Suchen nach: Supernovae
• 7/2026 • Seite 31 • DPG-MitgliederIn eisiger Tiefe
In der Antarktis erhält das IceCube-Experiment nach mehr als fünfzehn Jahren erfolgreicher Messungen mit einem Upgrade neuen Aufschwung.
Als einer der kältesten, trockensten und abgelegensten Orte der Welt ist der geografische Südpol ein Ort der Extreme. Passend dazu hat ein internationales Forschungsteam beschlossen, dort eine extreme Vision zu realisieren: das IceCube-Experiment. Der weltweit größte Neutrinodetektor hat unter anderem die genauesten Messungen der Oszillationen atmosphärischer Neutrinos vorgenommen und strenge Obergrenzen für viele Theorien jenseits des Standardmodells gesetzt. Aufbauend auf diesem Erfolg soll die gerade fertiggestellte Erweiterung „IceCube Upgrade“ die Eigenschaften der Neutrinos noch genauer vermessen.
In natürlichen Prozessen wie dem radioaktiven Betazerfall oder Supernovae entstehen zahlreiche Neutrinos. Sie gehören zu den häufigsten Teilchen im Universum, bleiben aber trotz ihrer Allgegenwärtigkeit die am wenigsten verstandenen Bausteine des Standardmodells. Zu ihren faszinierenden Eigenschaften gehört es, dass sie die einzigen elektrisch neutralen Fermionen sind und nur über die schwache Kraft wechselwirken. Daher interagieren sie fast nicht mit Materie und sind extrem schwer zu detektieren. Neutrinos galten lange Zeit als masselos. Doch mittlerweile wissen wir, dass sie eine − wenn auch verschwindend geringe − Ruhemasse besitzen. Deren Messung ist bis heute eine Herausforderung. Dass sie von Null verschieden sein muss, zeigt das Phänomen der Neutrinooszillationen.
Neutrinos entstehen ausschließlich über Prozesse der schwachen Wechselwirkung und lassen sich auch nur durch diese nachweisen. Findet dabei der Austausch eines Z0-Bosons statt, was einer Streuung gleicht, bleibt das Neutrino unverändert. Wechselwirkt es jedoch mittels eines W±-Bosons, so wandelt es sich in ein geladenes Lepton um. Je nach Flavour dieses Leptons (e, μ, τ) befindet sich das Neutrino bei der Wechselwirkung in dem entsprechenden quantenmechanischen Eigenzustand (νe, νμ, ντ), dem sogenannten Flavourzustand. Bei der Bewegung durch den Raum liegen sie allerdings in Eigenzuständen vor, die den Neutrinomassen zugeordnet und als ν1, ν2 und ν3 bezeichnet werden. In der Quantenmechanik kann ein Teilchen als Überlagerung mehrerer Zustände existieren, sodass im Falle der Neutrinos jeder Flavourzustand aus allen drei Massezuständen besteht und umgekehrt. Wenn ein Neutrino also in einem bestimmten Flavourzustand entsteht, enthält es Anteile aller drei Massenzustände. Bewegt es sich durch Raum und Zeit, ändert sich seine Zusammensetzung in den unterschiedlich schweren Massenzuständen, da diese mit verschiedenen Geschwindigkeiten propagieren. Folglich ergibt sich nach einer gewissen Zeit ein anderer Flavourzustand; diesen Effekt bezeichnet man als Neutrinooszillation. (...)
• 6/2026 • Seite 25 • DPG-MitgliederDurch die Linse betrachtet
Mit dem Gravitationslinseneffekt lässt sich das kosmologische Standardmodell gezielt testen.
Eines der wichtigsten Werkzeuge, um Fragen zur Natur der Gravitation, der Dunklen Materie sowie über die Vergangenheit und Zukunft des Universums zu beantworten, ist der Gravitationslinseneffekt. Dabei lenken Massekonzentrationen die Lichtstrahlen entfernter Quellen ab. Die Analyse dieser Ablenkung für Millionen von Galaxien erlaubt Rückschlüsse, wie sich die Materie im Universum verteilt, und beantwortet so fundamentale Fragen der Physik.
Das kosmologische Standardmodell ist eine der großen Erfolgsgeschichten der modernen Physik. Wenn man annimmt, dass die Allgemeine Relativitätstheorie gilt sowie statistische Isotropie und Homogenität vorliegen, beschreibt es unser Universum über viele Größenskalen hinweg konsistent. Diese reichen von der Entstehung der leichten Elemente nur Minuten nach dem Urknall über den kosmischen Mikrowellenhintergrund bis hin zur Expansionshistorie, die sich zum Beispiel mit Supernovae und der statistischen Verteilung großskaliger Strukturen messen lässt. Immer neue Datensätze haben die Kosmologie in den letzten drei Jahrzehnten zu einer präzisen Wissenschaft weiterentwickelt, die viele alternative kosmologische Modelle ausschließen konnte. Die beobachtende Kosmologie überprüft die Komponenten des Standardmodells mittels neuer Daten und Methoden gründlich. Solche kosmologischen Tests nutzen häufig den Gravitationslinseneffekt, eine Vorhersage der Allgemeinen Relativitätstheorie [2].
Arthur Eddington konnte den Gravitationslinseneffekt 1919 erstmals während einer Sonnenfinsternis nachweisen und so die Vorhersage der Allgemeinen Relativitätstheorie bestätigen, dass die beobachtete Ablenkung etwa dem doppelten Wert der Newtonschen Abschätzung entsprechen sollte. Diesen Unterschied begründet die Allgemeine Relativitätstheorie mit einer räumlichen Krümmung zusätzlich zur zeitlichen. Sechzig Jahre später ließen sich Mehrfachbilder eines Quasars beobachten. (...)
Die ESA bittet um Mithilfe
Mit einem Citizen-Science-Projekt möchte die ESA die Schwarmintelligenz der Bürger:innen nutzen, um starke Gravitationslinsen zu identifizieren.
USA: Unabhängiges arXiv.org; Gestrichener Satellit; Stand up for Science 2.0
Wie man (k)eine Bachelorarbeit schreibt; Von Memes bis Montagsmaler
Quantum Science with Interacting Arrays of Rydberg Atoms and Molecules
837. WE-Heraeus-Seminar
Non‐Hermitian and Topological Photonics
836. WE-Heraeus-Seminar
Charting the Cosmos: From Cosmic Stellar Nurseries to Evolved Stars using High Powered Telescopes
839. WE-Heraeus-Seminar
• 10/2025 • Seite 26 • DPG-MitgliederKosmische Leuchttürme
Quasare im Blick des James-Webb-Weltraumteleskops
Gerade einmal einhundert Jahre ist es her, dass Edwin Hubble belegte, dass die Milchstraße nicht die einzige Galaxie im Universum ist, sondern dass es Milliarden weiterer Galaxien füllen. Die Weite und scheinbare Unendlichkeit des Universums regen zum Nachdenken an: Welchen Platz nehmen wir Kosmos ein? Wie und wann entstehen Galaxien? Warum sieht unsere Milchstraße genau so aus – und nicht anders? Um diese grundlegenden Fragen der modernen Astrophysik zu beantworten, entwickelten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer leistungsfähigere Teleskope, die einen Blick in die tiefsten Regionen des Alls ermöglichen.
Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop beginnt nun eine neue Ära der Himmelsbeobachtung. Es erlaubt uns einen tieferen Einblick in die Vergangenheit des Universums als je zuvor und beleuchtet die dynamischen Prozesse des jungen Kosmos – von der Entstehung supermassereicher Schwarzer Löcher bis hin zu den leuchtkräftigen Quasaren, die das frühe Universum prägten.
Heute wissen wir, dass sich das Universum nach dem Urknall vor etwa 13,8 Milliarden Jahren und einer kurzen Phase exponentieller Expansion − der sogenannten Inflation − allmählich abkühlte. Dieser Prozess setzte sich fort, bis sich Photonen und Materie entkoppelten und eine Phase begann, in der noch keine Sterne oder Galaxien leuchteten. Erst durch gravitative Instabilitäten innerhalb der Dunklen Materie bildeten sich lokale Verdichtungen, die baryonische Materie an sich zogen. (...)
