15.06.2022

Schwerelos auf Schienen

Am ZARM in Bremen wurde am 14. Juni ein neuer Fallturm der Öffentlichkeit präsentiert.

Seit über 30 Jahren bietet der große Fallturm am Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) in Bremen optimale Experimentierbedingungen für Forschung in Schwerelosigkeit. Allerdings können dort nur drei Experimente pro Tag stattfinden – anders als beim kleineren GraviTower Bremen Pro, der künftig bis zu 960 Wiederholungen pro Tag ermöglicht, da er kein Vakuum erfordert.

Der neue Turm ist nur 16 Meter hoch und direkt am bestehenden Fallturm installiert. Die wissenschaftlichen Experimente befinden sich dort für 2,5 Sekunden in Mikrogravitation, die bislang eine Qualität von 10-4 g erreicht – Ziel sind 10-6 g. Zum Einsatz kommt ein innovatives Schienensystem. Ein Seilantrieb beschleunigt den Schlitten als Träger der Experimentkapsel auf exakt diejenige Geschwindigkeit, die er theoretisch während eines Katapultfluges im Vakuum des großen Fallturms erreichen würde. Dies kompensiert den störenden Luftwiderstand. „Die Herausforderung bestand darin, das Experiment mechanisch vom Schlitten zu trennen, sodass die Störungen des Antriebs, des Schienensystems und des Schlittens dieses nicht stören. Dafür haben wir spezielle Entkopplungsmechanismen entwickeln müssen. Das war mein Promotionsprojekt“, erläutert Projektleiter Andreas Gierse. Während der Schwerelosigkeitsphase ist das Experiment komplett vom Schlitten entkoppelt und befindet sich berührungslos im freien Fall. Am Ende bremst der Seilantrieb Schlitten und Experiment wieder ab.

„Diese Anlage ist ein Meilenstein. In Zukunft können wir fast tausend Mal pro Tag für 2,5 Sekunden Schwerelosigkeit erzeugen. Das ist sozusagen unser Turboanlage“, unterstreicht ZARM-Institutsdirektor Marc Avila. Damit sei das ZARM die Tür zum Weltall für all die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für ihre Experimente nach Bremen kommen.

Ohne Forschung und Wissenschaft gebe es keine einzige Innovation, betone Jutta Günther, die derzeit als Konrektorin für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs und Transfer an der Universität Bremen zuständig ist. „Erfindergeist ist erforderlich, um neue Erkenntnisse in Innovationen – also Nützliches, markfähige Produkte oder Produktionstechniken – zu bringen. Dafür brauchen wir die Wissenschaft. Der Fallturm und der GraviTower sind eine riesige Errungenschaft für die Grundlagen- und angewandte Forschung.“ Wichtig seien diese nicht nur für eine bestimmte Forschungsrichtung, sondern für eine ganze Palette von Disziplinen.

Bei dem GraviTower handelt es sich um einen Prototypen: „Die Anlage ist vollwertig wissenschaftlich nutzbar, aber dient auch als Technologieträger, um zu prüfen, ob wir unsere Technik skalieren können für größere Falltürme“, wirft Andreas Gierse einen Blick in die Zukunft.

Maike Pfalz

Weitere Infos

Weitere Beiträge

Anbieter des Monats

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

Die Reichelt Chemietechnik wurde am 1. September 1978 als Vertriebs- und Produktionsgesellschaft von Dr. Peter Reichelt in Heidelberg gegründet, wobei sich das Unternehmen als „Mailorderhaus“ verstand.

Veranstaltung

AKL – International Laser Technology Congress in Aachen

AKL – International Laser Technology Congress in Aachen

Vom 22. bis 24. April 2026 lädt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT zum AKL’26 ein. Der Photonik-Kongress mit über 500 Teilnehmenden findet zum 15. Mal statt, diesmal mit einem deutlich erweiterten Programm, über 80 Vorträgen und 54 Ausstellerständen.

Meist gelesen

Photo
07.10.2025 • NachrichtPanorama

Makroskopisches Quantentunneln

John Clarke, Michel H. Devoret und John M. Martinis erhalten den Physik-Nobelpreis 2025 für die Entdeckung des makroskopischen quantenmechanischen Tunnelns und der Energiequantisierung in einem elektrischen Schaltkreis.

Themen