Große Astrophysik
Die neue „Physik in unserer Zeit“ widmet sich der Zukunft der Gammastrahlen-Astronomie.
Anna Nelles
Meiner Schätzung nach dürfte es unter Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einige geben, die in jungen Jahren mit einem Amateurteleskop im Garten hantiert und sich dabei für einen großen Forschergeist gehalten haben. Auf mich trifft das zumindest zu.

Nun, etwa 25 Jahre später, stehe ich nicht mehr im Garten, sondern sitze hinter einem Bildschirm, wenn in Echtzeit Daten aus den verschiedensten Ländern der Welt eintreffen. Und es ist sicher auch nicht mehr „mein“ Teleskop, sondern das vieler. Denn die Zeiten der kleinen Instrumente, die auf der – manchmal etwas verrückt erscheinenden – Idee einer einzelnen Person basieren und von einer Handvoll Personen benutzt werden, sind in der professionellen Forschung längst vorbei.
Internationale Konsortien aus vielen Hundert Personen planen und bauen inzwischen Teleskope und Observatorien. Das neuste Gammastrahlungsteleskop, CTAO, von dem Sie in der aktuellen „Physik in unserer Zeit“ in dem Artikel von Daniela Hadasch und Daniel Mazin lesen können, ist darin keine Ausnahme. Mit der Größe der Projekte haben sich allerdings auch die Zeitskalen verschoben. Bereits 2007 wurde das Konzept des Cherenkov Telescope Array Observatory (CTAO) auf internationalen Konferenzen vorgestellt. Dies bedeutet, dass meine Kolleginnen und Kollegen schon darüber nachgedacht haben, was sie als nächstes bauen wollten, als ich noch in den Vorlesungen des Physikstudiums geschwitzt habe.
Großprojekte auf den Weg zu bringen, erfordert Fähigkeiten und Stärken, die man nicht notwendigerweise vom „typischen Physikstudierenden“ erwarten würde: Kommunikation über Landes- und Kulturgrenzen hinweg, Motivation und Steuerung einer großen Gemeinschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sowie politisches Geschick im Organisieren von Finanzierungsmöglichkeiten sind da nur einige Facetten. Dass dieses im Zuge von immer unwägbareren globalen Entwicklungen nicht einfacher geworden ist, dürfte auf der Hand liegen. Planen mit China oder den Vereinigten Staaten fühlt sich beispielsweise zurzeit so an, als bräuchte man zunächst ein Aufbaustudium in Diplomatie, bevor Projektpläne geöffnet werden dürfen.

Parallel zum CTAO wird beispielsweise in Australien und Südafrika am, nicht zu verwechselnden, Square Kilometre Array Observatory (SKAO) gebaut. Auch hier werden viele Hundert kleinere Teleskope zu einem beeindruckend empfindlichen Großteleskop zusammengeschaltet – hier allerdings ein Radioteleskop. Von beiden Teleskopen, CTAO und SKAO, allein erwarten wir schon bahnbrechende neue Resultate, zusammen werden sie nahezu unschlagbar sein. Nahezu? Richtig spannend wird es im Kanon mit den Gravitationswellen-Interferometern, den Neutrinoteleskopen und der ganzen Wellenlängen-Klaviatur an optischen Teleskopen. Also in der Welt der Multimessenger-Astronomie, die uns die extremsten und explosivsten Prozesse des Universums näherbringen wird.
Aber dafür müssen erst Tausende von Forscherinnen und Forschern gemeinsam weitere Großprojekte auf den Weg bringen und koordinieren. Ganz klar eine Aufgabe, auf die das Physikstudium inzwischen vorbereiten sollte. Denn sehr wahrscheinlich sind es die heutigen Bachelor-Studierenden, die die noch größeren Projekte der Zukunft implementieren und durchführen dürfen — weit entfernt vom Elfenbeinturm, mitten in internationaler Projektplanung, in Kommissionen und Arbeitsgruppen.
Bei aller Ehrfurcht vor den Herausforderungen: Ich empfinde diesen Teil meiner Arbeit auch als Privileg. In welchem Job außerhalb der Wissenschaft darf man sich mit Gleichgesinnten aus aller Welt treffen, Projekte basierend auf menschlicher Neugier in den abgelegensten Orten des Planten umsetzen und Entdeckungen machen, die niemand vorhersagen konnte?












