21.08.2007

Lockruf des Ostens

Beim Werben um Studenten aus Westdeutschland werden ostdeutsche Hochschulen immer einfallsreicher. Manche Unis zahlen sogar Begrüßungsgeld.

Berlin (dpa) - Sie versprechen ein Begrüßungsgeld von 80 Euro, legen Bierdeckel in Szenekneipen aus oder senden Kinospots jenseits der Landesgrenzen: Beim Werben um Studenten aus Westdeutschland werden ostdeutsche Hochschulen immer einfallsreicher. Und der Lockruf des Ostens wird erhört. Viele Hochschulen in den östlichen Bundesländern verzeichnen zum Semesterstart im Herbst einen Bewerberansturm. Das mag nicht allein an den Imagekampagnen der Hochschulen liegen. Der größte Trumpf des Ostens aus Studenten-Sicht ist seine kostengünstige Bildung. Keines der neuen Bundesländer erhebt Studiengebühren - inklusive Berlin.

Im Westen der Republik ist ein Erststudium teuer geworden. Fast alle Bundesländer von Hamburg bis Bayern kassieren inzwischen pro Semester Hochschul-Gebühren bis zu 500 Euro - Ausnahmen sind Schleswig-Holstein oder Rheinland-Pfalz. Allein das bietet den Hochschulen im Osten einen Standortvorteil. Ein breit gefächertes Studienangebot und günstige Mieten kommen oft hinzu.

Doch die Imagekampagnen, die vom Begrüßungsgeld in Eberswalde über Gutschein-Pakete in Magdeburg bis zum Erlass von Parkgebühren in Schmalkalden reichen, sind auch Teil eines Demographie-Pokers um junge Leute. Denn von Überalterung und Abwanderung sind auch die Hochschul-Städte in Ostdeutschland nicht ausgenommen.

Auf kleine Gastgeschenke als Studienanreiz wollen sich die Universitäten des Ostens jedoch nicht reduzieren lassen. So wirbt Mecklenburg-Vorpommern zwar mit der Broschüre «Zwischen Strand und Audimax» um Studienanfänger. Von einem Segeltörn auf der Ostsee mache aber kein Hochschüler seine Studienplatzwahl abhängig, sagt Rainer Westermann, Rektor der Uni Greifswald. «Wir wollen mit exzellenter Lehre Studenten aus den Altbundesländern an die Küste ziehen und nicht mit Freizeitangeboten», betont er. Der Lockruf des Nordostens hat Erfolg: In Greifswald kommen inzwischen 37 Prozent der 11.000 Studenten aus dem Westen, in Rostock sind es 18 Prozent.

Brandenburg hat die Werbung für seine Hochschulen auf Bierdeckel drucken lassen und in Berliner Szenekneipen verteilt. Das Land mit rund 42.000 Hochschülern muss zwar noch nicht um Studenten buhlen. Doch es gibt Druck von anderer Seite: Brandenburg bekommt aus dem Hochschulpakt des Bundes in den nächsten drei Jahren nur dann die begehrten 16 Millionen Euro, wenn die Studienanfängerzahl konstant bleibt. Dafür lohnt es sich, im nahen Berlin Abiturienten zu ködern. Die Argumente: innovative Studiengänge wie Triebwerkstechnik oder gute Angebote für Studentinnen mit Kind.

Thüringische Hochschulstädte wie Ilmenau oder Schmalkalden verlangen für den Erlass der bundesweit üblichen Verwaltungsgebühren pro Semester, dass Studenten dort ihren Erstwohnsitz anmelden. Das ist eine beliebte Praxis in vielen Hochschul-Städten - in Ost wie West. Denn mit mehr Einwohnern in der Statistik bekommt eine Stadt mehr Finanzzuweisungen vom Land. Die Technische Universität Ilmenau wirbt darüber hinaus in den Kinos des Nachbarlandes Hessen für ihr Angebot. In Hessen kostet ein Erststudium von diesem Herbst an 500 Euro pro Semester. Jena will sich gleich zu einem europäischen «Studentenparadies» mausern und befragt Studenten gezielt nach ihren Wünschen. Zu den neuesten Angeboten zählt ein Studiengang Arabistik.

Sachsen und Berlin strecken ihre Fühler noch weiter aus - Richtung Ausland. An der Technischen Universität Dresden studieren zur Zeit zum Beispiel 800 Chinesen. Von den 35.000 TU-Studenten kommen 10 Prozent aus dem Ausland. Die Berliner Universitäten werben unter anderem in New York für ihr Angebot. Ohne ausländische Studenten könnten deutsche Hochschulen international kaum konkurrenzfähig bleiben, schätzt Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität.

Ulrike v. Leszczynski, dpa

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