13.01.2026 • Astronomie

Ausgestoßener Planet entdeckt und vermessen

Internationalem Team von Astronomen gelingt „Entdeckung des Jahrzehnts“.

Durch verschiedene Prozesse, wie beispielsweise Gravitationswechselwirkungen mit anderen Planeten, während der Entstehung von Planetensystemen oder nahe Vorbeiflüge an benachbarten Sternen, können Planeten aus ihren Sonnensystemen herausgerissen und in den interstellaren Raum geschleudert werden. Diese einsamen Planeten, die als frei schwebende oder vagabundierende Planeten bezeichnet werden, wandern dann durch die Milchstraße, ohne an einen bestimmten Stern gebunden zu sein. Theoretische Schätzungen gehen davon aus, dass ihre Zahl sehr groß sein könnte und möglicherweise sogar die Zahl der an Sterne gebundenen Planeten übersteigt. Jetzt ist es Astronomen erstmals gelungen, einen dingfest zu machen – und seine Masse zu bestimmen.

Wie können Planeten entdeckt und nachge­wiesen werden, wenn sie kein Licht ausstrahlen und nicht mit einem Mutter­stern interagieren? Die Antwort liegt in Mikro­gravita­tions­linsen, mit der Astronomen die Masse eines Objekts messen können, das Licht ablenkt. In der Praxis tritt Mikro­linsen-Effekt auf, wenn das Licht eines entfernten Sterns durch die Schwer­kraft eines näher gelegenen Objekts, der Linse, abgelenkt und verstärkt wird. Da dieser Effekt nicht davon abhängt, wie hell das Objekt selbst ist, können mit dieser Methode dunkle, nicht leuchtende Körper entdeckt werden, selbst wenn der Planet selbst überhaupt kein Licht ausstrahlt. Die Dauer eines Mikro­linsen­ereig­nisses hängt im Allge­meinen von der Masse der Linse ab. Bei Objekten mit planeta­rischer Masse sind solche Ereig­nisse sehr kurz und dauern nur wenige bis mehrere Stunden.

2017 veröffent­lichten Astro­nomen des Optical Gravita­tional Lensing Experiment (OGLE) Ergebnisse einer Suche nach frei schwe­benden Planeten, die auf mehr­jährigen intensiven Beobach­tungen von etwa fünfzig Mil­lionen Sternen in Richtung des Milch­straßen-Bulges basierten. Dabei entdeckten sie mehrere tausend gravi­tative Mikro­linsen­ereignisse mit Zeit­skalen von Stunden bis zu Hunderten von Tagen. „Diese Beobach­tungen deuteten darauf hin, dass frei schwebende Planeten recht zahlreich sein dürften, aber entgegen früheren Annahmen sollten die meisten von ihnen eher Planeten mit geringerer Masse sein als große, Jupiter-ähnliche Planeten“, sagt Przemek Mróz, der Erst­autor jener Studie.

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Stefan Jordan • 4/2023 • Seite 24

Das neue Bild der Milchstraße

Bald darauf wurden weitere vielver­sprechende Kandidaten für frei schwebende Planeten identi­fiziert. Leider müssen Astronomen, um die Masse eines Planeten direkt bestimmen zu können, die Entfer­nung zur Linse kennen. Allein anhand von Beobach­tungen von der Erde aus ist dies nur in seltenen Ausnahme­fällen möglich. Daher blieben diese Objekte Kandidaten: Je nach ihrer unbe­kannten Entfernung könnten ihre Massen größer – sogar über den für Planeten üblichen Bereich hinaus – oder kleiner sein. Heute sind etwa ein Dutzend solcher Kandidaten bekannt. Der leichteste unter ihnen kann eine Masse haben, die so gering ist wie die des Mars. Dennoch war die Existenz frei schwebender Planeten, obwohl sie sehr wahr­schein­lich ist, noch nicht endgültig bewiesen. Niemandem war es gelungen, die Masse eines solchen Objekts direkt zu messen und zu bestätigen, dass es sich tatsächlich um einen Planeten und nicht um einen masse­reicheren Körper wie einen Braunen Zwerg handelt.

Der jetzige Durchbruch gelang mit Beobach­tungen, die am 3. Mai 2024 gemacht wurden. Mit Tele­skopen des koreani­schen KMTNet-Netz­werks mit Standorten in Australien, Süd­afrika und Chile, sowie dem OGLE-Teleskop am Las Campa­nas Observa­torium in Chile zeichne­ten Astronomen ein kurzlebiges Mikro­gravita­tions­linsen­ereignis auf, an dem ein heller Stern in Richtung Galakti­sches Zentrum beteiligt war. Gemäß der Konven­tion wurde das Ereignis KMT-2024-BLG-0792 / OGLE-2024-BLG-0516 genannt. Bald nach Ende des Ereig­nisses wurde klar, dass die Form der Hellig­keits­varia­tionen mit den Vorher­sagen für eine Mikro­linse überein­stimmt, die durch einen frei schwebenden Planeten verur­sacht wird. Das Ereignis wurde sofort in die Liste der viel­ver­sprechends­ten Kandidaten für frei schwebende Planeten aufge­nommen.

