkunden. Von jedwedem Copyright befreit, stehen seine Alben auf seiner offiziellen Homepage als mp3 zum Download bereit (Stand 13. Oktober 2026). Klanglich besser und zudem informativer ist die umfangreiche Kompilation The Remains of Tom Lehrer auf drei CDs, die 2000 erschienen ist.

Dem amerikanischen Schauspieler Jim Parsons blieb es übrigens in seiner Rolle als Sheldon Cooper in der Serie The Big Bang Theory erspart, den gesamten Text von „The Elements“ zu singen. Nach einer unfreiwillig betrunkenen Dankesrede stimmt er in der Folge The Pants Alternative (S03/E18) den Elements-Song an –  in deutlich gemächlicherem Tempo als Daniel Radcliffe – kommt aber nur bis zum Radium. Später bekannte er in einer Talkshow, dass er keine Ahnung habe, was die Wörter im Lied bedeuten würden – ein bedauernswerter Mangel an naturwissenschaftlicher Bildung bei einem Darsteller eines physikalischen Überfliegers.

Tom Lehrer trat nach Ende seiner Bühnenkarriere nur noch sporadisch auf, gab aber für einige Zeit einen äußerst beliebten Musical-Workshop. 1981 adaptierten Cameron Mackintosh and Robin Ray die Songs von Tom Lehrer zur Revue Tomfoolery. Seinen letzten Bühnanauftritt absolvierte Lehrer 1998 im Rahmen zweier Gala-Konzerte für Cameron Mackintosh. Dort stellte ihn der weltberühmte Musical-Komponist Stephen Sondheim vor, den Lehrer aus Schultagen kannte; am zweiten Abend spielte er sogar vor Queen Elizabeth II. Der Auftritt bewies eindrucksvoll: Lehrer war auch nach 25 Jahren Bühnenabstinenz auf selbiger noch in seinem Element.

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