Die Kunst der Quantenkontrolle
Immanuel Bloch erhält gemeinsam mit dem US-amerikanischen Physiker Jun Ye den diesjährigen Wolf-Preis für Physik.
Maike Pfalz / MPQ
Die Wolf Foundation zeichnet in diesem Jahr Immanuel Bloch, Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching und Professor an der LMU München, und den US-amerikanischen Physiker Jun Ye von der University of Colorado in Boulder, USA, aus. Die Wolf-Preis für Physik 2026 würdigt die Arbeit der beiden Forscher und die damit verbundenen „bahnbrechenden, breit anwendbaren Fortschritte bei der Kontrolle von Systemen ultrakalter Atome.“
Die in Israel ansässige Wolf Foundation vergibt den Wolf-Preis seit 1978 an Wissenschaftler:innen und Künstler:innen für „Verdienste zum Wohle der Menschheit und freundschaftliche Beziehungen unter den Völkern“. Gestiftet wurde der Preis von Ricardo Wolf, einem in Deutschland geborenen Erfinder. Der Wolf-Preis ist mit 100.000 Dollar dotiert, wird in sechs Kategorien vergeben und zählt zu den renommiertesten Preisen weltweit.

Immanuel Blochs Forschung ist von einer grundlegenden Herausforderung der modernen Physik geprägt, nämlich das Verhalten komplexer Quantenvielteilchensysteme aus miteinander wechselwirkenden Teilchen zu verstehen. Solche Systeme spielen unter anderem für die Eigenschaften von Festkörpern und neuartigen Quantenmaterialien eine wichtige Rolle. Deren Dynamik ist aber schon bei einer relativ kleinen Teilchenzahl so komplex, dass sie sich mit klassischen Computern nur eingeschränkt berechnen lässt.
Bloch und sein Team haben entscheidend dazu beigetragen, mit der Quantensimulation einen anderen experimentellen Zugang zu solchen Systemen zu etablieren. Hierbei sind ultrakalte Atome in optischen Gittern aus Laserlicht angeordnet. Diese künstlichen Quantensysteme erlauben es, die Wechselwirkungen zwischen einzelnen Teilchen mit hoher Präzision zu kontrollieren und zu beobachten. Die ultrakalten Atome dienen somit als Modellsystem, um grundlegende Phänomene der Quantenwelt unter genau definierten Bedingungen zu untersuchen.
Zu Blochs wegweisenden Arbeiten zählt die Beobachtung des Quantenphasenübergangs von einer Supraflüssigkeit zu einem Mott-Isolator. Darüber hinaus leistete er Pionierarbeit auf dem Gebiet der Quantengasmikroskopie, untersuchte die Vielteilchenlokalisierung und beobachtete die Entwicklung eines fermionischen Mott-Isolators vom Pseudogap-Metall hin zu einer Fermi-Flüssigkeit.
Mit seinen Arbeiten hat Bloch nach Einschätzung der Wolf Foundation das Paradigma der Quantensimulation entscheidend geprägt. Seine Forschung hat weitreichende Auswirkungen auf die moderne Physik und auf neue Quantentechnologien. Quantensimulatoren ermöglichen es, komplexe Quantensysteme unter kontrollierten Bedingungen nachzubilden und zu untersuchen und damit grundlegende Eigenschaften von Quantenmaterie besser zu verstehen.
Immanuel Bloch studierte Physik an der Universität Bonn und promovierte 2000 nach einem Auslandsaufenthalt in Stanford bei Theodor Hänsch an der LMU München. Im Anschluss war er Postdoc am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ) in Garching und an der LMU München. 2003 erhielt er einen Ruf auf eine C4-Professur an die Universität Mainz. Seit 2008 ist er Direktor am MPQ und W3-Professor an der LMU. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen gewürdigt: 2005 erhielt er den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG, den Bundesverdienstorden und den Preis der International Commission of Optics, 2013 einen Hector Science Prize, den Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft, 2021 wurde er mit dem Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet, 2023 erhielt er den ZEISS Research Award und 2024 die Stern-Gerlach-Medaille der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Bloch ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina), der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Weitere Infos
Weitere Beiträge
- I. Bloch, Ultrakalt simuliert, Physik Journal, August / September 2024, S. 36 (PDF)
- M. Greiner und I. Bloch, Quantengase unter dem Mikroskop, Oktober 2015, S. 33 (PDF, frei)
- M. Pfalz, Quanten im Zentrum, Physik Journal, Februar 2020, S. 20 (PDF, frei)
- K. Paff, "Wir haben so viele Ideen" - Interview mit Immanuel Bloch, Physik Journal, Oktober 2013, S. 58 (PDF, frei)














