08.07.2026

Filmkritik: Virginia Woolfs Night and Day

Virginia Woolf's Night and Day (2025), Regie: Tina Gharavi, GB, D, IRL, 95 Minuten, FSK 6, Verleih: Wild Bunch (Filmstart 9. Juli 2026)

Tina Gharavi

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„Night and Day“ ist der zweite Roman von Virginia Woolf. Sie schrieb ihn in der Zeit des Ersten Weltkriegs und befreite sich damit aus einer großen psychischen Krise. Angesiedelt in den Jahren vor dem Krieg erzählt sie weitschweifig von den Irrungen und Wirrungen Katherine Hilberrys, einer jungen unverheirateten Frau aus bestem bürgerlichen Hause, die sich der traditionellen Rolle als Ehefrau verweigert. Stattdessen schlägt ihr Herz für Mathematik und Astronomie.

Eine unentschlossene Verlobung mit dem Schöngeist William Rodney, die zögerliche Zuneigung zum Anwaltsgehilfen Ralph Denham und der Kontakt mit der Suffragette Mary Datchet spannen den Rahmen für die Handlung auf, die noch sehr damaligen literarischen Konventionen verpflichtet ist und noch keine Anzeichen des späteren experimentellen Stils von Woolf zeigt.

Astronomie und die Welt der Sterne fungieren dabei vor allem noch Kontrast zu den starren gesellschaftlichen Verhältnissen, denen Katherine entfliehen möchte. Sie verfolgt nicht das Ziel, ernsthaft Mathematik und Astronomie zu betreiben. Ganz anders in der aktuellen Film-Adaption des Romans.

Darin lassen Regisseurin Tina Gharavi und Drehbuchautorin Justine Waddell keine Zweifel, dass Katherine wild entschlossen ist, Physik und Astronomie zu studieren und eine ernsthafte wissenschaftliche Karriere einzuschlagen – gegen des Willen ihres Vaters, gespielt von Timothy Spall, der ganz und gar den Konventionen des Edwardianischen Englands verpflichtet ist.

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Der Film strafft die ausufernden Szenen des Romans deutlich, lässt aber immer wieder Schlüsselmomente aufblitzen, die zum Teil auch neu kombiniert sind. Dadurch gehen natürlich Subtilitäten und Nuancen verloren, eine adäquate Literaturverfilmung wie man sie etwa von James Ivorys preisgekrönten Adaptionen von E. M. Fosters Romanen kennt, darf man eher nicht erwarten. Tina Gharavi kontrastiert das historische Setting dagegen mit einer modernen Inszenierung, in der auch aktuelle Popklänge als Soundtrack zu hören sind. Dazu kommen zeitgemäße Updates wie das homosexuelle Verhältnis ihres Cousins Cyril.

Die besonderen Stärken, aber auch Schwächen entfaltet der Film, wenn es um Katherines Leidenschaft für die Astronomie geht. Aus ihrem Zimmer mitten in London unternimmt sie astronomische Beobachtungen, was auch im Jahr 1910, in dem die Handlung angesiedelt ist, schwierig gewesen sein dürfte. Aber ihr gelingt es dennoch, eine Theorie über veränderliche Sterne zu entwickeln, bei der ihr aber die Amerikanerin Henrietta Swan Leavitt zuvorkommt.

Die Darstellung von Katherines Forschungen überzeugt viel weniger als Katherines Entschlossenheit, ein Universitätstudium aufzunehmen. So bleibt rätselhaft, wo die zwei Photoplatten herkommen, anhand derer sie kurzerhand ihre Theorie entwickelt. Die reale existierende Henrietta Swann Leavitt musste hunderte von astronomischen Photoplatten auswerten, bis sie ihre Perioden-Leuchtkraft-Bezieheung für die Cepheiden formulieren konnte.

Ein Studium der Astronomie war in Cambridge für Frauen tatsächlich bereits seit den 1870er-Jahre im Rahmen von speziellen Frauen-Colleges möglich, sie waren aber nicht als richtige Universitätsangehörige anerkannt waren. Erst ab 1948 konnten Frauen an der Universität Cambridge reguläre Abschlüsse erwerben. Dass sich Katherine schließlich unbefangen unter die Studenten mischen kann, erscheint eher unwahrscheinlich.

Die Filmadaption punktet weniger mit wissenschaftlicher Akkuratesse als mit ihrer leichtfüßig-humorvollen Inszenierung und die astronomische Anreicherung der ursprünglichen Romanhandlung. Dazu gehört Katherines Begegnung mit der Astronomin Lady Margaret, mit der vermutlich Margaret Lindsay Huggins (1848–1915) gemeint ist, die gemeinsam mit ihrem Mann William forschte, aber lange in dessen Schatten stand. Heute gilt sie als eine Pionierin der Astrophysik, speziell der Spektralanalyse von Sternen und Nebeln. Sie starb 1915, ein Jahr bevor die Royal Astronomical Society erstmals Frauen als reguläre Mitglieder akzeptierte. Hier scheitert Katherine im Film vor der versammelten verstockten Männerschar.

Die Nebenhandlung, in der die Frauenrechtlerin Mary Datchet und ihre Mitstreiterinnen in Erscheinung treten, bleibt – im wahrsten Sinne des Wortes – allzu plakativ. Elyas M. Barek, der hier in seiner ersten internationalen Produktion zu sehen ist, kann sich angesichts der Kürze des Film in der Rolle des Ralph Denham kaum entfalten. Hier geht viel verloren, was der Roman in großer Ausführlichkeit ausbreitet.

Virginia Woolfs Night and Day funktioniert als zugänglicher Spielfilm mit wissenschaftlichem Setting im Stile von Hidden Figures (2016) oder The Theory of Everything (2014). In Berlin ist der Film passenderweise im Kino des Zeiss-Großplanetariums zu sehen. Tina Gharavis Film ist dabei nicht nur ein kurzweiliger Ausgangspunkt, um sich mit der wichtigen, aber oft genug unterdrückten Rolle von Frauen in der Astronomiegeschichte zu beschäftigen, sondern auch mit Virginia Woolfs lebenslangen Interesse an der Astronomie. Die „Zwei Kulturen“ sind bei ihr keineswegs Gegensätze wie Nacht und Tag.

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