23.03.2026

Ein mitreißender Physiker

Vor 50 Jahren starb der vielseitige österreichische Physiker Hans Thirring, der sich unter anderem früh mit der Allgemeinen Relativitätstheorie befasst hat.

Anne Hardy

„Viel wichtiger als neue physikalische Erkenntnisse den Menschen zu schenken, ist es, sie zu lehren, vorhandenes Wissen nicht zu ihrer gegenseitigen Vernichtung zu missbrauchen.“ Diese Überzeugung prägte Hans Thirrings Weg vom theoretischen Physiker zum engagierten Friedensaktivisten.

Hans Thirring wurde 1888 in Wien als Sohn eines Lehrers geboren. Schon als Gymnasiast beschäftigte ihn die Frage, wie sich menschliche Verhältnisse durch eine psychologische und soziologisch begründete Aufklärung verbessern ließen. Später bezeichnete er seine Lebensaufgabe als die eines „Erziehers zum wirklichen Homo sapiens“. Sein Biograf Wolfgang Reiter bescheinigt ihm dabei eine „gewissermaßen gläubige Naivität“, die sich teilweise auch in seinem späteren Engagement in der Friedensbewegung zeigte.

Hans Thirring begrüßt 1957 bei der Generalkonferenz der Internationalen...
Hans Thirring begrüßt 1957 bei der Generalkonferenz der Internationalen Kernenergie-Organisation (IAEA) in Wien den stellvertretenden IAEA-Generaldirektor Paul R. Jolles.
Quelle: IAEA

Ab 1907 studierte er an der Universität Wien Mathematik, Physik und Turnen mit dem Ziel, Lehrer zu werden. Entscheidenden Einfluss hatte der theoretische Physiker Fritz Hasenöhrl, dessen Vorlesungen Thirrings Interesse an der Theoretischen Physik weckten. 1910 wurde er Hasenöhrls Assistent, nachdem sein Freund Erwin Schrödinger den Posten wegen eines gebrochenen Beins nicht antreten konnte. 1911 promovierte Thirring über thermodynamische Beziehungen in der Nähe kritischer Punkte.

Angeregt durch Schrödinger arbeitete er anschließend über die spezifische Wärme von Kristallen und habilitierte sich 1915. Parallel beschäftigte er sich mit der Verbesserung von Selenzellen. Der Erste Weltkrieg unterbrach seine Arbeit: Thirring meldete sich 1915 freiwillig, kehrte jedoch bald zu technischen Entwicklungsarbeiten zurück, die er für das k. u. k. Technische Militärkomitee durchführte.

Nach Hasenöhrls Tod im Krieg übernahm Thirring ab 1916 dessen Vorlesungen und wurde 1921 sein Nachfolger. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten der Regierung erfolgte die Ernennung zum ordentlichen Professor erst 1926. Bereits 1921 hatte er Antonie Krisch geheiratet; das Paar bekam zwei Söhne. Einer von ihnen, Walter Thirring, wurde später selbst Professor für Theoretische Physik in Wien.

Thirrings wissenschaftlich produktivste Zeit lag in den 1920er-Jahren. Früh interessierte er sich für die Allgemeine Relativitätstheorie und stand ab 1917 mit Albert Einstein in Briefkontakt. Gemeinsam mit dem Mathematiker Josef Lense untersuchte er rotierende Massen im Rahmen der Relativitätstheorie. Sie sagten voraus, dass eine rotierende Masse die umgebende Raumzeit „mitreißt“. Dieser später als Lense-Thirring-Effekt oder Frame-Dragging bekannte Effekt konnte erst 2011 mit dem Satellitenexperiment Gravity Probe B experimentell bestätigt werden.

Neben der theoretischen Physik widmete sich Thirring zunehmend technischen Entwicklungen. Zwischen 1918 und 1937 meldete er mehr als zwanzig Patente an. Eine Lichtschranke mit Wechsellicht wurde von Zeiss und Siemens weiterentwickelt. 1928 entwickelte er außerdem ein Tonfilmsystem auf Basis verbesserter Selenzellen und gründete zur Vermarktung die Firma „Selenophon Licht- und Tonbildgesellschaft“. Gegen konkurrierende amerikanische Systeme konnte sie sich jedoch nicht dauerhaft behaupten.