Vorschau auf den kosmischen Film
Die ersten Bilder des Vera C. Rubin Observatory beeindrucken mit Größe und Detailfülle.
Übereinkommendes Jubiläum
Die Europäische Weltraumorganisation feiert 50 Jahre ESA-Konvention.
Wirksame Förderung
Ein Bericht des Europäischen Forschungsrats beleuchtet das Innovationspotenzial der Proof of Concept-Grants.
Letzter Blick auf kosmische Extreme
Nach 22 Jahren hat das europäische Gammastrahlenteleskop Integral seine Beobachtungen eingestellt.
• 2/2025 • Seite 18 • DPG-MitgliederDie Sonne besser verstehen
Die Messung der Halbwertszeit eines vollständig ionisierten Thallium-Isotops gibt Einblicke in die Zeit direkt vor der Entstehung der Sonne und ihre Neutrinoemission.
• 2/2025 • Seite 29 • DPG-Mitglieder(Vor-)Stoß in den Mikrobereich
Mikrostoßwellen sind Schockwellen, die teils mit mehr als 500 bis 700 Meter pro Sekunde durch haardünne Kapillaren rasen.
Stoßwellen finden sich in vielfältiger Weise in Natur und Technik. Meist entstehen sie im makroskopischen Bereich, etwa bei Supernovae. Sie finden Anwendung in der Medizin oder in großen Rohren bei physikalischen, chemischen und technischen Untersuchungen. Stoßwellen jedoch, die mit Überschallgeschwindigkeit durch extrem dünne Röhrchen laufen, bedeuten Neuland. Solche „Mikrostoßwellen“ bilden ein neues Teilgebiet der Strömungsphysik, von dem zukünftig Anwendungen ebenso profitieren können wie die Grundlagenphysik.
Eine Stoßwelle, manchmal auch Schockwelle genannt, bedeutet physikalisch betrachtet, dass sich eine Störung schneller in einem Medium ausbreitet als mit der dort charakteristischen Geschwindigkeit. Einfacher ausgedrückt handelt es sich um eine Druckwelle, deren Geschwindigkeit höher ist als die lokale Schallgeschwindigkeit. Dadurch ändern sich über die Stoßfront die Zustandsgrößen wie Druck, Dichte und Temperatur nahezu sprunghaft. Mit dem sehr schnellen Druckanstieg geht ein sehr schnelles Aufheizen der Materie einher, was Stoßwellen zur Untersuchung von Hochtemperaturphänomenen prädestiniert.
Als natürliche Phänomene treten Stoßwellen in der Astrophysik und beim Eintritt von Meteoriten in die Erdatmosphäre auf. Sie sind Begleiterscheinungen von Blitzen in Form von Donner, Explosionen aller Art und Kavitationsblasen. In der Luft- und erdnahen Raumfahrt kommen sie etwa als „Überschallknall“ vor. Anwendung finden sie sowohl in der Medizinphysik (z. B. bei der Stoßwellenlithotripsie) als auch bei der Erforschung von Materie unter extremen Bedingungen, wie der Physik bei hohen Energiedichten und bei lasererzeugten Plasmen. Stoßwellen sind also weit verbreitet.
• 1/2025 • Seite 20 • DPG-MitgliederKohärent gestreut
Die Experimente XENONnT und Panda-X haben erstmals Neutrinos von der Sonne nachgewiesen.
• 12/2024 • Seite 22 • DPG-MitgliederVorstoß zu neuen Energien
Der FASER-Kollaboration ist es erstmals gelungen, die Wirkungsquerschnitte von Elektronneutrinos mit Energien von mehreren TeV zu bestimmen.
Phase Transitions – From the Laboratories to the Cosmos
WE-Heraeus Physics School and 60th Karpacz Winter School on Theoretical Physics
Next generation Quantum Materials: Correlations and Magnetism Meet Topology
Bad Honnef Physics School
• 9/2024 • Seite 76 • DPG-MitgliederEnlightening the dark universe
Gravitational waves promise to shed light on fundamental physics through observations of dark compact objects.
Gravitational waves provide a unique window into the most cataclysmic events in the universe, from the Big Bang to black hole mergers. They complement traditional electromagnetic astronomy and, in addition, reveal phenomena that were previously hidden from our view.
The direct detection of gravitational waves in 2015 [1] was among the most important discoveries in fundamental physics in recent decades and a proof of one of the fundamental predictions of General Relativity (GR). The signal was observed by the two underground LIGO detectors in Hanford and in Livingston (Fig. 1); the comparison of the data in the bottom plot demonstrates that both detectors witnessed the same event. At least two detectors operating simultaneously are needed to confirm the detection because these instruments are so sensitive that various noises might contaminate the signal, such as seismic activities or even animals walking on the ground above the detector. In addition, it is very important that the observed signal matches the theoretical prediction very well. This is a confirmation that the observed gravitational wave event is a merger of two compact objects with spacetime curvature in their vicinity reaching extreme values. Even though a number of exotic scenarios cannot be excluded, the most probable one is that these were two colliding black holes. (...)
• 6/2024 • Seite 20 • DPG-MitgliederGalaxien am Rand des Universums
Hat das James Webb Space Telescope die Quellen der kosmischen Reionisation gefunden?
• 6/2024 • Seite 27 • DPG-MitgliederBildende Astronomie
Der Wert der Astronomie für die Allgemeinbildung ist kaum zu überschätzen.
Dieser Artikel soll zeigen, was wir unter astronomischer Bildung verstehen und warum wir deren angemessene Repräsentation in den schulischen Lehrplänen und in den Ausbildungsgängen des naturwissenschaftlichen Nachwuchses für unerlässlich halten. Dabei berücksichtigen wir weder die oft kurzlebigen, durch den Zeitgeist bestimmten bildungs- und schulpolitischen Wunschvorstellungen noch die adressatenabhängigen methodischen Aspekte der Wissensvermittlung.
Obwohl es unterschiedliche Auffassungen zum Begriff „Bildung“ gibt, wird gerade der Himmelskunde häufig eine bedeutsame Rolle eingeräumt. Dabei konkurrieren bestimmte Ansichten über die Nützlichkeit von Wissen im Sinne „ökonomischer Verwertbarkeit“ sowie motivationale Aspekte (z. B. das Wecken eines Interesses an Physik) mit erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten des dargebotenen Stoffes, mit der Bedeutung eines naturwissenschaftlich begründeten Weltbildes und auch mit der Fähigkeit des Individuums, sich selbst in größere Zusammenhänge einzuordnen.
Für Wilhelm von Humboldt war Bildung der entscheidende Weg, um sich als Mensch selbst zu vervollkommnen, seine Talente zu entwickeln und individuelle Fähigkeiten zu erkunden und zu fördern [1]. Dieses Bildungsideal entspricht durchaus den Vorstellungen derjenigen jungen Menschen, die sich dem Studium der Astronomie und Physik widmen und wissen wollen, was die „Welt im Innersten zusammenhält“, und die sich an der Suche nach Antworten auf diese Frage beteiligen und daran individuell wachsen wollen. Gleiches darf man, altersgerecht abgestuft, auch von Schulkindern behaupten, die sich im naturwissenschaftlichen Unterricht bevorzugt für aktuelle Themen astrophysikalischer Forschung interessieren. (...)
• 5/2024 • Seite 20 • DPG-MitgliederEin Beleg der Oszillation
Neue Messungen haben gezeigt, dass die Radcliffe-Welle – eine Gasstruktur in der Milchstraße – schwingt und sich vom Galaktischen Zentrum entfernt.
Till Mundzeck: Unser neues Auge im All; Dirk Lorenzen: Die Pracht des Universums
• 4/2024 • Seite 30 • DPG-MitgliederDas „Ah!“ der Astronomie
Von Ptolemäus bis Pink Floyd – Projektionsplanetarien bieten seit 100 Jahren einen perfekten Sternenhimmel und mittlerweile vieles andere mehr.
