Holographisch erinnern
Holographische Projektionstechnik und Künstliche Intelligenz (KI) bewahren die Erfahrungsberichte von Holocaust-Überlebenden für kommende Generationen.
Alexander Pawlak / TU Dortmund
Holographien machen Vergangenes erlebbar, am spektakulärsten ist das bei der schwedischen Popgruppe ABBA zu erleben. Die vier Gruppenmitglieder haben sich längst aus dem Rampenlicht zurückgezogen, aber ihre „Abbatare“, holographische Projektionen ihres jüngeren Selbst, ziehen immer noch tausende Fans zu virtuellen Konzerterlebnissen nach London.
Möglich macht das die Holographie, deren Prinzip der ungarisch-englische Physiker Dennis Gabor bereits 1948 entwickelt hat. Erst mit der Verfügbarkeit von Lasern als zuverlässige Quelle für kohärentes Licht wurde die Holographie praktisch anwendbar. Gabor erhielt dafür 1971 den Nobelpreis für Physik.
Der besondere Reiz der Holographie liegt darin, dass sich mit der Holographie dreidimensionale Bilder erzeugen und speichern lassen. Das gelingt, da sich anders als bei einer Fotografie nicht nur die Lichtintensität, sondern auch seine Phase aufzeichnen lässt. Dazu wird ein Laserstrahl geteilt: Ein Teil beleuchtet das Objekt, der andere dient als Referenzstrahl. Auf einer Fotoplatte oder einem Sensor überlagern sich beide Strahlen und erzeugen ein Interferenzmuster. Beleuchtet man die Aufnahme später erneut mit einem passenden Laser, rekonstruiert das Interferenzmuster die ursprünglichen Lichtwellen. Dadurch erscheint ein räumliches, scheinbar frei schwebendes Bild, das je nach Blickwinkel Tiefe und Perspektive zeigt – genau wie das echte Objekt.
Das Illinois Holocaust Museum nutzt die holographische Projektion bereits seit 2017, um die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden möglichst lebendig zu erhalten. Hochauflösende holographische Interviewaufzeichnungen ermöglichen es in Kombination mit Spracherkennungstechnologie, dass die Holocaust-Überlebenden virtuell ihre persönlichen Geschichten erzählen, aber auch Fragen aus dem Publikum beantworten können. Statt einer reinen Aufnahme ergibt sich so ein persönliches „Gespräch“.

Aktuell leben noch rund 200.000 Überlebende der Schoa, deren Durchschnittsalter mittlerweile bei 87 Jahren liegt. Umso drängender wird es, ihre unschätzbaren Erinnerungen an die Gräuel des Nationalsozialismus zu bewahren.
Dafür kommt nun auch in Deutschland modernste Hologramm-Technik in Verbund mit Künstlicher Intelligenz im Projekt HOLO-VOICES zum Einsatz. Das Projekt des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und der Technischen Universität Dortmund ist ab dem 27. Januar 2026, dem diesjährigen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen zu erleben.
Ziel ist es, die Erfahrungsberichte von Überlebenden des Holocaust für nachkommende Generationen dauerhaft und interaktiv zugänglich zu machen. Voraussetzung dafür sind lange Interview-Sitzungen mit Holocaust-Überlebenden. Das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek hat bereits vor einigen Jahren solche Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet. Diese Aufnahmen wurden jetzt für die Hologramm-Technik genutzt. Darüber hinaus haben Studentinnen und Studenten des Journalistik-Studiengangs der TU Dortmund gemeinsam mit Historikerinnen und Historikern für HOLO-VOICES einen umfangreichen Interview-Fragenkatalog für weitere Holocaust-Überlebende zusammengestellt.
Neben den Hologrammen wird die Ausstellung „Frag nach!“ zum Leben von Inge Auerbacher und Kurt Salomon Maier des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek gezeigt. Außerdem wird es eine vom Verein ZWEITZEUGEN kuratierte Ausstellung „Unter Tage – Unter Zwang“ zur Zwangsarbeit im Steinkohlebergbau geben. Diese entsteht in Kooperation mit dem Ruhr Museum.
Angesichts der herausragenden gesellschaftlichen Bedeutung und der europaweiten Einzigartigkeit des Projekts ist es gelungen, mehrere Förderer für HOLO-VOICES zu gewinnen. Die RAG-Stiftung, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Brost-Stiftung tragen rund 35 Prozent der Gesamtkosten von rund 3,2 Millionen Euro. Die restliche Finanzierung liegt beim Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und wird der TU Dortmund als Projektträger zweckgebunden zur Verfügung gestellt.
„Jüdinnen und Juden müssen sich zu jeder Zeit überall in Nordrhein-Westfalen sicher fühlen. In Zeiten, in denen der Antisemitismus in beunruhigendem Ausmaß erstarkt, ist das Hologramm-Projekt ein Leuchtturm", sagt Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden.
Zeitzeugin Eva Weyl: „Die moderne Technik mit KI ist fantastisch. So kann ich mithelfen, dass die Geschichte bewahrt bleibt. Besonders den jungen Menschen möchte ich sagen: Ihr müsst die Vergangenheit kennen, um zu helfen, dass der Frieden bewahrt bleibt. Helft mit gegen Intoleranz, gegen Respektlosigkeit und gegen Entwürdigung. Und sprecht über das, was ihr bei HOLO-VOICES erfahrt. Erzählt es Euren Eltern, sprecht zu Hause darüber – und seid menschlich!“
Weitere Informationen
- Holo-Voices
- Interactive Holograms: Survivor Stories Experience (Illinois Holocaust Museum)
- New Claims Conference Data 2026
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