Eine besonders ungewöhnliche Idee war der sogenannte Flugmantel für Skifahrer: Ein am Anzug befestigtes Segel ermöglichte während der Abfahrt kurze Gleitflüge. Thirring veröffentlichte 1939 ein Buch über diesen „Schwebelauf“, und 1940 fand in Kitzbühel sogar ein entsprechendes Rennen statt.

In den 1920er-Jahren beschäftigte sich Thirring außerdem mit Parapsychologie. 1927 gründete er die Österreichische Gesellschaft für Psychische Forschung und wurde ihr erster Präsident.

Physiker:innen aus Österreich

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Michael Walter • 6/2012 • Seite 53

Ein Höhenflug der Physik.

Mit dem Aufstieg von Faschismus und Antisemitismus engagierte sich Thirring zunehmend politisch. Er weigerte sich, jüdische oder kommunistische Studierende aus seinen Vorlesungen auszuschließen, und unterstützte seinen jüdischen Assistenten Otto Halpern bei dessen Habilitation. An Schrödinger schrieb er bereits 1926, dass Halperns Habilitation „einerseits von [seinen] ‚Freunden’ hier im Haus und andererseits den tonangebenden Hackenkreuzlern [sic!] unserer Fakultät hintertrieben werden könnte.“ Im gleichen Jahr solidarisierte er sich mit Halpern, indem er ihn als Co-Autor für den zweiten Teil seiner „Grundgedanken der neueren Quantentheorie“ wählte. Albert Einstein würdigte diesen Mut 1933 in einem Brief, in dem er ihm als Gleichgesinnten die Hand reichte.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde Thirring wegen seiner pazifistischen Haltung und seiner Unterstützung der Relativitätstheorie zwangspensioniert – einer der wenigen Professoren, die aus politischen Gründen entlassen wurden. Anschließend arbeitete er als Erfinder in der Industrie, unter anderem an einem Zyklotron-Magneten und später an Radartechnik. In dieser Zeit schrieb er auch sein pazifistisches Hauptwerk „Homo sapiens“.

Der Tod seines ältesten Sohnes an der Oderfront und die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki bestärkten ihn nach dem Krieg in seinem Engagement für Abrüstung. 1945 kehrte er an die Universität Wien zurück und war 1946/47 Dekan der Philosophischen Fakultät. Zugleich begann er, intensiv über die Gefahren von Kernwaffen aufzuklären.

1948 veröffentlichte er die „Geschichte der Atombombe“, eine detaillierte Darstellung der Entwicklung der Kernwaffen, in der er auch die Wasserstoffbombe voraussagte, sowie das Buch „Atomkrieg und Weltpolitik“. Während des Kalten Krieges stieß sein Engagement jedoch auch auf Kritik; Gegner diffamierten ihn zeitweise als „Ost-Spion“.

Unermüdlich hielt Thirring Vorträge über Friedenserziehung und internationale Verständigung. Für ihn entstanden Konflikte meist nicht aus angeborener Bosheit, sondern aus Unwissenheit, Engstirnigkeit und falschen Prioritäten – und könnten durch Bildung überwunden werden.
1957 wurde er Gründungsmitglied der Pugwash-Bewegung, die vor den Gefahren des nuklearen Wettrüstens warnte. Im selben Jahr zog er für die Sozialistische Partei Österreichs in den Bundesrat ein, dem er bis 1964 angehörte. Aufsehen erregte sein Vorschlag einer einseitigen Abrüstung Österreichs („Thirring-Plan“), bei dem UNO-Truppen die Grenzen des neutralen Staates sichern sollten.

Darüber hinaus war Thirring Vizepräsident der österreichischen UNESCO-Kommission und nahm 1957 an der ersten Generalkonferenz der Internationalen Atomenergiebehörde teil. 1961 versuchte er sogar, zwischen Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy zu vermitteln, indem er beiden Seiten Fragen zur nuklearen Abrüstung übermittelte.

Für sein Engagement wurde Hans Thirring zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert. Er starb am 22. März 1976 in Wien, zwei Tage vor seinem 88. Geburtstag.

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