Mach’s gut, und danke für das Higgs!
Der Large Hadron Collider am CERN steht mit der „Long Shutdown 3“-Phase vor seiner bislang ehrgeizigsten Modernisierung.
CERN / Alexander Pawlak
Mit dem 29. Juni ging für den Large Hadron Collider (LHC), den leistungsstärksten Teilchenbeschleuniger der Welt, ein wichtiges Kapitel seiner wissenschaftlichen Reise zu Ende. Nach seinem letzten physikalischen Betriebsdurchlauf wurde der Beschleuniger abgeschaltet, um den „Long Shutdown 3“ (LS3) des CERN einzuleiten.
Dabei handelt es sich um ein umfangreiches Programm aus Wartungs-, Konsolidierungs-, Modernisierungs- und Installationsarbeiten, welche das Labor auf den High-Luminosity LHC (HiLumi LHC) vorbereiten, mit dem ab 2030 die nächste Forschungsphase beginnen soll.
Seit dem ersten Strahlbetrieb im September 2008 hat der LHC die Grenzen von Wissenschaft und Technik erweitert und sich zu einem der ehrgeizigsten wissenschaftlichen Instrumente entwickelt, die je gebaut wurden. Der Beschleuniger führte 2009 seine ersten Protonenkollisionen durch und etablierte sich rasch als einzigartige Entdeckungsmaschine – über drei Betriebsphasen (Runs 1–3) hinweg lieferte der LHC seinen Experimenten beispiellose Datenmengen.



Die bedeutendste Entdeckung des LHC wurde vor fast genau 14 Jahren, am 4. Juli 2012, bekanntgegeben: Den ATLAS- und CMS-Kollaborationen war der Nachweis des Higgs-Bosons gelungen und bestätigten so den fast ein halbes Jahrhundert zuvor vorgeschlagenen Mechanismus, den Peter Higgs und unabhängig davon François Englert und Robert Brout vorgeschlagen hatten.
In den folgenden Jahren ermöglichte der LHC zahlreiche weitere Fortschritte, darunter die Entdeckung von mehr als 85 Hadronen und die Festlegung von Ausschlussgrenzen für die Entdeckung neuer Teilchen. Dazu kamen Forschungen zum Ungleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie und den Eigenschaften des Quark-Gluon-Plasmas sowie Messungen, die wichtige Auswirkungen auf die Astrophysik haben. Über seine wissenschaftlichen Ergebnisse hinaus trieb der LHC Innovationen in den Bereichen Beschleunigerphysik, Supraleitungstechnologien, Datenverarbeitung und internationale Zusammenarbeit voran.
„Der LHC hat alle Erwartungen übertroffen“, sagte Oliver Brüning, CERN-Direktor für Beschleuniger und Technologie: „Heute verabschieden wir uns vom LHC, wie wir ihn kennen, und bereiten uns gleichzeitig darauf vor, seinen Nachfolger zu begrüßen: den HiLumi-LHC, der dieses wissenschaftliche Abenteuer weit in die Zukunft führen wird.“
Der HiLumi-LHC, dessen Inbetriebnahme für 2030 geplant ist, wird die Luminosität des Beschleunigers, d.h. die Häufigkeit der Teilchenkollisionen pro Flächen- und Zeiteinheit, gegenüber der ursprünglichen Auslegung um bis zu einen Faktor zehn steigern. Dadurch lassen sich wesentlich umfangreichere Datensätze erfassen, was präzise Untersuchungen des Higgs-Bosons ermöglicht und die Chancen erhöht, Phänomene jenseits des Standardmodells aufzudecken.
LS3 ist der umfangreichste Umbau am Beschleunigerkomplex des CERN seit dem Bau des LHC selbst. Bis 2030 werden im Rahmen der Stilllegung Tausende von Fachleuten des CERN und von Partnerinstituten weltweit daran arbeiten, den LHC, die Injektoren und die dazugehörigen Experimente auf die HiLumi-Version umzurüsten und wesentliche Modernisierungsmaßnahmen im gesamten Beschleunigerkomplex und in den Versuchseinrichtungen durchzuführen.
Das beinhaltet unter anderem die Konsolidierung des Nordbereichs des Super-Protonen-Synchrotrons (SPS), den Rückbau des Zielbereichs des „CERN Neutrinos to Gran Sasso“ (CNGS) und die Sanierung der ISOLDE-Anlage sowie die Konsolidierung der Personensicherheitssysteme, des Stromnetzes und der Technikstollen.
„Das LS3-Projekt stellt ein gewaltiges und komplexes logistisches und technisches Unterfangen dar“, betont Jean-Philippe Tock, Leiter des LS3-Koordinationsteams. „Allein im LHC werden 1,2 Kilometer Magnete und Komponenten ausgebaut und durch neue Ausrüstung ersetzt, und im gesamten Komplex sind Dutzende von Projekten geplant, an denen Tausende von Ingenieur:innen, Physiker:innen, Techniker:innen und Hilfspersonal beteiligt sind.“
In den LHC-Kavernen werden die ATLAS- und CMS-Experimente umfassenden Modernisierungen unterzogen und damit praktisch zu neuen Detektoren. Um die beispiellose Leistungsfähigkeit des HiLumi-LHC voll auszuschöpfen, müssen sie an jedem Kollisionspunkt zwischen 140 und 200 Proton-Proton-Zusammenstöße bewältigen – im Vergleich zu etwa 60 während des letzten LHC-Betriebs. Das erfordert es, aus mehr als fünf Milliarden Wechselwirkungen pro Sekunde die interessantesten Kollisionen zu identifizieren und auszuwählen.
Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, werden beide Experimente ihre Trigger-Systeme komplett ersetzen, die für die Auswahl der vielversprechendsten Ereignisse zur weiteren Analyse zuständig sind. Diese Ereignisse werden mit fortschrittlichen neuen Detektortechnologien aufgezeichnet, darunter Voll-Silizium-Tracking-Systeme mit Milliarden von Auslesekanälen (weit mehr als in den aktuellen Detektoren), hochpräzise Zeitdetektoren mit Auflösungen im Bereich von einigen zehn Pikosekunden sowie neue Kalorimetersysteme, die mit Megahertz-Raten arbeiten können.
Auch wenn in dieser Zeit keine Teilchenstrahlen im LHC zirkulieren werden, geht die wissenschaftliche Arbeit am CERN intensiv weiter. Tausende von Forscher:innen setzen die Auswertung der riesigen Datensätze fort, die während der LHC-Ära gesammelt wurden.
Geplant ist, den Beschleunigerkomplex ab 2028 schrittweise wieder in Betrieb zu nehmen, um eine neue Ära der Hochenergiephysik einzuläuten. Aufbauend auf dem Erbe des LHC soll der HiLumi-LHC die Erforschung der grundlegendsten Fragen der Physik weiter vorantreiben, um so das Verständnis des Universums weiter zu vertiefen.
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