Jena, am 24. Februar 1914 – ein Arbeitstreffen nimmt eine unerwartete Wendung. Der Leiter der physikalischen und astronomischen Abteilung des Deutschen Museums Franz Fuchs ist im Auftrag des Museumsgründers Oskar von Miller zum Standort der Firma Carl Zeiss gereist. Seine Mission: die mechanischen Details für ein begehbares Planetarium zu besprechen, das die Planetenbewegungen aus dem Blickwinkel der Erde darstellen soll – diese ptolemäische Perspektive dient als Gegenstück zu einem weiteren, kopernikanischen Planetarium, in dem die Sonne im Zentrum steht. Dies soll die kopernikanische Wende im Deutschen Museum sinnlich erfahrbar machen. Doch Walter Bauersfeld, der mit seinem Kollegen Rudolf Straubel die Zeiss-Geschäftsverwaltung repräsentiert, hat eine bessere Idee: Warum eine komplizierte Mechanik entwerfen, wenn man die Bilder von Sonne, Mond und Planeten auf die Innenseite der Kugel projizieren kann? Die Konstruktion wäre einfacher und – so wirft Straubel ein – die Fixsterne könne man dann auch gleich auf die Kugel projizieren.
Gesagt war noch nicht getan, der Beginn des Ersten Weltkriegs verzögert die Entwicklungsarbeiten, aber das, was dabei herauskommt und am 21. Oktober 1923 erstmals in der provisorischen 16-Meter-Kuppel auf dem Dach der Zeiss-Fabrik in Jena präsentiert wird, übertrifft alle Erwartungen. Die komplexe optomechanische Apparatur gilt sogleich als „Wunder aus Jena“: Ein knochenförmiger Mechanismus zaubert einen brillanten und realistischen Sternenhimmel an die Kuppeldecke, wie man ihn so nur an den dunkelsten Orten auf der Erde erleben kann. Das entlockt dem Publikum beim ersten öffentlichen Betrieb ab Juli 1924 in Jena und ab 7. Mai 1925 im Deutschen Museum in München stets ein ungläubiges Staunen. Das „Ah!“ gehört so von Anfang an zum Planetariumserlebnis, nicht aber das Sitzen. Im Deutschen Museum bekommt erst das neue und größere Planetarium im Jahr 1956 einen bestuhlten Zuschauerraum. Zu dieser Zeit hat das Planetarium seinen Siegeszug auf der ganzen Welt angetreten, nach einer Zäsur durch den Zweiten Weltkrieg. Zeiss-Projektoren gehören immer noch zu den Spitzenerzeugnissen, aber längst haben auch andere Technologien und Anbieter den Markt erobert. (...)
Many-Particle Systems under Extreme Conditions
Polnisch-deutsches WE-Heraeus-Seminar
Schwingungen und Wellen in Alltagskontexten
WE-Heraeus-Fortbildung für Lehramtsstudierende, Studienreferendare und Lehrkräfte
• 3/2024 • Seite 40 • DPG-MitgliederMehr als Dunkle Materie
Xenondetektoren für Dunkle Materie sind die Schweizer Taschenmesser der Astroteilchenphysik bei niedrigen Energien.
Große Detektoren mit tonnenschweren Targets aus Xenon wurden ursprünglich entwickelt, um Teilchen der Dunklen Materie nachzuweisen, beispielsweise Weakly Interacting Massive Particles. Die hervorragenden Eigenschaften dieser Detektoren machen sie allerdings auch interessant für viele weitere Suchen nach seltenen Ereignissen, die teils das Tor zu neuer Physik öffnen.
Mit dem XENON1T-Detektor ist es gelungen, die längste je direkt gemessene Halbwertszeit eines Atomkerns zu bestimmen: (1,8 ± 0,5) · 1022 Jahre für den gleichzeitigen Einfang von zwei Elektronen aus der K-Schale in 124Xe [1]. Außerdem wurde erstmals ein doppelter Elektroneneinfang beobachtet. Als doppelt schwacher Zerfall ist dieser nicht nur für die theoretische Modellierung von Atomkernen interessant, sondern bildet auch einen Baustein für die Suche nach neuer Physik in seltenen Kernzerfällen. Dass diese Messung erst kürzlich gelang, liegt nicht nur an der Seltenheit des Zerfalls, sondern auch an der niedrigen nachzuweisenden Energie von einigen Kiloelektronenvolt (keV). Der XENON1T-Detektor, der eigentlich zur Suche nach Dunkler Materie dient, vereint einzigartige Vorteile, die diese Messung nun ermöglichten: die lange Beobachtung vieler Atome in einem Target aus mehreren Tonnen Xenon, eine niedrige Energieschwelle von weniger als 1 keV und eine hervorragende Reduktion der zahlreichen Störereignisse (Untergrund) in diesem Energiebereich.
Während das Nachfolgeexperiment XENONnT erste Ergebnisse zu Suchen nach Dunkler Materie veröffentlicht hat, ist die nächste Generation dieser Detektoren bereits in Planung, um die Suche nach seltenen Ereignissen mit einer aktiven Masse von einigen zehn Tonnen Xenon voranzutreiben. Ein solches Experiment kombiniert einen großen Detektor und niedrigen Untergrund mit einer niedrigen Energieschwelle und ist damit ein sehr vielseitiges Observatorium für die Niederenergie-Astroteilchenphysik [2]. (...)
Eine Probe für Einstein
Anfang Januar startete die Chinesische Akademie der Wissenschaften ihren Röntgensatelliten Einstein Probe.
Pionier und Pechvogel
Vielfältige Aktionen erinnern an den Astronomen Simon Marius (1573 – 1624).
• 1/2024 • Seite 40Seltene und extreme Supernovae: Kernkollaps-Supernovae – Teil 2
Open Access
Robotische Teleskope entdecken eine zunehmende Vielfalt transienter Strahlungsquellen, deren ungewöhnliche Eigenschaften neue Arten von Sternexplosionen nahelegen. Obwohl die absolute Häufigkeit solcher Ereignisse sehr klein ist, erlaubt ihre extreme Helligkeit relativ häufige Sichtungen, stellt aber theoretische Modelle vor große Herausforderungen. Diesen ungewöhnlichen Supernovae ist dieser Teil 2 gewidmet.
• 6/2023 • Seite 274Neue Computermodelle erklären Sternexplosionen: Kernkollaps-Supernovae – Teil 1
Open Access
Massereiche Sterne können am Ende ihres Lebens als Supernova explodieren, während ihr Kern zu einem Neutronenstern oder Schwarzen Loch kollabiert. Stetig verbesserte Computermodelle und die Entdeckung seltener Arten von Explosionen eröffnen immer tiefere Einblicke in die komplexen Phänomene beim Sternentod. Teil 1 widmet sich dem neutrinogetriebenen Explosionsmechanismus.
Die Montage zeigt den Supernova-Überrest Cassiopeia A im breiten Spektrum Gamma- (violett) bis Radiobereich (orange). Bild: NASA/DOE/Fermi LAT Collaboration, CXC/SAO/JPL-Caltech/Steward/O. Krause et al., NRAO/AUI.
• 10/2023 • Seite 17 • DPG-MitgliederAtmosphäre in Brand
Ein Los Alamos Laboratory Report von 1946 behandelt die Frage, ob eine
atomare Explosion die Atmosphäre entzünden könnte.
• 4/2023 • Seite 166Heliumbrennen auf Weißem Zwerg entdeckt: Astrophysik
Full Access
Ein Weißer Zwergstern kann als Supernova explodieren, wenn seine Masse die Chandrasekhar-Grenze von etwa 1,4 Sonnenmassen überschreitet. In der Großen Magellanschen Wolke wurde nun ein Doppelsternsystem gefunden, in dem Materie von dem Begleiter des Weißen Zwergs auf diesen überströmt und auf seiner Oberfläche durch Kernbrennen reichlich sogenannte superweiche Röntgenstrahlung aussendet. Ungewöhnlich daran ist, dass nicht wie in bisher gefundenen superweichen Röntgenquellen Wasserstoff überströmt und verbrennt, sondern Helium.
• 9/2023 • Seite 47 • DPG-MitgliederNeutrinosuche im Untergrund
In South Dakota entsteht derzeit eines der ehrgeizigsten Neutrinoexperimente.
In einem ehemaligen Goldbergwerk in den Black Hills in South Dakota, USA, haben die Arbeiten zum Deep Underground Neutrino Experiment (DUNE) begonnen. Um die Kavernen für die Detektormodule zu schaffen, sind 800 000 Tonnen Gestein zu bewegen – mehr als 70 Prozent davon ist geschafft. DUNE ist das bisher größte internationale Wissenschaftsprojekt auf US-amerikanischem Territorium, mit Partnern aus über 30 Ländern, darunter zahlreiche europäische Länder und das CERN.
