40 Jahre nach Tschernobyl
Ein Hintergrundgespräch informiert am 15. April über die aktuelle Situation vor Ort, Gefahren und Perspektiven.
FS / Universität Hannover / Alexander Pawlak
Der Unfall von Tschernobyl (ukrainische Schreibweise Tschornobyl oder Chornobyl) jährt sich am 26. April zum 40. Mal. Über die aktuelle Gefahrenlage und insbesondere den Einfluss des Angriffskriegs Russlands auf die Situation vor Ort informieren Experten in einem Online-Hintergrundgespräch (Registrierung und Teilnahme) am 15. April um 16 Uhr. Dieses wird vom Fachverband für Strahlenschutz (FS) und der Leibniz Universität Hannover veranstaltet.
In dem Gespräch informieren Experten in einer verständlichen Sprache über aktuelle, auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Erkenntnisse und Einschätzungen zur derzeitigen Lage und über Zukunftsaussichten. Dabei werden auch entstandene und voraussichtlich weiter entstehende Kosten in der nächsten Zeit angesprochen. Die folgenden Experten stehen zur Verfügung: Prof. Dr. Michael Abend (Institut für Radiobiologie der Bundeswehr & FS, Leiter Arbeitskreis Strahlenbiologie), Dr. Sergiy Dubchak (U Hannover, Institut für Radioökologie und Strahlenschutz), Stefan Prüßmann (Kerntechnische Hilfsdienst GmbH & FS, Leiter Arbeitskreis Notfallschutz), Prof. Dr. Clemens Walther (U Hannover, Leiter des Instituts für Radioökologie und Strahlenschutz & Vizepräsident des FS) und Christoph Wilhelm (FS, Leiter Arbeitskreis Umwelt).

Am 26. April 1986 kam es in Tschernobyl zum schwersten Unfall der zivilen Nutzung der Kernenergie. Es wurden ungefähr 15 Prozent der Radioaktivität (5500 PBq) aus dem Reaktorkern in die Umwelt freigesetzt. Es handelte sich zum größten Teil um kurzlebige Radioisotope wie Iod-131 (Halbwertszeit acht Tage), aber auch um solche wie Cäsium-137 und Strontium-90 (Halbwertzeit 30 Jahre) sowie z. B. Plutonium-239 (Halbwertzeit 24.000 Jahre). Der bei weitem größte Teil ging in einem Radius von 30 Kilometern um die Reaktorruine nieder. Diese Zone ist heute als Chornobyl Exclusion Zone (CEZ) bekannt. Insgesamt wurden 1,3 Millionen Quadratkilometer Land in der Ukraine und angrenzenden Ländern kontaminiert und in der direkten Folge 189.000 Hektar Ackerland und 157.000 Hektar Wald allein in der Ukraine für die Bewirtschaftung gesperrt. Hunderte von Siedlungen mussten abgerissen werden.
Aufgrund des Rückzugs des Menschen hat sich die Natur diese Gebiete zurückerobert. Im Jahr 2016 wurde daher das Chornobyl Radiation and Ecological Biosphere Reserve gegründet. Unter anderem das United Nations Environment Programme (UNEP) kollaboriert dort mit dem ukrainischen Ministerium für Ökologie und natürliche Ressourcen. Viele internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiteten dort an radioökologischen und biophysikalischen Fragestellungen und natürlich auch zum (erstaunlich geringen) Einfluss der Strahlung auf Flora und Fauna. Eine zentrale Rolle spielte hierbei das Ecocentre, das dort seit dem Jahr 2000 vom ukrainischen Staat betrieben wird, Expertise und messtechnische Laborausstattung zur Verfügung stellte, aber durch russisches Militär weitgehend verwüstet wurde.
Seit mehr als zehn Jahren arbeitet die Ukraine durch Anwendung physikalischer und radioökologischer Erkenntnisse an einer erneuten Nutzung der kontaminierten Flächen. Es werden in der Nähe des Reaktors Lager für radioaktiven Abfälle aus der ganzen Ukraine (z. B. aus Energiewirtschaft, Wissenschaft, Technik und Medizin) errichtet. Zusätzlich zu einem bestehenden Solarpark soll mit deutscher Unterstützung einer der größten Windparks Europas (1 Gigawatt Leistung) gebaut werden.
Schließlich, und das ist Gegenstand aktueller biophysikalischer Forschung, dekontaminiert man Flächen z. B. durch Anbau von Pflanzen, die Radioaktivität aus dem Boden entfernen können (Phytoremediation). Diese Pflanzen werden zum Teil in speziellen Anlagen als Energielieferant genutzt. Hierbei wird auf eine strikte Zurückhaltung von Radioaktivität geachtet. In großen Teilen der kontaminierten Gebiete ist die Strahlung durch radioaktiven Zerfall und durch Migration der Radionuklide z. B. in tiefere Bodenschichten stark zurückgegangen. Diese Flächen können mit ausgewählten Pflanzen und Methoden sogar landwirtschaftlich genutzt werden. Zum Zwecke der Wiederbesiedelung werden z.Zt. 927 ehemalige Siedlungen untersucht und die zusätzliche radioaktive Belastung der Bevölkerung mittels Ganzkörperzählern gemessen. Der menschliche Körper ist übrigens immer radioaktiv: Üblich sind ca. 130 Becquerel pro Kilogramm Körpergewicht, hauptsächlich bedingt durch die natürlichen Isotope Kalium-40 und Kohlenstoff-14.
Zur Sicherung des havarierten Reaktors wurde 2026 für 2,1 Milliarden Euro als Schutzhülle das weltgrößte bewegliche Bauwerk (new safe containment) errichtet. Dieses hat durch russische Drohnen schwere Schäden erlitten und kann maßgebliche Sicherheitsfunktionen nicht mehr erfüllen. Bisher tritt aber keine Radioaktivität aus.
Bis heute gibt es Folgen des Unglücks auch in Deutschland, zum Beispiel durch radioaktive Kontamination von Pilzen und Wildschweinen. Häufig wird nun die Frage gestellt: Kann aus der Ukraine Radioaktivität bis nach Deutschland gelangen? Wenn ja, bei welchen Szenarien? Zum einen sorgen Waldbrände in den kontaminierten Gebieten dafür, dass Radioaktivität aufgewirbelt und atmosphärisch transportiert werden kann. Dies geschah über die letzten Jahrzehnte regelmäßig. Löscharbeiten werden aber nun durch Landminen der russischen Truppen erschwert, so dass mit diesem Austrag häufiger zu rechnen ist. Dies kann durch höchstempfindlichen physikalischen Nachweis von nur wenigen Atomen pro Kubikmeter Luft sogar in Deutschland gemessen werden, führt aber bei uns keinesfalls zu gesundheitlichen Auswirkungen, da es weit unter dem Niveau der natürlichen Radioaktivität liegt. Auch eine weitere Beschädigung des havarierten Reaktors hätte ausschließlich lokale Auswirkungen in der Ukraine.
Anders sieht es bei im Betrieb befindlichen Kernkraftwerken aus. Die Ukraine verfügt über 15 Druckwasserreaktoren (russischer Bauart, aber ähnlich westlichen Reaktoren) von denen sechs in Saporischschja abgeschaltet sind. Die neun weiteren decken die Hälfte des landesweiten Stromverbrauchs. Auch diese sind in jüngster Vergangenheit unter Beschuss geraten. Bei einer schweren Beschädigung könnte von diesen eine Kontamination über hunderte von Kilometern erfolgen.














