Let's get physical! – La STPO: Les Liquidateurs
La Société des Timides à la Parade des Oiseaux: Les Liquidateurs, In-Poly-Sons – IPS1013 (2015)
Alexander Pawlak

Wenige Jahre vor Ende des Kalten Krieges explodierte am 26. April 1986 der Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Die Sowjetunion versuchte, diesen ersten Super-GAU möglichst zu vertuschen. Doch als die Nachricht von erhöhter Radioaktivität in Schweden die Runde machte, ließ sich die Reaktorkatastrophe nicht mehr verbergen.
Vor Ort versuchte man mit Feuerwehrleuten und Soldaten, den größten anzunehmenden Unfall unter Kontrolle zu bringen. Von den ersten Notfallmaßnahmen bis zu späteren Aufräumarbeiten waren dafür hunderttausende Menschen im Einsatz, die sogenannten Liquidatoren, meist junge Männer aus allen Regionen der Sowjetunion.
Die unterschiedlichsten Songwriter:innen und Bands befassten sich musikalisch mit dem Unglück und seinen Folgen, darunter beispielsweise Wolf Maahn mit Tschernobyl (Das letzte Signal) (1986), Paul Simon mit Can't Run But (1990) oder die ukrainischen Rockband Skryabin mit Chornobyl Forever (2000), um nur einige wenige zu nennen.
Besonders beeindruckend ist die umfangreiche Komposition Les Liquidateurs der französischen Band La STPO, die sich im März 1984 in Rennes gegründet hat. Die Abkürzung steht für „La Société des Timides à la Parade des Oiseaux“, auf Deutsch: die Gesellschaft der Schüchternen auf der Vogelparade. Dieser ungewöhnliche Name war ein spontaner Einfall von Pascal Godjikian, dem Sänger der Band, zu dem er durch einen Besuch einer Ausstellung mit Bildern des französischen Malers Édouard Manet inspiriert wurde. Der Geistesblitz kam ihm zuerst auf Englisch („shy society at the bird parade“), die Übersetzung ins Französische folgte.
Der Name spiegelt sehr gut den ebenso originellen wie schwer zu fassenden Charakter der Band und ihrer Musik wider, die vielfältigste Einflüsse aus Avantgarde, progressiver bis experimenteller Rockmusik, Punk, Musiktheater, aber auch bildender Kunst und Literatur, nicht zuletzt surrealistischer oder dadaistischer Prägung beinhaltet.
Erklärter Wille ist, sich möglichst nicht zu wiederholen. Der ausdrucksstarke, theatralische Gesangsstil von Pascal Godjikian, der auch die Texte verfasst, verleiht der Musik von La STPO dennoch einen gewissen Wiedererkennungswert. Das gilt auch für das fast halbstündige Stück „Les Liquidateurs“, ein abwechslungsreiches und emotional beeindruckendes Opus magnum, fernab vom Mainstream.
Diese musikalische Hommage an die Männer und Frauen und an das, was sie während der Rettungs- und Aufräumarbeiten am havarierten Kernreaktor von Tschernobyl erdulden mussten, ist vom Dokumentarfilm The Battle of Chernobyl (2006, Regie Thomas Johnson) inspiriert und erzählt die Geschichte eines jungen Liquidators aus Armenien, das Teil der Sowjetunion war. Die Komposition besteht aus sechs Teilen, verbunden durch Geräuschfragmente, die ein Klangpanorama der nahegelegenen Stadt Prypjat bilden, in der sich die unsichtbare Radioaktivität zunächst von der Bevölkerung unbemerkt ausbreitete.
Wie eine Chronologie des Unglücks beginnt „Les Liquidateurs“ mit der Alarmphase, der Mobilisierung der Liquidatoren und der Ansprache des Befehlshabers. Es folgen der Ansturm auf den Reaktor, das Zögern von Michail Gorbatschow, dem damaligen Generalsekretär des ZKs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, dann der Schrecken auf dem Dach des Reaktors bis hin zum Tod des armenischen Liquidators. Der hatte sich angsterfüllt, aber voller Pflichtbewusstsein in die gefährliche Arbeit gestürzt, auch wenn er die russischen Anweisungen nicht verstehen konnte. Daher findet sich der Text des Stücks auf der Beilage zur LP und im Booklet der CD zusätzlich in einer armenischen Übersetzung.
