14.06.2018

Lang lebe das Standardmodell

Atlas-Kollaboration belegt Standardmodell-treue Kopplung des Higgs-Bosons an Tau-Leptonen.

Das Standardmodell der Teilchen­physik kann der Weisheit letzter Schluss nicht sein. Die Existenz dunkler Materie und eine Reihe anderer funda­mentaler Probleme führen zur Frage, an welcher Stelle dieses enorm erfolg­reiche Modell der Elementar­teilchen und der vermi­ttelnden Naturkräfte denn zusammenbricht und wo sich unerwartete Effekte einer neuen Physik zeigen könnten. Eine wichtige Bedeutung bei der Suche nach Physik jenseits des Standard­modells kommt dabei der Untersuchung des Higgs-Bosons zu: Denn als besonders schweres Teilchen sollten sich bei ihm auch überschwere und bislang nicht zu erzeugende hypothetische Teilchen in den Zerfalls­statistiken bemerkbar machen. Über verschiedene Beiträge zu den virtuellen Kanälen in den ent­sprechenden Feynman-Diagrammen würden solche Partikel – eventuell schwere super­symmetrische Teilchen – die Zerfalls­kanäle des Higgs-Bosons beein­flussen und zu Werten führen, die nicht mit dem Standard­modell kompatibel sind. Das würde zwar auch die Zerfälle anderer Teilchen berühren, aber beim Higgs-Boson wäre dieser Effekt aufgrund seiner hohen Masse besonders stark.

Abb.: Mit dem Atlas-Detektor ließ sich die Kopplung des Higgs-Bosons an Tau-Leptonen nachweisen. (Bild: M. Brice)

Ein Zerfalls­kanal, der bislang nur schwer nachzu­weisen war, ist der des Higgs-Bosons in zwei Tau-Leptonen. Dieser schwere Bruder von Elektron und Myon hat eine Halbwerts­zeit von nur 2,9 × 10-13 Sekunden und wiegt rund das 3500-fache eines Elektrons. Die Unter­suchung dieses Zerfalls ist für die Teilchen­physik nicht zuletzt deshalb von Interesse, weil alter­native Modelle eine andere Kopplung der Tau-Leptonen an das Higgs-Boson vorhersagen als das Standard­modell. Die Atlas-Kolla­boration am Large Hadron Collider (LHC) des Cern kann aller­dings nicht mit Über­raschungen aufwarten: Nach ihren neuesten Analysen verläuft dieser Zerfall so wie erwartet. Zwar sind die Fehler­balken bei diesem seltenen Zerfalls­kanal noch groß, aber alternative Modelle lassen sich bislang nicht aus den Daten ablesen. Die Kopplung des Higgs-Bosons an Fermionen ist jedoch ein Hinweis auf die Yukawa-Kopplung, die zwischen dem Fermionen-Feld und dem Higgs-Feld vermittelt und den Fermionen ihre Masse gibt.

Bei einer Schwerpunkts­energie von 13 TeV erzielte die Atlas-Kolla­boration eine statis­tische Signifikanz von 4,4 Sigma. Zusammen­genommen mit früheren Messdaten aus der Zeit, als der LHC mit sieben und acht TeV noch nie­drigere Schwerpunkts­energien bei den Proton-Proton-Kolli­sionen lieferte, ergibt dies eine Signi­fikanz von 6,4 Sigma. Noch sind die Fehler mit 28 Prozent jedoch beachtlich, weshalb es erst in Zukunft wirklich spannend werden dürfte, wenn man das Standard­modell auf Herz und Nieren prüfen möchte. 

Die Analyse hatte aber natur­gemäß nicht nur mit der Schwierig­keit zu kämpfen, dass die Taus nicht nur sehr kurzlebig sind, sondern auch, dass mindestens eines des Zerfalls­produkte ein Neutrino ist, das unsichtbar bleibt und Energie aus dem Detektor trans­portiert. Außerdem zerfällt das Z-Boson, das nur etwas leichter ist als das Higgs-Boson und sehr viel häufiger entsteht, ebenfalls in Pärchen aus Tau-Leptonen und erzeugt so einen starken Hinter­grund.

