24.07.2026

Der intelligente Kosmos

Rüdiger Vaas, Der intelligente Kosmos. Außerirdische Zivilisationen und die Zukunft der Mennscheit, Hirzel 2026, geb., 320 Seiten, ISBN 9783777630489

Rüdiger Vaas

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Ob Steven Spielbergs aktueller Film „Disclosure Day“ neues Interesse an Außerirdischen entfacht? In jedem Fall ist er ein guter Anlass, um an die wissenschaftliche „Suche nach ExtraTerrestrischen Intelligenzen“ (SETI) zu erinnern.

An deren Anfang steht nicht wie bei Spielberg die Roswell-Verschwörung, sondern Enrico Fermis berühmte Frage: „Wo sind sie alle?“ So unermesslich wie das Universum ist, kann doch die Menschheit nicht die einzige Zivilisation darin sein. Doch wo verbergen sich die anderen? Mögliche Lösungsansätze für diese Zwickmühle diskutiert etwa der britische Physiker Stephen Webb in seinem empfehlenswerten Buch zum Thema. Er gruppiert die Ansätze in drei Abteilungen: „Sie sind (oder waren) schon hier“, „Es gibt sie, wir haben sie bloß noch nicht gesehen (oder gehört)“ und „Es gibt sie nicht“.

Der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas formuliert Fermis Grundfrage in mehrere Fragen um: „Wer sind Außerirdische?“, „Wann sind Außerirdische?“, „Wo sind Außerirdische?“ und „Wie sind Außerirdische?“ Man merkt, dass für Vaas ein „Es gibt sie nicht“ kaum infrage kommt. Getreu den Worten des Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke, dass „jede hinreichend fortschrittliche Technologie von Magie nicht zu unterscheiden ist“, präsentiert Vaas ein Panoptikum an Überlegungen, Hypothesen und Spekulationen zu extraterrestrischen Zivilisationen.

Diese reichen von plausiblen Abschätzungen zur Zahl erdähnlicher bewohnbarer Planeten in unserer Galaxis über mittlerweile fast schon klassische Gedankenspiele zu Dyson-Sphären und neue Beoabchtungen interstellarer Objekten bis zur aberwitzigen Frage, ob wir Signaturen außerirdischer Warp-Antriebe nachweisen könnten. Zudem befasst sich Vaas mit den soziologischen wie rechtlichen Aspekten eines Erstkontakts und stellt Überlegungen zum Charakter extraterrestrischer Zivilisationen an. Vaas selbst favorisiert ähnlich wie der Astronom Avi Loeb eine Suche nach „Technosignaturen“, also Anzeichen oder Objekten außerirdischer Technologien und ist wie Stephen Hawking skeptisch gegenüber Versuchen, einen direkten Kontakt zu ETs herstellen zu wollen.

In der Einleitung, in der sich Vaas etwas in Nomenklatur und allgemeinen Überlegungen verfranzt, schreibt er: „Es widerspricht keinem Naturgesetz, dass [in der Milchstraße] geistig und technisch viel höher entwickelte Zivilisationen existieren, die teilweise sogar andere Planetensysteme besiedeln, mit weitreichenden Mitteln in den Weltraum funken und ganze Gestirne nach ihren Bedürfnissen umgestalten“ (S. 9). Welche Naturgesetze da genau zuständig sind, verschweigt er. Hier liegt für mich ein kritischer Knackpunkt des Buches. Vaas besteht auf Plausibilität und wissenschaftliche Redlichkeit und fordert, dass „Indizien umso härter sein sollten, je außergewöhnlicher die Behauptungen sind“. Und an außergewöhnlichen Behauptungen hat es im Buch wahrlich keinen Mangel.

Extraterrestrisches

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Alexander Pawlak • 9/2021 • Seite 20

Außerirdische Artefakte

Doch allzu vieles bleibt vage, und es fehlt eine Konfrontation mit der härtesten Richterin, die man auch für Spekulatives heranziehen kann, der Physik. Denn es lässt sich viel behaupten, aber ohne physikalisch solidere Abschätzungen zu Größenordnungen oder technologischen Möglichkeiten, etwa in Bezug auf interstellare Raumfahrt, paraphrasiert und referiert Vaas mehr als dass anaylsiert und zumidnest Hinweise für eine Bewertung der Spekulationen gibt.

Zugegeben, SETI ist derzeit im besten Falle ein Lehrstück über Hypothesenbildung und oft eher Science-Fiction, aber es wäre interessant gewesen, mehr und fundierter zu erfahren, wie sich die SETI-Forschung und ihr Potenzial mit den wachsenden physikalisch-astronomischen Kenntnissen entwickelt hat.

Das ist bei der Lektüre des kleinteilig strukturiereten Buches schwierig nachzuvollziehen, denn vieles, was Vaas diskutiert, geht in den Zeiten munter vor- und rückwärts. So disparat das Gebiet auch ist, wäre es spannend gewesen, einen wissenschaftlichen roten Faden einzuziehen. Vor allem im sehr orakelnden Schlussteil findet sich vieles, das oft besser in Science-Fiction-Texten aufgearbeitet wurde. Wenn Vaas etwa über ein mögliches Fiasko bei einem Kontakt mit außerirdischen Zivilisationen mutmaßt, wäre die Lektüre des letzten SF-Romans Fiasko (1986) von Stanislaw Lem zielführender, denn dieser enthält aufschlussreichere Diskurse zum Erstkontakt.

Das oben zitierte Clarksche Gesetz würde ich nach der Lektüre von „Der intelligente Kosmos“ um ein weiteres ergänzen: „Jede hinreichend weitgehende Spekulation ist von Unsinn nicht zu unterscheiden …, wenn man die Physik nicht zu ihrem Recht kommen lässt.“ Neben mehr physikalischer Rationalität hätte dem Buch ein Namens- wie Sachregister gut getan. Statt nur eine fast 30-seitige Liste von sehr disparater Literatur zu bieten, wäre ein kommentierter Wegweiser für eine weiterführende Lektüre hilfreich gewesen.

Für einen Einstieg ins Thema Suche nach außerirdischen Intelligenzen würde ich daher eher Stephen Webbs Buch empfehlen, vor allem in der aktuellsten deutschen Version, und das bahnbrechende Werk Intelligent Life in the Universe von Iosif Samuilovich Shklovsky und Carl Sagan, auch wenn das Buch mittlerweile 60 Jahre auf dem Buckel hat. Doch dem amerikanisch-sowjetischen Autorenduo gelingt eine vorbildliche Balance zwischen spekulativer Offenheit und wissenschaftlicher Skepsis, die noch heute lesenswert ist. Das Buch von Rüdiger Vaas ist trotz der genannten Schwächen eine lohnende Ergänzung, da es einen brauchbaren Überblick über aktuelle Ansätze der SETI-Forschung bietet und zahlreiche Denkanstöße liefert.

Alexander Pawlak

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