So gefährlich die Situation am Ort des Unglücks war, so schwierig lässt sich der spätere Tod von Liquidatoren durch Tumore eindeutig auf die zusätzliche Einwirkung der ionisierenden Strahlung im explodierten Reaktorblock zurückführen. Großangelegte Studien erwiesen sich schon wegen der Ermittlung der Dosis als schwierig: Die benutzten Dosimeter wurden teilweise nicht kalibriert oder verschwanden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Zudem sind viele der als Liquidatoren abgestellten Personen, oft rekrutierte Soldaten, nicht mehr auffindbar.
Die höchsten Strahlendosen trafen die Rettungsmannschaften, die unmittelbar bei den Löscharbeiten zum Einsatz kamen, und die Liquidatoren, die anschließend die Aufräumarbeiten erledigten. Noch 1986 verstarben von den Rettungsmannschaften 31 Personen infolge der Explosionen und der Strahlenkrankheit. Jenseits der direkten gesundheitlichen Folgen mussten die Liquidatoren mit der traumatischen Erfahrung und einer Stigmatisierung klarkommen, ähnlich wie bei den Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.
Die Studioaufnahme von „Les Liquidateurs“ fand bereits 2010 statt, die Live-Premiere erlebte das Stück 2011 in Rennes; bis 2017 fand es sich auf der Setlist von La STPO. Die erste Veröffentlichung der Studioversion auf einer limitierten LP war für 2013 geplant, verzögerte sich aber bis 2015. Im Jahr 2018 erschien es auf CD und als Download des Albums L'Empreinte.
Eine besondere Aufführung ergab sich im Jahr 2015, als die Band zum STRCamp-Festival nach Litauen eingeladen wurde, das auf dem Gelände eines ehemaligen sowjetischen Sommercamps stattfand. „Persönlich hat es mich sehr berührt, unser dreißigminütiges Stück über die Liquidatoren von Tschernobyl vor einem Publikum zu spielen, das auch aus ehemaligen Sowjetbürgern bestand“, sagt Pascal Godjikian. „Einige Wochen nach dem Konzert kontaktierte mich eine litauische Frau, die mir erzählte, dass sie dieser Song sehr bewegt habe, da ihr verstorbener Onkel einer dieser Liquidatoren gewesen sei”.
Danksagung
Herzlichen Dank an Pascal Godjikian von La STPO für zahlreiche Hintergrundinformationen und an Ulrich Mrosek für den Hinweis auf die La STPO und „Les Liquidateurs“.
Jukebox
- La STPO – La Société des Timides à la Parade des Oiseaux (Bandcamp)
- Vinyl (vergriffen): La STPO: Les Liquidateurs (In-Poly-Sons) / Discogs
- CD & Download: La STPO: L'Empreinte (Bandcamp)
- Video: La STPO - Les Liquidateurs (Lithuania-Strcamp Festival - 2015) YouTube
- Video: La STPO - Les Liquidateurs (Liège (B) - 2016) YouTube
Sounds of Science
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl
- 40 Jahre nach Tschernobyl (Physik Journal Nachrichten, 9. April 2026)
- Rolf Michel und Gabriele Voigt, Die Wege der Radionuklide, Physik Journal, April 2006, S. 37 PDF
- Peter Jacob, Werner Rühm und Herwig G. Paretzke, Die gesundheitlichen Auswirkungen, Physik Journal, April 2006, S. 42 PDF
- Weitere Artikel zum Thema im Physik Journal Dossier: Reaktorunfälle
Historische Dokumente
- Video: Tschernobyl 86 – Der Super-GAU, ein Film von Volker Heise (2026) ARD Mediathek
Der Dokumentarfilm verwendet ausschließlich zeitgenössische Aufnahmen - Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 SWR Archivradio
Tonaufnahmen aus den ersten Wochen nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. - The International Chernobyl Project, Technical Report: Assesment of Radiological Consequences and Evaluation of Protective Measures1991 (IAEA) PDF
- One Decade after Chernobyl.Summing up the Consequences of the Accident, Proceedings of an International Conference Vienna, 8-12 April 1996 (IAEA) PDF









