21.03.2024

Neue Spin-Phase in einem Quantenmaterial aufgespürt

Experimente liefern Einblicke in die Ordnungszustände quantenmagnetischer Materialien.

In quantenmagnetischen Materialien unter Magnetfeldern können neue Ordnungszustände entstehen. Jetzt hat ein internationales Team aus Experimenten an der Neutronenquelle BER II in Berlin und am dort aufgebauten Hochfeldmagneten neue Einblicke in diese besonderen Materiezustände gewonnen. BER II wurde bis Ende 2019 intensiv für die Forschung genutzt und ist seitdem abgeschaltet. Doch immer noch werden neue Ergebnisse aus Messdaten am BER II publiziert. „Wir haben diese Proben im November 2019 am Hochfeldmagneten untersucht, das war eines der letzten Experimente am BER II“, erinnert sich Elllen Fogh vom Laboratory for Quantum Magnetism der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne. „Viele Effekte in Materie zeigen sich erst unter extremen Bedingungen, also Temperaturen nahe am Nullpunkt und Magnetfeldern oberhalb von zwanzig Tesla.“ Dafür war BER II der perfekte Ort, denn hier hatte ein Team des Helmholtz-Zentrums Berlin für Materialien und Energie in jahrelanger Arbeit einen einzigartigen Hochfeldmagneten aufgebaut, der ein Magnetfeld von fast 26 Tesla erzeugen konnte.

Abb.: Schematische Darstellung eines 2D-Spin-Gitters mit orthogonal...
Abb.: Schematische Darstellung eines 2D-Spin-Gitters mit orthogonal ausgerichteten Spinpaaren. Die rot-blauen und grünen Wirbel stehen für Magnonenpaare.
Quelle: EPFL

„Die Auswertung hat viel Zeit benötigt“ erklärt Fogh. Denn die Neutronenstreudaten liefern nicht automatisch ein Bild, sondern müssen interpretiert werden. Dies gelingt nur mit überzeugenden theoretischen Modellen. „Wie beim Ping-Pong haben wir die Messdaten mit einem Theorie-Team hin- und her gespielt, aber nun haben wir einige Aussagen gut herausarbeiten können.“

Das Team untersuchte Proben aus SrCu2(BO3)2 – ein Modellsystem für ideale Frustration in einem zweidimensionalen Spinsystem. Es besteht aus halbzahligen Spin-Einheiten, die orthogonal auf einem quadratischen Gitter angeordnet sind und sich gegenseitig auf unterschiedliche Weise beeinflussen. Diese ideal frustrierte Geometrie führt zu vielen unkonventionellen Effekten, die mit Quasiteilchen, den Magnonen, und ihren Anregungen beschrieben werden. Die magnetische Ordnung in quantenungeordneten magnetischen Materialien wird üblicherweise als Bose-Einstein-Kondensation von Magnonen beschrieben.

„Wir wollten herausfinden, ob diese Magnon-BEC bei hohen Magnetfeldern auch in unserem Modellsystem erscheint, oder ob es hier einen alternativen Mechanismus gibt,“ sagt Fogh. Das Neutronenstreuexperiment am Hochfeldmagneten am BER II war dafür ideal geeignet. „Damit konnten wir Spinanregungen von SrCu2(BO3)2 bis zu 25,9 Tesla messen und mit Hilfe theoretischer Modelle die experimentellen Spektren mit hoher Genauigkeit reproduzieren. Die Versuche fanden bei Umgebungsdruck und Temperaturen nahe am absoluten Nullpunkt statt, bei zweihundert Millikelvin.“

Die Auswertung und Interpretation der Messdaten zeigt, dass sich unter diesen extrem hohen Magnetfeldern eine spin-nematische Phase etabliert, die auch bestimmte Magnon-Phänomene aufweist. Es findet sich sogar eine Analogie zur Supraleitung, was darauf hindeutet, dass die spin-nematische Phase in SrCu2(BO3)2 am besten als Kondensat bosonischer Cooper-Paare zu verstehen ist.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich mit Hilfe von Neutronenstreu-Experimenten unter extrem hohen Magnetfeldern noch unbekannte Regionen der Materie erkunden lassen, insbesondere korrelierte Phasen von Vielteilchensystemen. „Unter den Bedingungen von starker Frustration und kontrollierten Extrembedingungen sind noch viele neuartige Zustände und Ordnungen zu finden“, meint Fogh.

HZB / RK

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