09.02.2024 • Science Fiction

Sturz in die Sonne

Charles Ferdinand Ramuz: Sturz in die Sonne, Limmat, Zürich 2023, geb., 192 S., 26 Euro, ISBN 9783039260553

Charles Ferdinand Ramuz

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„Durch einen Unfall im Gravitationssystem stürzt die Erde schnell in die Sonne zurück, strebt ihr entgegen, um darin zu zerschmelzen“, so kurz und bündig skizziert der Schweizer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz (1878 – 1947), meist kurz C. F. Ramuz, den drohenden Weltuntergang. Der Rekordsommer 1921, der in Genf für eine Höchsttemperatur von 38,3 Grad sorgte, hatte ihn zu seinem Buch angeregt, das 1922 unter dem Titel „Présence de la Mort“ erschien. Es stieß allerdings auf keine große Resonanz.

Die erste vollständige deutsche Übersetzung dieses Buches hundert Jahre nach Erscheinen verdankt sich der Ausstellung Climate Fiction im Literaturhaus Strauhof in Zürich. Ramuz schildert in lose verbundenen Episoden, wie die Menschen in der Region am Genfer See auf die stetig steigende Hitze und den unausweichlichen Tod reagieren. Das reicht von beharrlicher Gleichgültigkeit bis zu ausschweifender Zerstörungslust.

Der Klimawandel lässt das Buch in einem neuen, unbehaglichen Licht erscheinen, auch wenn eine solche moderne Lesart vermutlich nicht im Einklang mit den Intentionen des Autors ist. Doch Sätze wie diese entfalten auch heute ihre Wirkung (Kap. 10): „Die meisten Menschen können nicht anders, als sich bloss für das Unmittelbare und das Detail zu interessieren; nur zu gerne lassen sie sich täuschen. Wenige heben den Blick zum Himmel, wenige verstehen ihn.“

„Sturz in die Sonne“ ist kein konventioneller Roman, sondern eine Abfolge von Impressionen, die eher an die Szenenfolge in einem experimentellen Film erinnern. Der Reiz des schön gestalteten Buches liegt in seinen vielfältigen Perspektiven und sprachlichen wie stilistischen Nuancen.

Das ist definitiv eine interessante Entdeckung, aber vielleicht nicht der beste Weg, um den gleichermaßen bedeutenden, hierzulande jedoch eher unbekannten Autor kennenzulernen. Sein unkonventionelles Französisch, das der Umgangssprache Rechnung trug, war lange umstritten und ist eine Herausforderung für die Übersetzung. Gelingt diese wie hier, ergibt sich eine überraschend moderne Lektüre, die nachdenklich macht.

1937 veröffentlichte C. F. Ramuz mit „Si le soleil ne revenait pas" („Wenn die Sonne nicht wiederkäme") eine Art Gegenstück zu „Sturz in die Sonne“, das 1987 auch verfilmt wurde. Die Bewohner eines Bergdorfs, in dem wegen der besonderen Lage sechs Monate im Jahr kein Sonnenstrahl gelangt, werden mit der Prophezeihung konfrontiert, dass die Sonne endgültig erlöschen werde. Hier fasst Ramuz die existenzielle Bedrohung in eine konventionellere Handlung, dies aber nicht weniger tiefgründig.

Die englische Übersetzung des letzten Romans von Ramuz enthält noch die gleichnamige Kurzgeschichte aus dem Jahr 1912, zur der die Sonnenfinsternis vom 17. April 1912 Pate gestanden haben könnte, die Ramuz von Paris aus erlebt hatte. Auch zu „Présence de la Mort“ gibt es eine gleichnamige Kurzgeschichte, die sieben Jahre früher erschien. Diese wäre in der deutschen Ausgabe eine passende Ergänzung gewesen.

Alexander Pawlak

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