Wenn alles nach Plan verläuft, wird das DUNE-Experiment 2030 die ersten Daten liefern – hundert Jahre nachdem Wolfgang Pauli die Existenz von Neutrinos als „verzweifelten Ausweg“ postulierte, um das Problem des kontinuierlichen Energiespektrums im β-Zerfall zu lösen. Es dauerte 26 Jahre, bis Frederick Reines und Clyde L. Cowan der erste experimentelle Nachweis von Neutrinos mithilfe von Reaktoren gelang. Eine neue Generation gigantischer Neutrino-Observatorien soll nun helfen, die rätselhafte Rolle dieser Teilchen im Universum zu verstehen. So könnten Neutrinos den Schlüssel dazu liefern, warum im Universum Materie über Antimaterie dominiert. Neutrinos sind zudem wichtige Boten astrophysikalischer Ereignisse: Eine Supernova emittiert mehr als 99 Prozent ihrer Energie über Neutrinos, und Neutrinoflüsse von 1011 Neutrinos pro Sekunde und Quadratzentimeter erreichen uns von Fusionsreaktionen in der Sonne. (...)
• 9/2023 • Seite 26 • DPG-MitgliederSignale aus der Ebene
Mit dem IceCube-Detektor ist es erstmals gelungen, Neutrinos aus der galaktischen Ebene nachzuweisen.
• 9/2023 • Seite 61 • DPG-MitgliederDen Dunklen Sektor im Visier
Die direkte Suche nach Dunkler Materie lässt sich dank neuer theoretischer Ansätze ausweiten.
Die ungeklärte Identität der Dunklen Materie ist eines der größten Rätsel der modernen Physik. Weltweit suchen Experimente unter anderem nach direkten Wechselwirkungen zwischen potenziellen Teilchen der Dunklen Materie und einem Detektormaterial. Im Fokus dieser direkten Suchen stehen seit rund vierzig Jahren Weakly Interacting Massive Particles: Diese WIMPs konnten in ihrer ursprünglichen Definition die gesamte Dunkle Materie im Universum beschreiben. Die Tatsache, dass sich solche Teilchen bisher nicht finden ließen, führte in den vergangenen Jahren zu einem Paradigmenwechsel durch die Einführung des sogenannten Dunklen Sektors.
Dunkle Materie (DM) ist eine unsichtbare Substanz, die den Großteil der Materie im Universum ausmacht. Im Gegensatz zu der uns vertrauten sichtbaren Materie, zu der alles von kleinsten Teilchen wie Elektronen bis hin zu Planeten und Sternen gehört, absorbiert, reflektiert oder emittiert die Dunkle Materie kein Licht − daher ihr Name. Jede Sekunde sollten unzählige Teilchen Dunkler Materie durch unseren Körper strömen, ohne dass wir sie wahrnehmen. Ihre Existenz zeigt sich bislang ausschließlich durch gravitative Effekte, für die es bereits im späten 19. Jahrhundert erste Indizien gab. Wegweisende Belege lieferten im 20. Jahrhundert unter anderem die von Vera Rubin in den 1970er-Jahren gemessenen Rotations geschwindigkeiten einzelner Spiralgalaxien [1]. Ent gegen der Erwartung aus dem zweiten Keplerschen Gesetz nehmen die Rotationsgeschwindigkeiten der Sterne mit der Entfernung vom galaktischen Zentrum nicht ab, sondern bleiben nahezu konstant. Diese Beobachtung lässt sich damit erklären, dass die Galaxien in einer Wolke aus Dunkler Materie eingebettet sind. Dann schließen die Umlaufbahnen mehr Masse ein, als sichtbar ist. Im Laufe der Jahre haben weitere Beweise die Existenz der Dunklen Materie bestätigt. Eine präzise Vermessung der kosmischen Mikro wellenhintergrundstrahlung durch den Planck-Satelliten legt den Anteil der kalten (also nichtrelativistischen) Dunklen Materie auf etwa 85 Prozent aller Materie im Universum fest [2]. (...)
• 5/2023 • Seite 20 • DPG-MitgliederDie Frage des Brennstoffs
Kürzlich wurde sogenanntes Heliumbrennen auf einem Weißen Zwergstern entdeckt.
• 4/2023 • Seite 24 • DPG-MitgliederDas neue Bild der Milchstraße
Die Gaia-Mission der Europäischen Weltraumorganisation kartiert seit 2014 unsere Galaxis.
Die Gaia-Mission ist eine Erfolgsgeschichte und liefert einen umfangreicheren und genaueren Blick auf die Milchstraße als je zuvor. Die Beobachtungsdaten zeigen nicht nur faszinierende Einsichten in die Entwicklungsgeschichte unserer Galaxis, sondern sind für alle Bereiche der Astrophysik relevant.
Unser Sonnensystem befindet sich in der Milchstraße, einer Spiralgalaxie, die aus rund 200 Milliarden Sternen besteht. Sie hat einen Durchmesser von ungefähr 100 000 Lichtjahren, und ihr Zentrum ist etwa 26 000 Lichtjahre von uns entfernt. Weil wir uns inmitten der Milchstraße befinden, fällt es schwer, die räumliche Struktur unserer Galaxie zu erforschen – vor allem, weil es dazu nötig ist, die Entfernung von Sternen mit extrem präzisen Messinstrumenten zu bestimmen. Ein wichtiger Fortschritt ließ sich mit dem Astrometrie-Satelliten Hipparcos erzielen, der zwischen 1989 und 1993 mehr als 100 000 Sterne der Milchstraße mit hoher Genauigkeit vermessen hat und dadurch unser Wissen über die Sterne und die Dynamik der Milchstraße erweiterte.
Nach dem großen Erfolg von Hipparcos kam die Idee auf, einen Nachfolger zu bauen, der in der Lage sein sollte, zehntausendmal mehr Sterne mit einer bis zu 50-fach höheren Genauigkeit zu vermessen. Was die Zahl der Sterne angeht, hat Gaia [1] dieses Ziel mit dem neuesten und dritten Sternkatalog (Data Release 3) bereits übertroffen, der Daten für 1,8 Milliarden Sterne enthält [2, 3]. (...)
1/2023 • Seite 47 • DPG-MitgliederPhysik-Preise 2023
Laudationes auf die Preisträgerinnen und Preisträger der Deutschen Physikalischen Gesellschaft
• 12/2022 • Seite 28 • DPG-MitgliederDichter Materie auf der Spur
Die Beobachtung von Gravitationswellen hilft dabei, die nukleare Zustandsgleichung zu untersuchen.
Bei der Supernova-Explosion eines massiven Sterns kann ein Neutronenstern entstehen, der aus der dichtesten beobachtbaren Materie im Universum besteht. Wenn in einem Doppelsternsystem zwei Neutronensterne kollidieren und verschmelzen, lassen sich Gravitationswellen und elektromagnetische Strahlung nachweisen. Diese ermöglichen es zusammen mit anderen Neutronensternbeobachtungen, die nukleare Zustandsgleichung und damit die Physik der starken Wechselwirkung in einem interdisziplinären Forschungsansatz zu untersuchen.
Als vor 130 Millionen Jahren in der Kreidezeit die Dinosaurier auf der Erde herrschten und die heutigen Kontinente allmählich auseinanderdrifteten, ereignete sich in der fernen Galaxie NGC 4993 ein faszinierendes Naturschauspiel: Zwei Neutronensterne verschmolzen miteinander. Neutronensterne wurden 1967 von Jocelyn Bell Burnell entdeckt. Als Endstadium des Lebenszyklus von Sternen mit einer Masse zwischen 8 und 25 Sonnenmassen (M⊙) entstehen sie in gewaltigen Supernova-Explosionen [1] – leichtere Sterne enden als Weiße Zwerge, schwerere kollabieren zu Schwarzen Löchern. Typische Neutronensterne haben eine Masse von 1,4 M⊙, komprimiert in einem kompakten Objekt mit einem Radius von etwa zwölf Kilometern. Daraus ergibt sich eine mittlere Dichte in der Größenordnung der Kernsaturierungsdichte von 2,7 · 1014 g/cm3: Dichter lassen sich Neutronen und Protonen in Atomkernen nicht zusammenpacken. Aufgrund der Gravitation können im Zentrum von Neutronensternen sogar Werte von 1015 g/cm3 auftreten. In Neutronensternen ist aber nicht nur die Materie unglaublich dicht gepackt. Sie weisen die stärksten bekannten Magnetfelder auf, rotieren mit Frequenzen von bis zu 1 kHz, und ihre Kruste stellt das härteste Material im Universum dar [2]. In vielerlei Hinsicht liegt dort die extremste Form von Materie vor, die sich direkt beobachten lässt.