Astronomen erkannten schnell, dass der Bereich des Himmels, in dem dieses Mikro­linsen­ereignis stattfand, zeit­gleich von der ESA-Flaggschiff-Mission Gaia vom Lagrange-Punkt L2 aus beobachtet wurde. Gaia – mittlerweile abgeschaltet – war nicht für die Beobachtung sehr kurz­lebiger Ereignisse ausgelegt, da es den­selben Bereich des Himmels in der Regel nur alle dreißig Tage erneut beobachtet. Doch wieder einmal hatten die Astronomen außerge­wöhnliches Glück. Der Satellit beobachtete diesen Bereich nicht nur während des kurzen, zwei Tage dauernden Ereig­nisses, sondern führte innerhalb von 15 Stunden auch sechs photo­metrische Messungen durch, genau in den wichtigsten Momenten, als die durch das Linsen­effekt verur­sachte Licht­verstärkung am stärksten war.

Die gleichzeitigen Beobachtungen des Mikro­linsen­ereig­nisses KMT-2024-BLG-0792/OGLE-2024-BLG-0516 von der Erde und von Gaia aus boten eine einzig­artige Gelegenheit, die Entfer­nung zum Linsen­objekt paral­lak­tisch zu messen. Die photo­metrischen Daten von Gaia wurden erst im Juli 2024 zur Erde über­tragen. Eine Analyse der vom KMTNet- und OGLE-Teleskop vom Boden aus gesammelten Mikro­linsen­daten zusammen mit den weltraum­gestützten Daten von Gaia zeigte, dass die jeweils gemessenen Licht­kurven sich ähneln. Das von Gaia aufge­zeich­nete Ereignis verlief jedoch etwa zwei Stunden später als das von der Erde aus gesehene. Diese Zeit­ver­schiebung ermög­lichte es, die Ent­fernung zur Linse und die Para­meter des Ereig­nisses genau zu bestimmen, was wiederum eine direkte und genaue Bestim­mung seiner Masse ermög­lichte.

Dem Ergebnis nach hat das Objekt eine Masse von etwa 0,22 Jupiter­massen oder 70 Erd­massen – etwas weniger als die Masse des Saturn. Es wurden auch keine Hinweise auf das Vor­handen­sein eines möglichen leuhcht­schwachen Mutter­sterns inner­halb von mehr als zwanzig Astrono­mischen Einheiten vom Planeten gefunden. Mit sehr hoher Sicher­heit kann das neu entdeckte Objekt daher als nicht an einen Stern gebunden betrachtet werden – es ist der erste präzise „gewogene” frei schwebende Planet. „Zum ersten Mal haben wir eine direkte Messung der Masse eines Kandi­daten für einen vagabundie­renden Planeten und nicht nur eine grobe statistische Schätzung“, sagt Subo Dong, Pro­fes­sor für Astro­nomie von der Univer­sität Peking und den National­stern­warten der Chinesi­schen Akade­mie der Wissen­schaften. „Wir wissen mit Sicher­heit, dass es sich um einen Planeten handelt.“

Die Entdeckung stellt damit ein Novum in der Exo­planeten­forschung dar. Es handelt sich um den ersten voll­ständig dokumen­tierten Nachweis einer völlig neuen Kategorie von Exo­planeten: einer riesigen und bisher unerforschten Popula­tion von plane­taren Objekten, deren Unter­suchung für ein voll­ständiges Ver­ständ­nis der Entste­hung und Entwick­lung von Planeten­systemen unerläss­lich ist.

„Dies ist die Entdeckung des Jahr­zehnts, ver­gleich­bar mit der Ent­deckung der ersten gut dokumen­tierten Exo­planeten in den 1990er Jahren,“ sagt Andrzej Udalski, Leiter des OGLE-Projekts. „Astronomen können nun endlich sicher sein, dass Objekte dieser Art tatsäch­lich im Univer­sum existieren.“

Die Entdeckung des ersten frei schwebenden Planeten dürfte einen starken Impuls für weitere intensive Forschungen zu dieser Objekt­klasse geben. Für 2027 ist der Start des Roman-Weltraum­teleskops der NASA geplant, dessen Haupt­ziele unter anderem die Entdeckung und Unter­suchung frei schwebender Planeten ist. Im Rahmen dieser Mission sollen viele solcher Objekte entdeckt und charakte­risiert werden, um ihre Eigen­schaften im Detail zu unter­suchen. Eine weitere bevor­stehende Mission ist der chine­sische Satellit Earth 2.0, dessen Start für 2028 geplant ist und der eben­falls nach frei schwebenden Planeten suchen soll. Es besteht daher eine große Chance, in einigen Jahren zu erfahren, wie zahl­reich diese einsamen Wandel­sterne tat­säch­lich sind. [U Warszawski / Peking U / AAAS / dre]

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