111 Orte auf dem Mond, die man gesehen haben muss
Martin Nusch, 111 Orte auf dem Mond, die man gesehen haben muss, Emons, Köln 2025, 240 Seiten, brosch., 18,95 Euro, ISBN 9783740824976
Martin Nusch

Dieses Buch vereinigt drei Dinge auf einmal: eine amüsante Idee, eine hübsche Aufmachung und eine verpasste Gelegenheit. Der Verlag hatte die gute Idee, sich mit seiner bislang auf irdische Orte und Regionen begrenzten Reihe in den Weltraum zu wagen, denn schließlich steht die erste bemannte Mondumrundung nach über fünfzig Jahren bevor.
Dass es an attraktiven und originellen Bildern nicht mangelt, offenbart schon ein flüchtiges Durchblättern. Das Thema Mond ist zudem so reichhaltig, dass eine interessante Auswahl an interessanten wie skurrilen Aspekten gewährleistet sein sollte. Martin Nusch macht die verschiedenen Themen zumeist an Mondkratern fest, führt aber auch irdische Orte mit Mondbezug an. Die Beiträge sind alphabetisch sortiert von A wie Abendhimmel bis W wie Wien.
Der oberflächliche Blick zeigt eine große thematische Bandbreite: mythologisch, geschichtlich, selbstverständlich astronomisch und astronautisch, aber auch kunst- und kulturgeschichtlich. Daher habe ich mich auf die Lektüre gefreut, die mir aber zusehend Stirnrunzeln und Kopfschütteln beschert hat. Das fängt mit dem Lackmustest an, ob essenzielle Fakten stimmen.
Beim Beitrag zu Amiens, dem Wohnort von Jules Verne, steht: „Im Buch [Von der Erde zum Mond] lassen sich zwei Männer mit einer Kapsel aus einer Kanone zum Mond schießen.“ Tatsächlich sind es drei Männer und – durchaus nicht unerheblich – zwei Hunde. Und die drei fiktiven Raumfahrer erreichen schon im ersten und nicht erst im zweiten Band von Vernes Romanen die Umlaufbahn um den Mond. Nusch greift mit dem Thema Mondtourismus einen eher abwegigeren Aspekt auf, da haben Vernes Mondromane viel Interessanteres zu bieten.
Beim Krater Armstrong ist zu lesen: „Armstrong knipste, deswegen gibt es von ihm selbst nur Bilder in der Spiegelung von Aldrins Helm.“ Stimmt nicht, es gibt mindestens ein Foto, dass Aldrin von Armstrong auf dem Mond aufgenommen hat. Das lässt sich schon mit einer schnellen Google-Suche herausfinden.
Das Web selbst wäre mindestens einen eigenen Beitrag wert gewesen. Mir fallen auf Anhieb drei „digitale Orte“ ein, die so aufschlussreich und spannend sind, dass man sie im Rahmen eines solchen Buches nicht verschweigen sollte.
Die anderen Bände der Reihe sind natürlich als unterhaltsame Reiseführer zu irdischen Orten angelegt. „Ein bisschen ist dieser Band auch ein Reiseführer“, heißt es dagegen im Vorwort des „Mondführers“. Rund 20 der 111 Beiträge führen dann auch tatsächlich zu irdischen Orten mit mehr oder weniger Mondbezug. Damit schöpft Martin Nusch aber das touristische Potenzial bei Weitem nicht aus.
Er lässt viele relevante Ziele völlig aus, etwa die umfangreiche Raumfahrtausstellung im Technikmuseum Speyer. Die Ausstellung, begründet vom versierten Raumfahrtjournalisten Gerhard Daum, bietet im Bereich zum Mond Original Mondgestein der NASA sowie 1:1-Nachbildungen der Apollo 11-Mondlandefähre und des Mondautos. Dazu kommt, dass Daum viele der Apollo-Astronauten zu Veranstaltungen nach Speyer geholt hat. Es lässt sich dort also auf den Spuren von Buzz Aldrin & Co. wandeln.
Eine weitere verfehlte Gelegenheit ist der Beitrag zum Krater Langley. Statt den spannenden Mondbezug des Namensgebers zu beleuchten, der zudem einen touristischen Tipp abgegeben hätte, weil im Langley Research Center die Originalkapsel von Apollo 12 zu sehen ist, erzählt der Autor etwas über eine haarsträubende Verschwörungstheorie, die mit der Air-Force-Basis Langley zu tun hat.
Beim Krater Malapert geht es um die private Mondmission IM-1 (Odysseus), die im Krater Malapert A gelandet ist, insbesondere um die Musik, die sie an Bord hatte. Nusch spekuliert darüber, welche Mond-Songs in der musikalischen Zeitkapsel enthalten sind und versäumt so, nach dem tatsächlichen Inhalt zu recherchieren. Der ist sehr viel spannender als das nur geratene Mixtape von Nusch. Auch hier wären die Fakten nur eine kurze Google-Suche entfernt gewesen.
Vieles in den einzelnen Beiträgen gerät eher flapsig (besonders unpassend bei Kopernikus) und wenig fundiert, setzt falsche Akzente (vgl. Langley) und/oder verschweigt passende Orte, die sich besuchen lassen: Bei Kepler fehlt etwa ein Hinweis auf das Kepler-Museum in Weil der Stadt. Bei Peenemünde vermisse ich einen Hinweis auf die Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen. Bei Babelsberg hätte man einen Hinweis über die Besichtigungsmöglichkeiten der Halle spendieren können, in der Fritz Lang seinen Film „Frau im Mond“ gedreht hat. Übrigens: Lang hat zwar als erster den Countdown bildmächtig in Szene gesetzt, diesen aber nicht erfunden. Das war eher Jules Verne in „Kein Durcheinander“ (1891), einer Art Fortsetzung seiner Mondromane.
Einige Beiträge bestechen durch fehlenden Mondbezug, etwa der zum Berliner Fernsehturm. Und Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa haben zwar einen Krater auf dem Mond, aber da hätte man andere Berühmtheiten finden können, die mehr mit unserem Trabanten am Hut haben. Wie wäre es mit Arno Schmidt, dem größten Selenophilen der deutschen Literatur? Der hat zwar nur mittelbar einen Krater auf dem Mond, aber da hätte sich das Mare Crisium angeboten sowie der Ort Bargfeld, wo man das Wohnhaus des mondsüchtigen Autors besichtigen kann. Es ließe sich noch vieles andere mehr ergänzen...
Ich bedauere es sehr, diesen Band nicht guten Gewissens empfehlen zu können. Ohne Vorwissen erhält man vielfach allzu vage, irrelevante oder fehlerhafte Informationen, mit Vorwissen ärgert man sich schlichtweg zu oft.
Alexander Pawlak
P.S. Wer des Englischen mächtig ist, findet mit „Moon an Illustrated History“ (2019) von David Warmflash ein ähnlich konzipiertes, aber gelungenes Buch. Dieses ist chronologisch statt alphabetisch aufgebaut und bietet auch ein gutes Verzeichnis weiterführender Literatur und Links. Gedruckt ist es leider nur noch antiquarisch erhältlich, die günstige E-Book-Version ist aber verfügbar, z.B. hier.
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