Aus der hohen Dichte resultieren extreme Gravitationsfelder, welche die Newtonsche Gravitationstheorie nicht mehr beschreiben kann: In Neutronensternen gelten die Gesetze der Allgemeinen Relativitätstheorie. Um die Eigenschaften von Neutronensternen zu berechnen, ist es notwendig, die Gleichungen von Richard C. Tolman, J. Robert Oppenheimer und George M. Volkoff (TOV-Gleichungen) zu lösen. Als einziger Input dient die Zustandsgleichung (Infokasten): Sie beschreibt, wie sich der Druck P(є,T ) der Materie als Funktion von Energiedichte є und Temperatur T verhält. Die Lösung der gekoppelten TOV-Differentialgleichungen ergibt den Druck- und Dichteverlauf im Neutronenstern und so den Radius als Funktion der Masse, die Masse-Radius-Beziehung. (...)
Physik in unserer Zeit 6/2022
Sechster IPCC-Bericht
Bei zunehmender Erwärmung könnte sich der artenreiche tropische Regenwald wie hier am Amazonas von einer Kohlendioxid-Senke zu einer Kohlendioxid-Quelle entwickeln. Bereits heute sind viele dieser ökologisch immens wichtigen Waldgebiete von Abholzung und Versteppung bedroht (Bild: D. Eidemüller).
Editorial
Free Access
Eindeutiger als eindeutig
Inhalt: Physik in unserer Zeit 6/2022
Treffpunkt Forschung
Verschränkte Atome über 33 km Glasfaserstrecke: Quantentechnologie
Matthias Bock, Christoph Becher, Florian Fertig, Tim van Leent
Quantennetzwerke ermöglichen sichere Kommunikation, verteiltes Quantencomputing und verbesserte Sensoren und Atomuhren. In einem gemeinsamen Experiment der LMU München und der Universität des Saarlandes ist es nun gelungen, zwei Quantenspeicher – in diesem Fall einzelne gefangene Atome – über eine Glaserfaserstrecke von 33 km miteinander zu verschränken.
Galaktische Protonenkanone: Astroteilchenphysik
Henrike Fleischhack, Petra Huentemeyer
Schon lange wird nach Pevatronen gesucht, kosmischen Teilchenbeschleunigern, die subatomare Teilchen auf extreme Energien im Bereich von Petaelektronenvolt beschleunigen. Nun gelang der Nachweis, dass der Supernovaüberrest SNR G106.3+2.7 solch ein Pevatron enthält.
Extragalaktische Neutrinofabriken: Astroteilchenphysik
Sara Buson, Lenz Oswald, Leonard Pfeiffer, Alessandra Azzollini
Blazare wurden schon lange als Quelle hochenergetischer Neutrinos vermutet, welche die Erde aus kosmischen Distanzen erreichen. Unsere Gruppe an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg hat dies erstmals nachgewiesen.
Physics News
Die Struktur der Atome entschlüsselt: Physik-Nobelpreis vor hundert Jahren
Der Physik-Nobelpreis des Jahres 1922 ging an Niels Bohr „für seine Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung“.
Artikel
Verschränkung: vom Spuk zum Werkzeug: Physik-Nobelpreis 2022
Der diesjährige Physik-Nobelpreis geht an die Experimentalphysiker John Clauser, Alain Aspect und Anton Zeilinger für ihre bahnbrechenden Arbeiten mit verschränkten Photonen.
Open Access
Im Maschinenraum des neuen IPCC-Berichts: Der 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats
Der jüngst veröffentlichte 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC konnte einige zentrale Aussagen zum vergangenen und künftigen menschengemachten Klimawandel in bislang nie dagewesener Deutlichkeit tätigen. Dies wurde durch die weltweite Zusammenarbeit in der Klimaforschung möglich und baut ganz wesentlich auf den Erkenntnissen auf, für die Klaus Hasselmann und Syukuro Manabe im Jahr 2021 mit dem Physiknobelpreis geehrt wurden.
Open Access
Licht in Form gebracht: Strukturiertes Licht – von Kaustiken zu Lichtknoten
Ramon Droop, Daniel Ehrmanntraut, Eileen Otte, Cornelia Denz
Bei vielen aktuellen technologischen Herausforderungen – von medizinischen Entwicklungen über Umwelt- und Klimaschutz bis hin zu Quantencomputern – spielt Licht eine wichtige Rolle, als effektives Werkzeug, multifunktionaler Sensor oder präzises Analyseinstrument. Dazu müssen seine Freiheitsgrade maßgeschneidert werden. Die Erforschung der vielfältigen Formen, in die Licht strukturiert werden kann, ist ein Teilgebiet der Photonik und ermöglicht zahlreiche neue Anwendungen.
Magazin
Origineller Doppelschatten: Im Blickwinkel
Normalerweise treten so viele Schatten eines Gegenstands auf, wie Lichtquellen vorhanden sind, die diesen aus unterschiedlichen Richtungen beleuchten. Diese physikalische Gewissheit könnte im folgenden Beispiel arg in Zweifel gezogen werden – allerdings nur auf den ersten Blick.
Unterrichtskonzeptionen für den Physikunterricht.
Artikel
Open Access
Massereiche Sterne als Geburtshelfer: Das SOFIA-Beobachtungsprogramm FEEDBACK
Nicola Schneider, Jürgen Stutzki
Seit 2019 beobachtete das deutsch-amerikanische Stratosphärenteleskop SOFIA im Rahmen des FEEDBACK-Programms galaktische Sternentstehungsgebiete in der Spektrallinie des ionisierten Kohlenstoffes (C+). Mit Hilfe dieser Beobachtungen wird der Einfluss von massereichen Sternen auf das interstellare Medium untersucht.
Flirrende Lichtspiele: Das kinetische Objekt Toroflux von Jochen Valett, Teil 2
Wilfried Suhr, Hans Joachim Schlichting
Ein rotierender Toroflux erzeugt verschiedene interessante visuelle Strukturen, die sich auf physikalische und wahrnehmungstheoretische Effekte zurückführen lassen. Ursachen sind die schnelle Bewegung und die gegenseitige Abdeckung der Stahlbänder.
Open Access
Nichtlineare Optik mit einzelnen Photonen: Quantenoptik in Rydberg-Systemen
Eine Wechselwirkung zwischen einzelnen Photonen herzustellen, ist traditionell schwierig. Für dieses Problem bietet die RydbergBlockade eine neue, vielversprechende Methode. Dadurch entstehen zahlreiche interessante Anwendungsmöglichkeiten.
Magazin
Resonanz und Zersingen von Weingläsern: Physik im Weinkeller
Nicht selten wird behauptet, dass Personen mit ausgebildeter Stimme in der Lage seien, Gläser zu zersingen. Im Internet kursieren zahlreiche Videos, die uns dies ebenfalls weismachen möchten. Die häufig mitgelieferte physikalische Erklärung ist dabei durchaus plausibel.
Instrumentalklang mit WavePad untersuchen: Smarte Physik
Patrik Vogt, Jochen Kuhn, Thomas Wilhelm
Es gibt eine Vielzahl verschiedener Oszilloskop-Apps, doch auch der Audio-Editor WavePad lässt sich als Speicheroszilloskop einsetzen. Er bietet zwei Vorteile: Die Aufnahmezeit ist nicht auf einen Sekundenbruchteil begrenzt, und das Audiosignal lässt sich vielfältig bearbeiten.
