05.03.2026

Die Farben des Universums

Florian Freistetter: Die Farben des Universums, Hanser Verlag, München. 256 Seiten, geb, 24 Euro, ISBN 9783446283084

Florian Freistetter

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Das neue Buch von Florian Freistetter, promovierter Astronom und Mitglied der Wissenschaftskabarettgruppe Science Busters, ist ein oft umständlich geschriebenes astronomisches Potpourri, das sich an den Farben des Regenbogens entlanghangelt, mit dem sich kein brauchbarer (kein Witz beabsichtigt) roter Faden aufspannen lässt. Es ist ideal für alle, die sich nicht für tiefergehende Fragen zu Farben und ihre Wahrnehmung und Messung interessieren, denen die physikalischen Hintergründe nicht so wichtig sind und die keine Fotos oder Grafiken mögen.

 „Die Farben des Universums“ ist nicht nur wegen des Fehlens jedweder Abbildungen ein Etikettenschwindel. Das beginnt schon beim kunterbunten Motiv des Schutzumschlags und des Buchvorsatzes, das auf den ersten Blick attraktiv, auf den zweiten inhaltsleer ist. Er zeigt künstlerische Darstellungen von 25 Exoplaneten, die nicht mehr sind als künstlerische Darstellungen von 25 Exoplaneten. Freistetter würdigt Exoplaneten dadurch, dass er im Kapitel „Violett“ darüber spekuliert, dass der Blaue Planet Erde wegen des pflanzlichen Lebens auch ein grüner Planet ist, aber in der Vergangenheit violett gewesen sein könnte, was ihn zur Spekulation über „violettes Leben“ im All veranlasst.

Solche schillernden Gedankenspiele mögen Laien beeindrucken, treffen aber beim behandelten Thema nicht zwingend ins Schwarze, mit dem das Buch übrigens beginnt. Das steigt damit ein, dass das Universum eine schwarze Farbe hat. Freistetter schreibt: „Und schwarz ist das Universum tatsächlich nur dort, wo nichts ist.“ (S. 7) Dass der leere Raum durchsichtig ist und die Frage nach dem schwarzen Himmel Gegenstand des „Olberschen Paradoxons“, verschweigt der Autor. Warum? Ich habe nicht die geringste Ahnung.

Um den Regenbogen geht es erst ab Seite 184, und da wird es kurios, wenn nach einer umständlichen Beschreibung, wie unterschiedlich das Licht in einem Regentropfen reflektiert wird, dieser Satz folgt (S. 189): „Das klingt schrecklich geometrisch, und ohne eine Skizze kann man es sich vermutlich schwer vorstellen.“ Das wiederum klingt wie eine (berechtigte) Randbemerkung des Lektorats im Manuskript!

Auf S. 185/186 schreibt Freistetter: „Das elektromagnetische Spektrum ist ein natürliches Phänomen, wie wir die Farben darin bestimmen, ist dagegen eine rein menschliche und kulturelle Angelegenheit.“ Selbst in einem Buch, das sich offensichtlich an Laien richtet, ist ein solcher Satz grober Unfug und ein Indiz dafür, dass sich der Autor über den Regenbogen hinaus nicht ernsthaft mit dem Thema Farben auseinandergesetzt hat.

Farbige Physik

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Michael Vollmer • 3/2020 • Seite 38

Mehr als Blau

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Michael Vogel • 12/2013 • Seite 52

Farbe satt

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Matthias Rang, Oliver Passon und Johannes Grebe-Ellis • 3/2017 • Seite 43

Optische Komplementarität

Wenn doch, dann wäre er vielleicht beim seltsam betitelten Kapitel „Der große Rest“ darauf gekommen, dass sich da ein fantastischer Bogen von Erwin Schrödingers prägenden Arbeiten zur Farbtheorie (u.a. im Jahr 1925 „Über die subjektiven Sternfarben und die Qualität der Dämmerungsempfindung“) bis zu brandaktueller Forschung zum Thema Farbwahrnehmung hätte spannen lassen.

Stattdessen schreibt er dem Mond einfach die Farbe „grau“ zu. Das ist dann der Ausgangspunkt für ein paar Seiten über Regolith, mit dem er wirkungsvoll den grauen Mantel des Schweigens über die Beobachtungen der Selenographie im 18. und 19. Jahrhunderts oder diejenigen der Apollo-Astronauten breitet. Nebenbei: Dass die Lesenden auch in der Lage sind, den zumeist gar nicht so grauen Mond selbst am Himmel zu sehen, kommt dem Astronomen Freistetter nicht in den Sinn.

Das sind nur wenige der Unstimmigkeiten des Buches, von denen mir die Aussage, dass das von Planck postulierte Quant eine  „kleinstmögliche Menge“ (S. 24) von Energie darstellt, besonders aufgestoßen ist. Geben Sie das einfach mal bei Google ein und die KI korrigiert das zu Recht. Planck hat auch mitnichten seine Rechnungen als  „Akt der Verzweiflung“ bezeichnet. Woran sich seine Verzweiflung wirklich entzündet hat, ließe sich durchaus kompakt und verständlich erzählen.

Dass es im Buch weder etwas über Schrödingers Überlegungen zu Farben noch zu ebensolchen von Goethe, Riemann, Helmholtz, Wittgenstein etc. zu lesen gibt, kann ich beim besten Willen nicht als berechtigten Versuch werten, den Leser:innen allzu Schwieriges zu ersparen.

Immerhin enthält das Buch Passagen, die sich für eine farbenfrohe Podcast-Reihe eignen könnten, um Menschen zu motivieren, sich eingehender mit Astronomie und Astrophysik zu beschäftigen. Doch wenn der Rückentext das Buch als „Die bunteste Geschichte des Alls seit 13,8 Milliarden Jahren“ bezeichnet, wird es mir ehrlich gesagt zu bunt.

Alexander Pawlak

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