14.01.2026

Rekordwert in der Mößbauer-Spektroskopie

Isomerie­verschiebung: Anti­mon-Boro­sul­fat zeigt ex­trem schwa­che Bin­dung zwi­schen Metall­ion und An­ion.

Ein Forschungsteam der Univer­sität Augsburg hat zusam­men mit Teams aus Münster und Aachen mit­hilfe der Mößbauer-Spektro­skopie an Antimon-Boro­sulfa­ten nach­ge­wiesen, dass zwischen Metallion und Anion nur eine extrem schwache Bindung vorliegt. Der gemes­sene Rekord­wert der chemi­schen Isomerie­verschiebung liefert neue Ein­blicke in die Chemie dieser jungen Material­klasse und eröffnet Per­spek­tiven für funktio­nale Mate­ri­alien.

Einheitszellen von (a) SbCs[B(SO4)2]4 und (b) SbK[B(SO4)2]4, die die tetragonal...
Einheitszellen von SbCs[B(SO4)2]4 (l) und SbK[B(SO4)2]4 (r), die die tetragonal und monoklin kristallisierenden Verbindungen repräsentieren; Antimon dargestellt als graue Kugeln, Cäsium dunkelblau, Kalium blau, Sulfattetraeder gelb, Borate grün.
Quelle: E. Turgunbajew et al. (2025) / Wiley

Borosulfate sind vielversprechende, noch vergleichsweise junge, kristalline Verbindungen in der anorganischen Chemie. 2012 wurde erstmalig die Struktur eines Borosulfats von der Arbeitsgruppe Höppe an der Universität Augsburg mittels Einkristall-Röntgendiffraktometrie aufgeklärt. Sie sind strukturell mit Silikaten verwandt und zeichnen sich durch eine besonders große Vielfalt an Strukturen und ungewöhnliche chemische Eigenschaften aus. Höppe betont, dass Borosulfate für eine ganze Reihe von Anwendungen interessant sind, z. B. für Leuchtstoffe im UV-Bereich, Ionenleiter für moderne Batterien oder auch für die Katalyse bei Industrieanwendungen. Ein zentrales Merkmal: ihre außergewöhnlich schwache Koordinationskraft, also die geringe Stärke, mit der sie Metallionen binden.

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Forschende der Univer­sität Augs­burg haben dieses Phäno­men nun in Zusammen­arbeit mit einem Team aus Münster erneut experi­mentell be­legt – mithilfe der Mößbauer-Spektro­skopie an neuen Antimon-Boro­sulfa­ten. Diese Spektro­skopie erlaubt einen Blick in die chemi­sche Bindung der unter­such­ten Antimon-Atome.

Im Zentrum der Studie stehen neue Verbin­dungen der Zusammen­setzung SbX[B(SO4)2]4, in denen Antimon mit verschie­denen ein­werti­gen Katio­nen wie Kalium, Rubi­dium, Cäsium, Ammo­nium oder sogar Silber, Thal­lium und Nitro­syl kombi­niert ist. Trotz unter­schied­li­cher Kationen bleibt die grund­legende Anionen­struk­tur erhal­ten.

Die entscheidende Ent­deckung gelang bei der spektro­skopi­schen Unter­su­chung: Die gemes­sene Isomerie­ver­schie­bung des Anti­mons beträgt im Mittel rund –22 Milli­meter pro Sekunde, ein bis­lang nicht beob­achte­ter Wert in der Möß­bauer-Spektro­skopie von Anti­mon. Solch stark nega­tive Werte zeigen eine sehr hohe s-Elek­tronen­dichte am Antimon-Kern an und bele­gen damit die extrem schwache Koordi­nation durch das poly­mere Boro­sulfat-Anion. Zum Ver­gleich: Selbst Antimon-Verbin­dungen, die bis­lang als beson­ders schwach ko­ordi­niert galten, zeigen deut­lich weniger nega­tive Werte. Die vor­gestell­ten Mes­sungen setzen damit eine neue Refe­renz.

Die Studie zeigt zudem, dass nicht nur die Größe der einwer­tigen Kationen, sondern auch das freie Elek­tronen­paar des drei­werti­gen Anti­mons struk­tur­bestim­mend sind. Je nach Zusam­men­spiel dieser Fak­to­ren kris­tal­li­sie­ren die Ver­bin­dungen in unter­schied­li­chen Raum­gruppen.

Überraschend entdeckte das Team außer­dem eine zweite Grup­pe von Ver­bin­dungen: SbX[B4O2(SO4)6] mit Lithium oder Natrium. Diese Boro­sul­fate be­sitzen ein völ­lig neues, ein­dimen­sio­nal poly­meres Anion mit B-O-B-Brücken und bilden einen bislang unbe­kann­ten Struk­tur­typ – ein wei­terer Hin­weis auf die außer­gewöhn­liche Viel­seitig­keit dieser Stoff­klasse.

Begleitende quantenchemische DFT-Berechnungen eines Teams der RWTH Aachen bestätigen die experimen­tellen Ergebnisse und zeigen einen direkten Zusammen­hang zwischen Elektronen­dichte am Kern und Isomerie­verschiebung. Weitere Methoden wie Infrarot­spektro­skopie, thermische Analyse und temperatur­abhängige Röntgen­beugung ergänzen das umfassende Bild der neuen Materialien.

Die Arbeit liefert nicht nur einen spektaku­lären spektro­skopi­schen Rekord, sondern vertieft das grund­legende Verständ­nis der chemischen Bindung in Boro­sulfaten. Solche Erkennt­nisse sind entschei­dend, um gezielt neue Materi­alien mit maß­geschnei­derten Eigen­schaften zu entwickeln – etwa für Optik, Energie­speicherung oder Festkörper­chemie. [U Augsburg / dre]

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