Bücher
„Wir sind verschwenderisch in Sachen Treibstoff …“
Historisches Rätsel
Der Gesuchte war ein hochbegabter Erfinder, vom Sprechapparat über Sprachübertragung bis zur Lösung unserer Energieprobleme.
Treffpunkt TV
Brechts Leben des Einstein: Physik & Literatur
Physik und Literatur brauchen einander, da die Welt nicht nur selbstlos erkannt, sondern auch zum Guten gewendet werden will. Brecht entwickelt hierfür ein experimentelles Theater aus dem analytischen Geist der Physik.
Free Access
Vorschau auf Heft 1/2023
• 11/2022 • Seite 29 • DPG-MitgliederGeheimnisvolle Ausbrüche
Die gleichzeitige Beobachtung von Gammablitzen und Gravitationswellen stellt unser Wissen über die Eigenschaften der Jets bei den Strahlungsausbrüchen infrage.
Obwohl Jets in verschiedenen astrophysikalischen Szenarien auftreten, ist bisher wenig über die zugrundeliegenden Mechanismen bekannt. Ihre schnelle zeitliche Variation bei Gammablitzen könnte es erlauben, die Struktur und den Emissionsmechanismus besser zu verstehen. Die Multimessenger-Beobachtungen des Gammablitzes GRB 170817A haben erste Einblicke gewährt und an bestehenden Modellen gerüttelt.
Um zu verstehen, wie ein astrophysikalischer Jet funktioniert, gilt es zunächst, seinen Erzeugungsmechanismus zu entschlüsseln. Außerdem stellen sich die Fragen, wie die Beschleunigung auf nahezu Lichtgeschwindigkeit und die Kollimation erfolgen, was seine innere geometrische Struktur ausmacht und welcher Mechanismus der Strahlungsemission zugrundeliegt. Um diese zu beantworten, scheinen die Jets bei Gammablitzen deutlich besser geeignet als diejenigen aus dem Kern Aktiver Galaxien: Während letztere sich auf Zeitskalen von vielen Jahren entwickeln, variieren Gammablitze deutlich schneller. Im Folgenden zeigt das Beispiel von GRB 170817A, wie neue Untersuchungen unseren Blick auf die Jets von Gammablitzen verändert haben. Zukünftig sollte die gleichzeitige Beobachtung von Gammablitzen und Gravitationswellen klären, ob es sich dabei um einen Einzelfall handelt oder einen deutlichen Fortschritt im allgemeinen Verständnis.
Gammablitze (engl. Gamma-Ray Bursts, GRBs) stellen die stärksten beobachteten Ausbrüche von elektromagnetischer Strahlung dar: Sie geben binnen einer Sekunde so viel Energie ab wie unsere Sonne während ihrer gesamten Lebensdauer von rund zehn Milliarden Jahren. Wenn die Elektronen in den Schockwellen dieser Ausbrüche mit der umgebenden Materie wechselwirken, entsteht ein Nachleuchten, das mehrere Tage als Röntgenstrahlung, im optischen Bereich und als Radiowellen sichtbar ist. Aufgrund ihrer Dauer und Ursache unterscheidet man zwei Arten von Gammablitzen (Abb. 1). „Lange“ Ausbrüche erzeugen Blitze, die typischerweise zehn bis hundert Sekunden anhalten und bei der Supernova-Explosion massereicher Sterne entstehen. Die Beobachtung von zwei Dutzend Ausbrüchen in geringer Entfernung zu uns belegt dies durch den Nachweis optischen Lichts der Supernova etwa acht bis zehn Tage nach dem Gammablitz [1]. Massereiche Sterne werden nur einige Millionen Jahre alt – im Gegensatz zu unserer Sonne. Daher treten die Strahlungsausbrüche relativ schnell nach der Entstehung des Muttersterns auf. Da massereiche Sterne häufig in Gruppen vorkommen, zeichnen sich die Muttergalaxien langer Ausbrüche wegen der vielen anderen jungen, heißen Sterne durch eine blaue Farbe und eine hohe Sternentstehungsrate aus. Lange Blitze lassen sich bis an den „Rand des Universums“ beobachten: Sie gehören zu den am weitesten entfernten bekannten Objekten. In den vergangenen zehn Jahren dienten sie in der Kosmologie dazu, die Entstehung der ersten Sterne und Galaxien zu untersuchen. (...)
Physik in unserer Zeit 5/2022
Titelbild
Free Access
Spezial: Röntgenlaser-Forschung
Der Freie-Elektronen-Laser European XFEL ist die derzeit stärkste künstliche Röntgenquelle, die der Forschung zur Verfügung steht. Seine Tunnelanlage erstreckt sich unterirdisch vom DESY-Gelände in Hamburg 3,4 km weit bis nach Schenefeld. Mit seinen ultrastarken Röntgenblitzen lässt sich zum Beispiel die biochemische Funktionsweise von Proteinen in Einzelschritt-Bildern ablichten, die zu „Molekülfilmen” zusammengesetzt werden. Für ein solches Biophysik-Projekt arbeitet hier Tokushi Sato an der Probenkammer des SPB/SFX-Instruments in Schenefeld (Copyright: European XFEL).
Editorial
Im Slalom durch bewegte Zeiten – der European XFEL
Inhalt: Physik in unserer Zeit 5/2022
Treffpunkt Forschung
Vierwellenmischung im extremen UV: Nichtlineare Spektroskopie
Horst Rottke, Daniel Schick, Stefan Eisebitt
Freie-Elektronen-Laser verschieben zunehmend die Grenzen der nichtlinearen Spektroskopie bis in den Bereich der Röntgenstrahlung. Wir haben damit exemplarisch an einem Lithiumfluorid-Kristall die nichtlinearen Prozesse der Summen- und Differenzfrequenzmischung und sich daraus ergebende neue Möglichkeiten zur spektroskopischen Charakterisierung von Festkörpern untersucht.
Universeller Transport von Quantenmagneten: Quantenvielteilchenphysik
Quantenphänomene werden üblicherweise mit ungewöhnlichen Eigenschaften wie dem Wellencharakter von Teilchen oder der Verschränkung assoziiert. Einem Forschungsteam vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik und von der University of California in Berkeley gelang nun in einem Quantensimulator die interessante Beobachtung, dass sich Quantenmagnete unter speziellen Bedingungen mathematisch analog zu klassischen Phänomenen wie sich ausbreitenden Kaffeeflecken oder Buschfeuern verhalten können.
Druck zählt!
Hochdruckphysik
Natalia Dubrovinskaia, Leonid Dubrovinsky
Extrem hohe statische Drücke von bis zu einem Terapascal ermöglichen die Bildung neuartiger Verbindungen mit besonderen Eigenschaften. Mit einer doppelstufigen Diamantstempelzelle ist es unserem Team an der Universität Bayreuth nun gelungen, in diesen Druckbereich vorzudringen und dabei In-situ-Analysen des Materialverhaltens durchzuführen.
Physics News
Artikel
Open Access
Freie-Elektronen-Laser bringen Licht in den Auger-Prozess: Elektronendynamik im Röntgenblick
Markus Ilchen, Wolfram Helml, Michael Meyer, Reinhard Kienberger
Der Auger-Effekt ist ein fundamentaler Prozess, bei dem Energie in Materie durch Abgabe von Elektronen umverteilt wird. Experimente an Röntgenlasern machen es nun möglich, diesen bedeutsamen Effekt in bisher unerforschten Zuständen der Materie und mit extremer Zeitauflösung zu untersuchen.
Gefilmte Proteindynamik: Zeitaufgelöste Strukturanalyse mit ultrakurzen Röntgenpulsen
Proteine gehören zu den faszinierenden Bausteinen des Lebens. Als Makromoleküle sind sie einerseits besonders groß, andererseits besitzen sie eine definierte dreidimensionale Architektur. Diese Struktur bestimmt ihre Funktion. Die Erforschung des Zusammenspiels von beiden Eigenschaften ist unverzichtbar, um Lebensprozesse in der Biologie zu verstehen und um Krankheiten mit neuen Verfahren bekämpfen zu können.
Open Access
Zweistimmiges Solo: Physik des Obertongesangs
Leopold Mathelitsch, Ivo Verovnik
Obertonsingen beeindruckt unmittelbar, denn ein Mensch scheint mit zwei verschiedenen Stimmen zu singen. Ist das tatsächlich so, und wie funktioniert das?
