20.01.2026 • Let's get physical!

Endlich bühnenreife Zeitreise

Die Oper „Der Chronoplan“ von Julia und Alfred Kerr erlebt am Staatstheater Mainz nach über neunzig Jahren ihre Bühnenpremiere.

Alexander Pawlak

Eine Oper über eine Zeitreise? Ja, die gibt es: „Der Chronoplan“. Die Musik dafür hat Julia Kerr in den Jahren 1930 bis 1932 komponiert, das Libretto stammt von ihrem Mann, dem ebenso geachteten wie gefürchteten Theaterkritiker Alfred Kerr. Am 24. Januar erlebt die Oper am Staatstheater in Mainz ihre Uraufführung auf der Bühne, mit über neunzigjähriger Verspätung.

Die 1933 geplante Uraufführung wurde ein Opfer der nationalsozialistischen Machtergreifung. Alfred Kerr, der jüdischer Abstammung und zudem ein Regimekritiker war, floh mit seiner Familie zunächst nach Prag, dann in die Schweiz, nach Paris und schließlich nach London.

Kerr arbeitete im Exil weiter, er starb 1948 bei einer Vortragsreise durch Deutschland. Für seine dreißig Jahre jüngere Frau Julia bedeuteten die schwierigen Umstände des Exils faktisch das Ende ihrer musikalischen Karriere. Dabei hatte diese mit der im Februar 1928 im Rundfunk uraufgeführten Oper „Die schöne Lau“ nach Motiven von Eduard Mörike so hoffnungsvoll begonnen.

Die ersten Pläne zur Oper gehen bis ins Jahr 1920 zurück. Bereits da trug sich Alfred Kerr mit dem Plan einer Oper in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Richard Strauss. Der Titel „Der Chronoplan“ stand zu dem Zeitpunkt bereits fest, verbunden „mit eine[r] Handlung in einem Zukunftsland mit allen technischen Erfindungen, Flugwundern, Verjüngungskuren usw."

Aus der Kooperation mit Strauss wurde nichts, dafür arbeiteten schließlich Alfred und Julia Kerr bei diesem Vorhaben zusammen. Statt in die Zukunft führte „Der Chronoplan“ nun in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart des Jahres 1929.

Vorabfoto zur Mainzer Inszenierung der Oper „Der Chronoplan“ von Julia Kerr...
Vorabfoto zur Mainzer Inszenierung der Oper „Der Chronoplan“ von Julia Kerr mit dem Libretto ihres Mannes, des Theaterkritikers Alfred Kerr, und vervollständigt vom Pianisten und Arrangeur Norbert Biermann.
Quelle: Staatstheater Mainz / Tim-Lukas Reuter (c) Andreas Etter

Die Handlung in aller Kürze: Albert Einstein führt seine neueste Erfindung vor: eine Zeitmaschine. Unter dem erlesenen Publikum befinden sich Richard Strauss, Max Liebermann, Gerhart Hauptmann und George Bernard Shaw. Mit dabei sind noch eine Journalistin und ein namenloser Theaterkritiker.

Einstein lädt die erlesene Runde zu einer Reise in die Vergangenheit mit seiner Zeitmaschine ein. Dazu können sich nur drei der Anwesenden durchringen: Shaw möchte Johanna von Orleans kennenlernen, die Journalistin möchte Dante, Shakespeare und Ibsen befragen und den Theaterkritiker treibt der Wagemut.

Doch wie es die Technik will, stoppt die Zeitreise früher als erwünscht im Jahr 1807. Die Passagiere des Chronoplans treffen den 17-jährigen Byron, bevor dieser als Dichter berühmt wird, und nehmen ihn ins Jahr 1929 mit. Was er dort erlebt, verschreckt Byron so nachhaltig, dass er wieder in seine Zeit zurück will.

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„Das eine war immer Ausgleich für das andere.“

Julia Kerrs Oper vereint die großen stilistischen Strömungen der Zeit mit Anlehnung an Wagner und Strauss und hat viel Sinn für dramatische Wirkung und szenischen Humor, heißt es in der Ankündigung der Mainzer Bühnenpremiere, die weitere Hinweise gibt, wie sich die Kerrsche Zeitreise in einer modernen Inszenierung gestaltet.

Auch wenn „Der Chronoplan“ noch nie auf der Bühne zu sehen war, blieb die Oper nicht gänzlich ungehört. Eine erste Radioaufführung des Nordwestdeutschen Rundfunks 1949 aus Anlass des 70. Geburtstags von Albert Einstein, den Alfred und Julia Kerr in den 1920er-Jahren kennengelernt hatten, geriet enttäuschend, da statt eines Sinfonieorchesters nur ein Klavier und Perkussion zum Einsatz kamen. 

Erst eine 1952 von den Münchner Philharmonikern für den Bayerischen Rundfunk eingespielte, etwa einstündige Aufnahme vermittelte einen Eindruck von der originalen Orchesterfassung. Zwischen den Akten erklärt ein Sprecher die Handlung. Teile des dritten Aktes, die für die 1949er-Fassung noch nicht vorlagen, hatte Julia Kerr vollendet, die Orchestrierung übernahm der Dirigent Hans Altmann. Die existierenden Aufnahmen waren im Rahmen des Einstein-Jahres 2005 in der Ausstellung Einstein begreifen im Mannheimer Technoseum zu hören.

Altmann gingen die Teile der Originalpartitur, die er für die Aufnahme nicht berücksichtigt hatte, verloren – besonders tragisch, da Julia Kerr die umfangreiche Originalpartitur über die entbehrungsreiche Exilzeit gerettet hatte. Daher hat der Pianist und Arrangeur Norbert Biermann die fehlenden Teile für die Mainzer Bühnenfassung auf Basis der vorliegenden Partitur rekonstruiert.

Judith Kerr, die Tochter von Alfred und Julia, bemerkte 2013 in einer Sendung der BBC, dass ihre Mutter Einstein bei einer Party getroffen habe und sich von ihm die Relativitätstheorie erklären ließ. „Sie hat es damals vollkommen verstanden, konnte sich aber später nicht mehr daran erinnern.“ Das dürfte sicher ein Grund dafür sein, dass die Kerrsche Zeitmaschine schneller als Licht fliegen kann.

Nichtsdestotrotz ist die Mainzer Uraufführung von „Der Chronoplan“ sicher auch ein ebenso hörens- wie sehenswertes Ereignis für opernbegeisterte Physiker:innen und eine späte Gutmachung für die durch die Nationalsozialisten verhinderte Aufführung und die Unbilden des Exils, das die Kerrs erleiden mussten.

*

Ich danke Dr. Ralf Bülow (Berlin) und David Haddock (Cambridge) für hilfreiche Hinweise bzw. Unterstützung bei diesem Beitrag.

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