25.03.2022

Einblick in rasante Elektronendynamik

Optische Polarisationsmessungen liefern Aufschluss über extrem schnelle atomare Ereignisse.

Ein internationales Team von Forschern unter der Leitung von drei Wissenschaftlern des Exzellenz­clusters PhoenixD an der Leibniz Universität Hannover hat mit Licht die schnellsten und kleinsten Details der Elektronen­dynamik in Atomen sichtbar gemacht. Dafür verwendeten sie Wellenlängen, die bisher als viel zu lang und damit ungeeignet für diese Aufgabe galten. „Die Entdeckung wird künftig einen neuen und einfachen Zugang zu den zeitlichen und räumlichen Skalen der atomaren Welt ermöglichen“, sagt Ihar Babushkin, theoretischer Physiker und Mitglied des Exzellenzclusters PhoenixD an der Leibniz Universität Hannover (LUH).

 

Abb.: Ein internationales Team unter der Leitung von Forschern des...
Abb.: Ein internationales Team unter der Leitung von Forschern des Exzellenz­clusters PhoenixD – von links: Ihar Babushkin, Uwe Morgner und Ayhan Demircan – hat einen neuen Zugang zu den kleinsten atomaren zeitlichen und räumlichen Skalen entdeckt. (Bild: S. Smalian / PhoenixD)

Wie kann ich die Flugbahn eines Schmetterlings vermessen, wenn die kleinste Skala meines Zollstocks so groß ist wie das Empire State Building? Solche Größen­unterschiede finden sich auch bei den kleinsten Teilchen: Ein Angström entspricht einem zehnmillionstel  Millimeter. Werden Atome nun mithilfe von Licht vermessen, dient die Wellenlänge des Lichts als Maßeinheit. Folgerichtig müssten Wellenlängen im Angström-Bereich am besten für diese Aufgabe geeignet sein. Das wären Röntgenstrahlen, und es wäre nicht zu erwarten, dass ein Betrachter viel oder überhaupt etwas sieht, wenn er das Atom bei sichtbarem Licht mit 3000-mal größerer Wellenlänge beobachtet.

Diese Verhältnisregeln gelten nicht nur für die Betrachtung von Raum, sondern ebenso von Zeit: In der Atomphysik ist einer der schnellsten Prozesse das Tunneln eines Elektrons aus dem Atom, wenn dieses in ein sehr starkes elektrisches Feld gebracht wird. Die Ionisierung findet auf der Attosekunden-Zeitskala statt, während die Periode einer einzelnen Schwingung sichtbaren Lichts etwa eine Femto­sekunde beträgt. „Um solche Prozesse zu untersuchen, nutzen die Forscher bisher viel kürzere Lichtwellenlängen oder die aus den Atomen entweichenden Elektronen. Beide Arten von Messungen haben einen entscheidenden Nachteil – sie sind apparativ schwierig umzusetzen und zu handhaben. Aber wir haben dafür jetzt eine Lösung gefunden“, sagt Babushkin. Seine Forschung wurde durch das von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft (DFG) finanzierte Schwerpunkt­programm 1840 (QUTIF) gefördert, das von der LUH initiiert wurde und koordiniert wird.

An der Entdeckung des neuen Zugangs zu den kleinsten atomaren Skalen hat eine Gruppe von insgesamt 21 Wissenschaftlern unter der Leitung von Mitgliedern des Exzellenzclusters PhoenixD mitgewirkt. Sie zeigten mit ihrer Forschung, dass klare Signaturen der Elektronen­dynamik im sichtbaren Licht erhalten bleiben; und zwar sowohl auf der Zeit- als auch der Raumskala. Darüber hinaus können auch sehr viel längere Wellenlängen – bis in den Millimeter­bereich (Terahertz-Bereich) – genutzt werden. Das heißt, es ist möglich, die Dynamik auf atomarer Ebene auf die Größe der bekannten makroskopischen Welt zu vergrößern.

Der Effekt zeigt sich bei der Ionisation, durch die aus einem Atom ein Elektron entfernt und beschleunigt wird. Das Elektron strahlt dadurch wie jedes beschleunigte geladene Teilchen Licht aus. Aufgrund der Kürze des Ionisations­prozesses ist das Spektrum sehr breit und umfasst ultraviolette, sichtbare und Terahertz-Strahlung. Wird dieses emittierte Licht nun polarisiert, reagiert es höchst empfindlich auf die kleinsten Details der Elektronen­dynamik. „Durch die Messung der Polarisation des Lichts lassen sich dann viele Aspekte der Elektronen­dynamik mit ausgezeichneter Präzision rekonstruieren“, sagt Babushkin.

Diese neue Art der Bildgebung eröffnet weitreichende Perspektiven: Sie verspricht Versuchsaufbauten, die zehn- oder sogar hundertmal billiger sind als bisher und macht damit weitere Forschung für viele Wissenschaftler weltweit erschwinglich. „Außerdem können wir damit die Elektronen­dynamik in Situationen beobachten, in denen weder Licht mit kurzen Wellenlängen noch Elektronen für den Nachweis zur Verfügung stehen, zum Beispiel in der Masse von Festkörpern“, sagt Ayhan Demircan, theoretischer Physiker und Mitglied des Exzellenzclusters PhoenixD. Schließlich können optische Polarisations­messungen sehr präzise sein, sodass die Wissenschaftler die Elektronen­dynamik so genau wie nie zuvor messen können. „In der Zukunft“, sagt Babushkin, „könnten diese Erkenntnisse zum Verständnis der Licht-Materie-Wechselwirkung an der Grenze der möglichen Auflösung sowohl in Zeit als auch im Raum beitragen.“

U. Hannover / DE

 

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