Diese Beobach­tungen am Atlas-Detektor decken sich mit Analysen des zweiten großen Universal­detektors am LHC, dem Compact Muon Solenoid (CMS). Auch die CMS-Kolla­boration hat diesen Zerfall bereits nachweisen können. Dabei konnten die Forscher sich bei einer Schwerpunkts­energie von der Proton-Proton-Kolli­sionen von 13 TeV eine Signi­fikanz von 4,9 Standard­abweichungen erreichen. Die CMS-Daten lagen knapp zehn Prozent über dem laut dem Standard­modell für diesen Zerfall erwarteten Wert; sie waren im Rahmen der Fehler­grenzen von etwa 26 Prozent jedoch völlig mit dem Standard­modell kompatibel. Fasst man diese Messungen mit älteren Higgs-Analysen zusammen, die bei Schwerpunkts­energien von sieben und acht TeV stattfanden, so erhöht sich die statistische Signifikanz der CMS-Messungen sogar auf 5,9 Standard­abweichungen.

Erst kürzlich hatte die Atlas-Kolla­boration, ebenso wie bereits die CMS-Kollaboration, die Kopplung des Higgs-Bosons an ein Paar aus Top-Quarks vermessen und dabei ebenfalls keine Abweichung vom Standard­modell fest­stellen können. Bis Ende dieses Jahres wird aber mit einer deutlichen Steigerung der Mess­genauigkeit zu rechnen sein. Es ist den Wissen­schaftlern und Technikern am LHC in den letzten Jahren gelungen, die Lumi­nosität des Teilchen­beschleunigers immer weiter zu steigern, unter anderem durch eine geschickte Neuan­ordnung der Protonen-Pakete, die im Ring zirku­lieren. In den letzten Monaten konnte so die erhoffte Luminosität sogar deutlich über­troffen werden, was der Messge­nauigkeit zugute kommt. Bislang ist etwa der Zerfall des Higgs-Bosons in Myonen noch nicht nachweisbar und es lassen sich lediglich obere Grenzen angeben.

Dieses Jahr endet der Run 2 am LHC, dann geht es in den zweiten längeren Shutdown, nach dem im Jahr 2021 wohl endlich die ursprüng­lich anvisierten 14 TeV Schwerpunkts­energie erreicht werden. Ab dem Jahr 2025 soll mit Hilfe techno­logischer Neuerungen und einiger Umbau­arbeiten dann der High-Luminosity Large Hadron Collider (HL-LHC) betriebsfertig sein. Damit sollten dann die ursprüng­lich geplanten Kollisions­raten um rund einen Faktor zehn zu über­treffen sein, wodurch die Beobachtung seltener Zerfälle möglich wird, die sich heute noch tief im Hintergrund­rauschen verstecken.

Dirk Eidemüller

JOL

Sonderhefte

Physics' Best und Best of
Sonderausgaben

Physics' Best und Best of

Die Sonder­ausgaben präsentieren kompakt und übersichtlich neue Produkt­informationen und ihre Anwendungen und bieten für Nutzer wie Unternehmen ein zusätzliches Forum.

Veranstaltung

Spektral vernetzt zur Quantum Photonics in Erfurt

Spektral vernetzt zur Quantum Photonics in Erfurt

Die neue Kongressmesse für Quanten- und Photonik-Technologien bringt vom 13. bis 14. Mai 2025 internationale Spitzenforschung, Industrieakteure und Entscheidungsträger in der Messe Erfurt zusammen

Meist gelesen

Photo
08.11.2024 • NachrichtForschung

Musik als Zeitreihe

Analyse von musikalischen Tonhöhensequenzen ergibt interessante Unterschiede zwischen verschiedenen Komponisten und Musikstilen.

Themen