17.05.2022

Nanopartikeln auf die Schliche kommen

Interferometrische Streuungsmikroskopie hilft bei der Identifizierung unterschiedlicher Nanoteilchen.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts (MPL) und des Max-Planck-Zentrums für Physik und Medizin (MPZPM) in Erlangen präsentieren einen großen Fortschritt bei der Charakterisierung von Nanopartikeln. Sie nutzten eine spezielle Mikroskopie-Methode, die auf Inter­ferometrie basiert, um die bestehenden Instrumente zu übertreffen. Eine mögliche Anwendung dieser Technik könnte die Identifizierung von Krankheiten sein.

 

Abb.: Die Abbildung zeigt die Verteilung von Vesikeln aus dem Urin einer...
Abb.: Die Abbildung zeigt die Verteilung von Vesikeln aus dem Urin einer gesunden Person in Abhängigkeit von der Vesikelgröße und dem iSCAT- Kontrast – wie stark sie also das Licht streuen. (Bild: MPL)

Denn Nanopartikel sind überall. Sie befinden sich in unserem Körper in Form von Proteinaggregaten, Lipidbläschen oder Viren. Sie befinden sich in Form von Verunreinigungen in unserem Trinkwasser. In der Luft, die wir einatmen, sind sie als Schadstoffe enthalten. Gleichzeitig basieren viele Medikamente auf der Verabreichung von Nanopartikeln, darunter auch die Impfstoffe, die wir in letzter Zeit erhalten haben. Auch die Schnelltests für den Nachweis von SARS-Cov-2 basieren auf Nanopartikeln, um die Pandemie zu bekämpfen. Die rote Linie enthält Myriaden von Gold-Nanopartikeln, die mit Antikörpern gegen Proteine beschichtet sind, die die Infektion anzeigen.

In der Regel, bezeichnet man etwas als Nanopartikel, wenn sein Durchmesser kleiner als ein Mikrometer ist. Objekte in der Größenordnung von einem Mikrometer können noch mit einem normalen Mikroskop gemessen werden, aber Partikel, die kleiner sind als etwa 0,2 Mikrometer, lassen sich nur noch sehr schwer messen oder charakterisieren. Interessanterweise ist dies auch der Größenbereich von Viren, die bis zu 0,02 Mikrometer klein sein können.

Im Laufe der Jahre haben Wissenschaftler und Ingenieure eine Reihe von Instrumenten zur Charakterisierung von Nanopartikeln entwickelt. Im Idealfall möchte man ihre Konzentration messen, ihre Größe und Größenverteilung beurteilen und ihre Substanz bestimmen. Ein hochwertiges Beispiel ist das Elektronen­mikroskop. Aber diese Technologie hat viele Schwächen. Sie ist sehr sperrig und teuer, und die Untersuchungen dauern zu lange, weil die Proben sorgfältig vorbereitet und ins Vakuum gebracht werden müssen. Und selbst dann bleibt es schwierig, die Substanz der Teilchen zu bestimmen, die man im Elektronenmikroskop sieht.

Ein schnelles, zuverlässiges, leichtes und tragbares Gerät, das in der Arztpraxis oder im Feld eingesetzt werden kann, wäre von großer Bedeutung. Einige optische Instrumente auf dem Markt bieten solche Lösungen an, aber ihre Auflösung und Präzision waren bisher unzureichend für die Untersuchung kleinerer Nanopartikel, also deutlich kleiner als 0,1 Mikrometer.

Eine Gruppe von Forschern des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts und des Max-Planck-Zentrums für Physik und Medizin hat nun ein neues Gerät erfunden, das einen großen Sprung bei der Charakterisierung von Nanopartikeln ermöglicht. Die Methode heißt iNTA, kurz für Inter­ferometric Nanoparticle Tracking Analysis. Die Methode basiert auf dem interferometrischen Nachweis des Lichts, das von einzelnen Nanopartikeln gestreut wird, die in einer Flüssigkeit umherwandern.

In einem solchen Medium bewegt die Wärmeenergie die Teilchen ständig in zufällige Richtungen. Es stellt sich heraus, dass der Raum, den ein Teilchen in einer bestimmten Zeit erkundet, mit seiner Größe korreliert. Mit anderen Worten: Kleine Teilchen bewegen sich schneller und nehmen ein größeres Volumen ein als große Teilchen. Die Gleichung, die dieses Phänomen beschreibt – die Stokes-Einstein-Relation – stammt aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts und findet seitdem Nutzen in vielen Anwendungen. Kurz gesagt, wenn man ein Nanopartikel verfolgen und Statistiken über seine unruhige Flugbahn sammeln könnte, könnte man auf seine Größe schließen. Die Herausforderung besteht also darin, sehr schnelle Filme von winzigen vorbeiziehenden Teilchen aufzunehmen.

Wissenschaftler am MPL haben in den letzten zwei Jahrzehnten eine spezielle Mikroskopie­methode entwickelt, die als interferometrische Streuungs­mikroskopie (iSCAT) bekannt ist. Diese Technik ist extrem empfindlich beim Nachweis von Nanopartikeln. Durch die Anwendung von iSCAT auf das Problem der diffundierenden Nanopartikel hat die MPL-Gruppe erkannt, dass sie die auf dem Markt vorhandenen Instrumente übertreffen kann. Die neue Technologie hat einen besonderen Vorteil bei der Entschlüsselung von Mischungen von Nanopartikeln unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Materialien.

Die Anwendungen der neuen Methode sind vielfältig. Ein besonders spannender Anwendungs­bereich betrifft nanogroße Vehikel, die von Zellen abgesondert werden, die extrazellulären Vesikel. Diese bestehen aus einer Lipidhülle, ähnlich wie eine Nanoseifenblase. Die Hülle und die innere Flüssigkeit enthalten jedoch auch Proteine, die uns Aufschluss darüber geben, woher die Vesikel stammen, also aus welchem Organ oder zellulären Prozess. Wenn die Proteinmenge und/oder die Größe der Bläschen vom Normalbereich abweicht, könnte dies auf eine Krankheit hindeuten. Deshalb ist es sehr wichtig, Wege zu finden, extrazelluläre Vesikel zu charakterisieren. Die Forscher am MPL und MPZPM arbeiten nun an der Entwicklung eines Benchtop-Systems, mit dem Wissenschaftler weltweit von den Vorteilen der iNTA profitieren können.

MPL / DE

 

Weitere Infos

EnergyViews

EnergyViews
Dossier

EnergyViews

Die neuesten Meldungen zu Energieforschung und -technologie von pro-physik.de und Physik in unserer Zeit.

Virtuelle Jobbörse

Virtuelle Jobbörse
Eine Kooperation von Wiley-VCH und der DPG

Virtuelle Jobbörse

Innovative Unternehmen präsentieren hier Karriere- und Beschäftigungsmöglichkeiten in ihren Berufsfeldern.

Die Teilnahme ist kostenfrei – erforderlich ist lediglich eine kurze Vorab-Registrierung.

Meist gelesen

Themen