16.07.2026

Elektronen in warmer dichter Materie verhalten sich anders als erwartet

Studie zeigt: Gäng­ige Mo­del­le sa­gen Plas­mo­nen in war­mem dich­tem Alu­mi­ni­um falsch vo­raus.

Forschende bei European XFEL, am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), an der Universität Rostock und anderen kooperierenden Institutionen haben mittels hochpräziser Experimente nachgewiesen, dass die am häufigsten verwendeten Modelle zum Verhalten von Elektronen in warmer dichter Materie ungenau sind. Warme dichte Materie bezeichnet einen extremen Materiezustand, wie er etwa im Inneren von Planeten oder bei Laserfusionsversuchen auftritt. Sie ist schwierig zu untersuchen und zugleich von entscheidender Bedeutung für zahlreiche Forschungsbereiche.

Der Aufbau des Experiments an der Experimentierstation HED-HIBEF
Der Aufbau des Experiments an der Experimentierstation HED-HIBEF
Quelle: European XFEL

In warmer dichter Materie treten Plasmonen auf. Diese kollektive Schwingungen der Elektronendichte liefern wichtige Informationen und lassen sich mithilfe von Röntgenlicht beobachten, wobei Streuspektren entstehen. In vielen Experimenten werden diese Spektren anhand vereinfachter Modelle interpretiert, bei denen von einem gleichförmigen Elektronengas ausgegangen wird. Die neuen Messungen zeigen jedoch, dass diese Modelle bei warmem dichtem Aluminium die Plasmonenergie durchweg um bis zu etwa 25 Prozent (etwa 8 eV) überschätzen und die gemessene Form des Signals nicht vollständig wiedergeben können.

„Unsere Messungen sind präzise genug, um klar zwischen verschiedenen Modellen zu unterscheiden“, sagt Thomas Preston von European XFEL. „Das ist wichtig, weil diese Modelle weit verbreitet sind, um extreme Zustände von Materie zu untersuchen. Ist das Modell falsch, führt das zu fehlerhaften Rückschlüssen auf die Materialeigenschaften." Das Verhalten der Elektronen bestimmt maßgeblich die Opazität eines Materials, also seine Durchlässigkeit für Strahlung, sowie seine optischen Eigenschaften, die elektrische Leitfähigkeit und den Energietransport.

„Um die komplexe Physik warmer dichter Materie zu erfassen, muss die zugrunde liegende Mikrophysik differenzierter behandelt werden“, erklärt Zhandos Moldabekov vom HZDR, der den Simulationsteil der Analyse leitete. Das Team zeigte, dass – im Gegensatz zu den einfacheren Modellen – modernste zeitabhängige Dich­te­funk­tio­nal­the­o­rie-Simu­la­tio­nen die experimentellen Beobachtungen zuverlässig reproduzieren.

Mehr zu extremer Materie

Photo
Photo
Photo
Photo
Photo
Photo
Kerstin Sonnabend • 4/2026 • Seite 22

Das Licht am Ende des Tunnels

Photo
Tetyana Galatyuk, Hendrik van Hees, Ralf Rapp und Jochen Wambach • 10/2018 • Seite 41

Extrem und strahlend

Diese Methode berechnet exakt, wie Elektronen in der ungeordneten atomaren Struktur der komprimierten Flüssigkeit reagieren. Sie erfordert zwar mehr Rechenressourcen, ist aber in den letzten Jahren immer praktikabler geworden. Die Forschenden argumentieren, dass solche detaillierteren Simulationen notwendig sind, wenn quantitative Genauigkeit gefragt ist, weil die Positionen der Atome in der Flüssigkeit und die Wechselwirkungen zwischen Elektronen und Ionen die Elektronenreaktion unmittelbar beeinflussen.

„Selbst bei Aluminium, das oft als einfaches Metall betrachtet wird, lässt sich die Elektronenreaktion durch zu gleichförmige Modelle nicht gut beschreiben, sobald das Material in diesen extremen Zustandsbereich versetzt wird“, sagt Dmitrii Bespalov, Erstautor der Studie. „Erst wenn wir die tatsächliche ungeordnete Struktur berücksichtigen, stimmen Theorie und Experiment überein.“ Dieser experimentelle Ansatz lässt sich auf andere Materialien und höhere Temperaturen ausweiten, einschließlich Bedingungen, die für das Innere von Planeten und für Brennstoffkapseln bei der Laserfusion relevant sind.

Das Experiment wurde an der Hoch­ener­gie­dichte-Expe­ri­men­tier­sta­tion HED-HIBEF bei European XFEL mithilfe des leistungsstarken Nano­se­kun­den-DiPOLE-Lasers durchgeführt. Der Laser komprimierte eine dünne Aluminiumfolie auf einen Druck von rund 50 GPa und eine Temperatur von etwa 7000 K. Bevor die Schockwelle an der Rückseite des Aluminiums ausbrach, wurde die Probe mit ultrakurzen Röntgenpulsen des European XFEL untersucht und das Plasmonensignal aufgezeichnet. Durch den gleichzeitigen Einsatz mehrerer Me­tho­den – Rönt­gen-Thom­son-Streu­ung, Röntgenbeugung und unabhängige Schock­wel­len­dia­gnos­tik – konnten die Forschenden die Theorie anhand eines genau definierten experimentellen Zustands überprüfen. Forschende aus mehr als einem Dutzend internationaler Institutionen haben an der Studie mitgewirkt. [EuXFEL / HZDR / dre]

Anbieter

European X-Ray Free-Electron Laser Facility GmbH

Holzkoppel 4
22869 Schenefeld
Deutschland

Kontakt zum Anbieter







Anbieter des Monats

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

Die Reichelt Chemietechnik wurde am 1. September 1978 als Vertriebs- und Produktionsgesellschaft von Dr. Peter Reichelt in Heidelberg gegründet, wobei sich das Unternehmen als „Mailorderhaus“ verstand.

Sonderhefte

Physics' Best und Best of
Sonderausgaben

Physics' Best und Best of

Die Sonder­ausgaben präsentieren kompakt und übersichtlich neue Produkt­informationen und ihre Anwendungen und bieten für Nutzer wie Unternehmen ein zusätzliches Forum.

Meist gelesen

Themen