Open Access
Von Eisen bis Blei und zu den Aktiniden: Ursprung der Elemente – Teil 2
Der zweite Teil unserer Serie zur kosmischen Nukleosynthese behandelt die Entstehung schwerer und sehr schwerer Elemente. Außerdem betrachten wir Typ-Ia-Supernovae, die auch einen Beitrag zu leichteren Elementen von Si bis hin zu Fe und Ni liefern.
Verschlungen wirbelnder Torus: Das kinetische Objekt Toroflux von Jochen Valett, Teil 1
Wilfried Suhr, Hans Joachim Schlichting
Ein aus einem Stahlband geknüpftes, torusartiges Objekt rollt, durch die eigene Gewichtskraft angetrieben, an einem Stab herab. Hinter diesem einfach anmutenden Vorgang verbirgt sich ein äußerst interessantes visuelles und physikalisches Geschehen.
Magazin
Eiskalter Einblick ins Gehirn: Vor 50 Jahren
Thomas Middelmann, Tilmann Sander-Thömmes
Mit supraleitenden Quantensensoren (SQUIDs) konnten vor 50 Jahren erstmalig einzelne Gehirnsignale magnetisch aufgezeichnet werden. Heute wird die Magnetoenzephalographie (MEG) durch optische Quantensensoren (OPM) erneut revolutioniert.
Die Stunde der Physiker: Einstein, Bohr, Heisenberg und das Innerste der Welt
„Kann eine Frau Privatdozentin werden?“
„Wir bitten nur um Dispens für den vorliegenden einzigartig liegenden Fall“ – die Habilitation Emmy Noethers
Neutrinoastronomie ― Blick in verborgene Welten
The Exodus Incident. A Scientific Novel
Fettflecken untersuchen mit Graphical Analysis: Smarte Physik
Lisa Stinken-Rösner, Thomas Wilhelm, Jochen Kuhn
Warum sind Fettflecken auf Papier durchsichtig? Dieses physikalische Phänomen kann man mit Licht- und Farbsensoren untersuchen, die über die App Graphical Analysis von Computern, Tablets oder Smartphones aus ansteuerbar sind.
Turm der Farben: Im Blickwinkel
Durch eine Art physiologischen Weißabgleich tendiert die visuelle Wahrnehmung dazu, die Farbe des Lichts überwiegend als weiß anzusehen. Das funktioniert aber nicht immer.
Für alles eine App
Erfinder von Zukünften: Historisches Rätsel
Vom erfinderischen Ingenieur und angewandten Physiker wird der Gesuchte zum Zukunftsmahner.
Treffpunkt TV
Buffons Stil der Naturgeschichte: Physik & Literatur
Der Stil wissenschaftlichen Schreibens ist nicht eine ausschmückende Form, sondern Ausdruck des Denkens und offenbart die Weise, wie Wissenschaft verstanden wird.
Free Access
Vorschau auf Heft 6/2022
Vergangener Blick für die Zukunft gesichert
Umfangreiche Bestände historischer Astronomie-Aufnahmen sind nun vollständig digitalisiert.
Energiesparend beschleunigen
Ein neues Testfeld am Karlsruher Institut für Technologie soll zur Verbesserung der Energieeffizienz in großen Forschungsinfrastrukturen beitragen.
Christian Spiering: Neutrinoastronomie – Blick in verborgene Welten
• 7/2022 • Seite 23 • DPG-MitgliederKontroverse um eine Konstante
Verschiedene Messungen liefern unterschiedliche Werte für die Hubble-Konstante: ein ewiges Problem der Kosmologie?
Wir leben in einem dynamischen, expandierenden Universum. Die Beobachtung, dass die Radialgeschwindigkeit kosmischer Objekte mit ihrer Entfernung zunimmt, stellt eine der Säulen des kosmologischen Modells eines heißen Urknalls dar. Die anderen sind die Mikrowellen-Hintergrundstrahlung und die Häufigkeiten leichter Elemente: Damit Deuterium, Helium und Lithium aus Wasserstoff fusionieren, muss es eine sehr heiße Phase gegeben haben, die heute als Mikrowellen-Hintergrund beobachtet wird. Wenige Parameter reichen aus, um die Eigenschaften des expandierenden Universums zu beschreiben. Seine energetischen Inhalte bestimmen die Ausdehnung, und die momentane Ausdehnungsrate, die Hubble-Konstante, ist einer der wichtigsten Parameter. Im nahen Universum folgt sie dem Hubble-Lemaître-Gesetz; mit einem kosmologischen Modell ergibt sie sich aus der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung.
Mit der Annahme von räumlicher Homogenität und Isotropie (Robertson-Walker-Metrik) lassen sich die Einsteinschen Feldgleichungen auf die Friedmann-Gleichung reduzieren, um das beobachtbare Universum zu beschreiben. Die Friedmann-Gleichung gibt die kosmische Ausdehnung als Funktion von Hubble-Konstante, Raumkrümmung und den mittleren Energiedichten an. Letztere bestimmen die Dynamik der Expansion, zum Beispiel erzeugt eine höhere Materiedichte eine stärkere Abbremsung. Die Hubble-Konstante skaliert die kosmologischen Modelle und somit das absolute Alter des Universums.
Während der letzten zwei Jahrzehnte hat sich ein Modell des Universums mit einigen erstaunlichen Eigenschaften etabliert. Zusätzlich zur Strahlung, deren Energiedichte aufgrund der niedrigen Temperatur des Mikrowellenhintergrundes heute vernachlässigbar klein ist, und der „normalen“ (baryonischen) Materie, die etwa fünf Prozent der Gesamtenergie ausmacht, braucht es zwei „dunkle“ Komponenten, um die Beobachtungen zu erklären. Ein Großteil der Materie interagiert nur durch die Gravitation mit dem Rest der Welt: Diese Dunkle Materie macht etwa ein Viertel der Energie im Universum aus. Da die kosmische Expansion heute beschleunigt ist, sollte es eine zusätzliche, abstoßend wirkende Energiekomponente geben. Eine mögliche Erklärung dieser Dunklen Energie steckt in Einsteins kosmologischer Konstante. Die Dunkle Energie dominiert heute den Energieinhalt des Universums mit einem Anteil von 70 Prozent. Dieses kosmologische Modell heißt ΛCDM, wobei Λ für die kosmologische Konstante steht und CDM für kalte Dunkle Materie (Cold Dark Matter). Mittlerweile gibt es aber Beobachtungen, die innerhalb des ΛCDM-Modells inkonsistent erscheinen. Am deutlichsten tritt dies bei der Hubble-Konstante zutage, für die sich unterschiedliche Werte durch Beobachtungen des frühen Universums und aus der lokalen Umgebung ergeben. Die Diskussion dieses als Hubble-Spannung (Hubble tension) bezeichneten Problems soll im Folgenden erläutert werden. (...)
• 5/2022 • Seite 20 • DPG-MitgliederRadioquellen im Katalog
Der LOFAR Two-Metre Sky Survey hat einen zweiten Datenkatalog veröffentlicht.
• 5/2022 • Seite 28 • DPG-MitgliederVom Winde verweht
Die Winde heißer Sterne verändern kosmische Strukturen und unser Bild vom Leben massereicher Sterne.
Neben Licht – oder allgemeiner: elektromagnetischer Strahlung – senden die Sterne am Nachthimmel auch einen Strom geladener Ionen aus, den Sternwind. Bei manchen Sternen fällt dieser so stark aus, dass sich der Lebensweg des Sterns fundamental verändert. Das gilt vor allem für heiße, massereiche Sterne: Ihr permanenter Massenverlust beeinflusst ihre unmittelbare Umgebung und stellt einen wichtigen Baustein im kosmischen Materiekreislauf dar. Sternwinde haben vermutlich einst unser Sonnensystem ermöglicht – sie beeinflussen die gesamte moderne Astrophysik.
