02.12.2004

Kein prima Klima?

Klimaforscher sind sich sehr sicher, dass die Hitzewelle im Sommer 2003 zur Hälfte vom Menschen verursacht war.


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Klimaforscher sind sich sehr sicher, dass die Hitzewelle im Sommer 2003 zur Hälfte vom Menschen verursacht war.

Reading/Oxford - Trotz kühler Winterwitterung sind die Erinnerungen an den „Jahrhundertsommer“ 2003 noch nicht verblasst. Galt er in Norddeutschland weitestgehend als angenehm, forderte die Hitzewelle nach offiziellen Informationen in Frankreich rund 14.000 Opfer. Britische Klimaforscher versuchten nun mit anerkannten Simulationsmodellen, den Anteil des von Menschen verursachten Treibhauseffektes an diesem konkreten Ereignis zu berechnen. In ihrer Studie, die sie in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichen, kommen sie zu einem bisher in der Klimaforschung nicht erreichten klaren Ergebnis: Die anthropogene Klimaerwärmung, d. h. die vom Menschen verursachte Klimaveränderung, trug höchstwahrscheinlich zu über 50 Prozent zur Hitzewelle im Jahr 2003 bei.

„Der Sommer 2003 war wohl der heißeste Sommer in Europa seit dem Jahr 1500“, erklären Peter A. Stott von der University of Reading und seine Kollegen D. A. Stone und M. R. Allen von der University of Oxford. Mit 2,3 Grad überstiegen die Durchschnittstemperaturen das langjährige Mittel im Zeitraum 1961 bis 1990 deutlich. Unter Nutzung des in der Fachwelt anerkannten Klimamodells HadCM3 konnten sie mit über 90-prozentiger Sicherheit quantitativ zwischen natürlichen Wärmeschwankungen und einem Einfluss eines Treibhauseffekts unterscheiden. „Das verwendete Klimamodell, HadCM3, gehört zu den besten der heute verfügbaren“, sagt auch Christoph Schär, Klimaforscher an der ETH Zürich.

Laut der aktuellen Studie wird schon im Jahr 2040 der Jahrhundertsommer 2003 lediglich als durchschnittlich zu betrachten sein. In den kommenden Jahren ist sehr wahrscheinlich mit einem weiteren Temperaturanstieg zu rechnen. (Quelle: Nature)

Dabei berechneten sie die zu erwartenden Temperaturen einerseits unter Berücksichtigung natürlicher Effekte wie der wechselhaften Sonneneinstrahlung oder der Partikelkonzentration in der Atmosphäre beispielsweise durch Vulkanausbrüche (NAT-Ansatz). Andererseits bezogen sie in einer zweiten Rechnung ein Mix aus Treibhausgasen von Kohlendioxid bis zu Sulfat-Aerosolen mit in ihre Rechnung ein (ALL-Ansatz). Nahezu eindeutig zeigte sich, dass die gemessene Erwärmung nicht mehr allein mit natürlichen Schwankungen zu erklären sei. Erste Folgen sind schon für heute absehbar. „Nach dieser Studie hat sich das Risiko für 2003-ähnliche Hitzesommer aufgrund der vom Menschen verursachten Klimaveränderungen verdoppelt“, so Schär.

Auf der Grundlage dieser Daten konnten Stott und Kollegen sogar einen zukünftigen Trend für drohende Hitzewellen in Europa bestimmen. So ist bis zum Ende dieses Jahrhunderts mit einem Anstieg der sommerlichen Durchschnittstemperaturen von bis zu sechs Grad zu rechnen. Schon 2040 muss danach das Sommerwetter 2003 mit seiner ausgeprägten Antizyklon-Wetterlage als normal gelten. Eine Schwäche der britischen Berechnungen liegt allerdings in dem groben Raster von Simulationsbereichen mit 250 Kilometern Kantenlänge. Auf die stark betroffenen französischen Regionen fallen damit gerade einmal etwa 16 Datenpunkte. Doch dieses Manko in der räumlichen Auflösung bei der Berechnung von Wetterphänomenen könne in Zukunft mit leistungsfähigeren Klimarechnern überwunden werden. „Mit mehr Rechenleistung könnten solche quantitativen Aussagen auch für das Klima einzelner Regionen möglich werden“, sagt Schär.

„Das ist die erste Studie, die den anthropogenen Einfluss auf das Klima für ein konkretes Ereignis quantitativ bestimmt“, betont der Schweizer Klimaforscher die Bedeutung dieser Studie. So vage und vorsichtig sich Klimaforscher bisher zu einer vom Menschen verursachten Klimaerwärmung äußerten, so klar ist trotz Formulierungen wie „höchstwahrscheinlich“ die Aussage der britischen Forscher. Denn wegen der Komplexität des Themas ist mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ in den nächsten Jahrzehnten nicht zu rechnen. Laut Schär sei aber zu erwarten, dass in den kommenden Jahren noch mehr Einzelereignisse des Wetters regional auf ähnliche Weise untersucht werden könnten. Steigt die Qualität und die Eindeutigkeit der Aussagen, wird auch der Druck auf die Haupterzeuger von Treibhausgasen zunehmen. „Verbesserte Studien der vorliegenden Art könnten möglicherweise eine Grundlage für Haftungsklagen bilden“, schaut Schär in die Zukunft.

Jan Oliver Löfken

Weitere Infos:

Weitere Literatur:

  • Luterbacher, J., Dietrich, D., Xoplaki, E., Grosjean, M. & Wanner, H. European seasonal and annual temperature variability, trends, and extremes since 1500. Science 303, 1499 (2004).    
  • Schär, C. et al. The role of increasing temperature variability in European summer heatwaves. Nature 427, 332 (2004).    
  • Beniston, M. The 2003 heat wave in Europe: A shape of things to come? An analysis based on Swiss climatological data and model simulations. Geophys. Res. Lett. 31, doi: 10.1029/2003GL018857(2004).    
  • Black, E., Blackburn, M., Harrison, G. & Methven, J. Factors contributing to the summer 2003 European heatwave. Weather 59, 217 (2004).    
  • Allen, M. R. Liability for climate change. Nature 421, 891 (2003).    
  • IPCC Climate Change 2001: The Scientific Basis: Contribution of Working Group I to the Third Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change (hrsg.: Houghton, J. T. et al.) (Cambridge Univ. Press, Cambridge, UK, 2001).    
  • Johns, T. C. et al. Anthropogenic climate change for 1860 to 2100 simulated with the HadCM3 model under updated emissions scenarios. Clim. Dyn. 20, 583

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