16.02.2026 • Let's get physical!

Let's get physical! – The Beach Boys: Solar System

The Beach Boys, Honkin’ Down The Highway / Solar System, Reprise Records, REP 14 479 (1977)

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Die interplanetarischen Sonden Voyager 2 und 1 machten sich im August bzw. September 1977 auf ihre lange Reise durch das Sonnensystem und darüber hinaus.

Dass im selben Jahr ausgerechnet die Beach Boys einen passenden Song vorlegen würden, hätte sicherlich niemand erwartet. Aber der musikalische Kopf der Band, Brian Wilson, reimt den Titel des Songs „Solar System“ im Refrain sinnig mit „brings us wisdom“. Keine Frage, die Voyager-Sonden haben uns neue Weisheiten über das Sonnensystem und mittlerweile sogar über den interstellaren Raum gebracht.

Der psychisch labile Brian Wilson, der hier mit hörbar angegriffener Stimme singt, war 1977 mit 34 Jahren allerdings nur noch ein Schatten des musikalischen Genies, als das er in den Sechzigerjahren galt. Doch immerhin gelang es ihm fast im Alleingang, das Album „The Beach Boys Love You“ zu produzieren. Damit nährte er die Hoffnung, dass er wieder als Mastermind der Band fungieren würde.

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Doch woher kam die Inspiration für ein solch „astronomisches Lied“? Hatte er die Nachrichten über die Voyager-Sonden verfogt? Angeblich soll seine Teilnahme an Astronomie-Kursen an der University of California den Ausschlag gegeben haben. Das erscheint angesichts seiner damaligen Zurückgezogenheit jedoch als höchst unplausibel.

Die aktuelle Neuveröffentlichung des Albums mit weiteren, bislang offiziell unveröffentlichten Aufnahmen bringt da Licht ins Dunkel. Das Cover der Box zeigt nämlich ein schmuckvolles Glasfenster des Aufnahme-Studios, auf dem Planeten und Sterne zu sehen sind. Dies dürfte wohl die wahrscheinlichere Inspiration für Brian Wilsons Komposition gewesen sein.

Ein neues Boxset der Beach Boys enthält das Album „The Beach Boys Love...
Ein neues Boxset der Beach Boys enthält das Album „The Beach Boys Love You“ von 1977. Das Cover zeigt das markante Glasfenster im Brother Studio in Santa Monica, Kalifornien, das den Song „Solar System“ inspiriert haben dürfte.
Quelle: Capitol Records

Der Song kommt wie ein harmloses Kinderlied daher, scheinbar weit entfernt von den musikalisch ausgefeilten und aufwändig produzierten Geniestreichen der Beach Boys, wie dem Album „Pet Sounds“ oder dem Welthit „Good Vibrations“, beide von 1966. Doch nach mehrfachem Hören merkt man, dass einem „Solar System“ nicht mehr so einfach aus dem Kopf geht, Harmonien und Arrangement erweisen sich als anspruchsvoller, als es der erste Eindruck vermittelt. So weist der amerikanische Musikwissenschaftler Philip Lambert auf die Akkordumkehrungen und wechselnde Tonalität von „Solar System“ hin.

Im Text verzahnt Wilson die Himmelswelt mit irdischen Wünschen, kein ganz neuer Ansatz in der Popmusik, man denke nur an den Song „Fly Me to the Moon“ von Howard Bart, der vor allem durch Frank Sinatras Interpretation weltberühmt wurde. Aber Wilsons Worte entfalten einen ganz eigenen, naiven Charme. Unbekümmert irrlichtert er zwischen grundlegenden Fakten („Saturn hat Ringe um sich herum“), mythologischen Aspekten („Neptun ist der Gott des Meeres“) und interplanetarischer Romantik („Wenn es auf dem Mars Leben gäbe, könnte ich meine Frau dort finden“).

Jupiter und Uranus startet Wilson keinen Besuch ab, dafür aber dem später in astronomische Ungnade gefallenen Pluto („Pluto ist zu weit weg, um ihn zu sehen“). Der war übrigens als Station der vom NASA-Ingenieur Gary Flandro konzipierten „Grand Tour“ einer Sonde durchs Sonnensystem vorgesehen. Flandro begann seine Überlegungen dazu im Jahr 1964, als die Beach Boys mit „Get Around“ in den USA einen Nummer 1-Hit landeten. Da ging es auch um den Aufbruch zu neuen Orten – allerdings mit hippen Kids statt außerirdischem Flair.

Mit dem Album „The Beach Boys Love You“ gelang Brian Wilson immerhin ein Achtungserfolg. „Solar System“, die B-Seite der ausgekoppelten Single, wurde jedoch kein Hit, und die Hoffnung auf ein anhaltendes Comeback von Brian Wilson erwies sich 1977 – nicht nur das Jahr von Voyager, sondern auch der Punk-Explosion – als verfrüht. Bald verschwand er wieder in langer Versenkung.

Doch genau wie die Voyager-Sonden zeigte sich Brian Wilson unerwartet hartnäckig. Ihm gelang ein Weg zurück in die Musikwelt, um für viele Jahre weiter zu komponieren und aufzutreten. Die Voyager-Sonden senden weiterhin, doch Brian Wilson starb am 11. Juni 2025.

„Solar System“ war übrigens nie Teil der Setlist der Beach Boys oder von Brian Wilson, doch der Song kam mit gehöriger Verspätung zu Live-Ehren: Al Jardine, Gründungsmitglied der Beach Boys, spielte ihn im Jahr 2025 mit 10-köpfiger Bandbesetzung in einigen seiner Konzerte. Eigentlich schade, dass die goldenen Bild-Ton-Platten an Bord der Voyager-Sonden keine Musik der Beach Boys enthalten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Alexander Pawlak

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