Die Auswirkung eines besonderen Sternwinds lässt sich spektakulär in den Polarregionen beobachten: Jedes Jahr zieht es zahlreiche Menschen in den hohen Norden, um Polarlichter zu sehen. Sie entstehen, wenn der Sonnenwind mit dem Erdmagnetfeld wechselwirkt. Der Sonnenwind ist der wohl am besten studierte Sternwind und − zum Glück für uns auf der Erde − auch einer der harmloseren. Lediglich zehn Billiardstel ihrer eigenen Masse (10–14 M⊙) gibt die Sonne pro Jahr als Sternwind ab. Das reicht aus, um Satelliten in Bedrängnis zu bringen, aber nicht, um das eigene Schicksal maßgeblich zu beeinflussen.
Der Wind heißer, massereicher Sterne fällt deutlich dramatischer aus: Typischerweise brauchen sie nur wenige Millionen Jahre, um eine Sonnenmasse in den Weltraum abzustoßen; bei besonders starken Winden passiert dies innerhalb von 10 000 bis 100 000 Jahren. Mit Effektivtemperaturen zwischen 10 000 und 60 000 K − teilweise sogar mehr als 100 000 K − sind diese Sterne um ein Vielfaches heißer als unsere Sonne mit ihren knapp 6000 K. Ein massereicher Stern ist bei seiner Entstehung mindestens achtmal so schwer wie die Sonne; die massereichsten Exemplare beginnen ihre Existenz mit weit über 100 Sonnenmassen. Durch den starken Sternwind geben sie allerdings einen signifikanten Anteil im Laufe ihrer Entwicklung an die Umgebung ab. Ist der Wind so stark, dass der Massenverlust auf einer vergleichbaren Zeitskala stattfindet wie die Fusionsprozesse im Sterninneren, beeinflusst der Wind die weitere Entwicklung des Sterns und kann zum Beispiel verhindern, dass sich der Stern zu einem Roten Überriesen aufbläht.
Der Wind massereicher Sterne ist wegen ihrer höheren Leuchtkraft deutlich ausgeprägter als bei unserer Sonne. Mit höherer Masse steigen Druck und Temperatur im Sterninneren, sodass Fusionsprozesse schneller ablaufen: Die Leuchtkraft wächst überproportional im Verhältnis zur Sternmasse – und mit der Leuchtkraft skaliert der Strahlungsdruck. Während dieser für die Sonne und ihren Wind vernachlässigbar bleibt, stellt er für den Wind heißer, massereicher Sterne die alles entscheidende Größe dar, die den Gasdruck um ein bis zwei Größenordnungen übersteigt. (...)
• 4/2022 • Seite 35 • DPG-MitgliederWas ist eine Computersimulation?
Wissenschaftsphilosophische Überlegungen zu einer wichtigen Methode der Physik
Ob es um Quarks, Biomoleküle oder Supernovae geht – bei ihren Untersuchungen stützt sich die heutige Physik oft auf die Computersimulation. Anfängliches Unbeha-gen über die Methode oder der flaue Gag, damit werde wissenschaftliches Vorgehen bloß simuliert, sind längst passé. Doch welchen Beitrag leistet die Methode zur physikalischen Forschung und wie sind ihre Ergebnisse zu bewerten?
Fortschritt in der Physik lässt sich nicht bloß an neuen Ergebnissen und Erkenntnissen festmachen, denn sie entwickelt sich auch methodisch weiter. Eine der spannendsten Neuerungen in dieser Hinsicht ist die Computersimulation (kurz: Simulation), die sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts in immer mehr Teildisziplinen der Physik etabliert hat. Die Physiker Kurt Binder und Dieter W. Heermann sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer Revolution und behaupten, dass die Computersimulation die traditionelle Einteilung in experimentelle und theoretische Physik obsolet macht ([1], S. 1). In jedem Fall wirft die neue Methode Fragen auf: Was tun wir eigentlich, wenn wir eine Computersimulation laufen lassen? Welchen Beitrag leistet sie zur physikalischen Forschung? In welchem Verhältnis steht die Computersimulation zu anderen Methoden der Physik? Und wie glaubwürdig sind Simulationen?
Fragen wie diese beziehen sich nicht mehr auf die Objekte physikalischer Forschung, sondern machen die Physik selbst zum Thema. Sie laden damit zu einer wissenschaftsphilosophischen Diskussion über physikalische Methoden ein. In der Tat wird die Diskussion über die Simulation in der Wissenschaftsphilosophie seit zwei Jahrzehnten intensiv geführt, z. B. [2, 3]. Dies wurde erforderlich, weil die Methode in den bisherigen Charakterisierungen des wissenschaftlichen Vorgehens etwa durch Karl Popper, Thomas Kuhn oder auch die Bayesianische Erkenntnistheorie nicht vorkommt – zumindest nicht explizit. Hier möchte ich Einsichten aus der wissenschaftsphilosophischen Diskussion verwenden, um die oben genannten Fragen zu beantworten. Dabei geht es teilweise auch um eine Bewertung von Simulationen. Ich starte jedoch mit einer Analyse dessen, was unter der Bezeichnung „Simulation“ in der Praxis betrieben wird. (...)
Physik in unserer Zeit 2/2022
Titelbild
Spezial: Hochenergetischer Kosmos
Seit ihrer Urgeschichte haben Menschen den Nachthimmel mit ehrfürchtigem Staunen bewundert. Auch wenn ein Großteil des Nachthimmels unveränderlich erscheint, weiß man schon seit langer Zeit, dass einige der hellsten Objekte nur temporär am Himmel aufleuchten. Das gilt insbesondere für Supernovae, die nun auch neues Licht auf eines der ungelösten Rätsel der Astrophysik werfen. Denn der Ursprung der höchstenergetischen kosmischen Strahlungsteilchen ist unbekannt. Können sterbende massive Sterne eine der lang gesuchten Quellen sein?
Foto: B. Foucher
Editorial
Free Access
Das Universum mit Wumms
Inhalt: Physik in unserer Zeit 2/2022
Treffpunkt Forschung
Qubits aus dem Elektronenstrahl: Quantenphysik
Mittels Laserlicht lassen sich die Elektronen in einem Elektronenstrahl in Qubits verwandeln. Diese Materiewellen aus einem der einfachsten Elementarteilchen eröffnen neue Möglichkeiten in der Quantenphysik. Außerdem entstehen extrem kontrastreiche Attosekunden-Elektronenimpulse für die filmische Abbildung von atomaren Reaktionen in Raum und Zeit.
Eine supraleitende Diode: Elektronik
Nicola Paradiso, Christoph Strunk
Halbleiterdioden sind elementare Bestandteile der Elektronik. Sie leiten Strom in einer Richtung sehr viel besser als in der entgegengesetzten und stellen somit Ventile für den elektrischen Strom dar. Sie dienen zur Gleichrichtung von Wechselströmen, zur Spannungsstabilisierung und für viele andere Anwendungen. Supraleitende Dioden könnten den Weg zu stromsparenden elektronischen Komponenten ebnen.
Ritt durch die Sonne: Sonnenforschung
Die NASA-Raumsonde Parker Solar Probe fliegt als erstes menschengemachtes Objekt durch die äußersten Schichten der Sonne und sendet dabei Bilder vom Innenleben ihrer Korona
Optisches Auslesen von Quantenbeats in Radikalpaaren: Spinchemie
Ulrich E. Steiner, Christoph Lambert
Ladungsgetrennte Radikalpaare (Charge-Separated Radical Pairs, CSRP) spielen eine zentrale Rolle in der photochemischen Energiekonversion, wie bei der Photosynthese oder in organischen Solarzellen. Mit einem neuen Verfahren lässt sich die Spinentwicklung solcher Paare optisch bestimmen.
Physics News
Artikel
Open Access
Mit eROSITA und eBOSS auf der Jagd nach Dunkler Materie und Energie: Kosmologie mit Röntgenstrahlung
Das Röntgenteleskop eROSITA auf der russisch-deutschen Weltraummission SRG ist seit seinem Start im Juli 2019 extrem erfolgreich in der Kartographierung des Röntgenhimmels. In Kombination mit SDSS, einem optischen Teleskop in New Mexico, USA, kann man die Entwicklung der Materieverteilung im Universum mit hoher Präzision und über einen Zeitraum von vielen Milliarden Jahren messen. So will man einer Erklärung für die Existenz der rätselhaften Dunklen Materie und Dunklen Energie näherkommen.
Open Access
Gammablitz aus der kosmischen Nachbarschaft: Teraelektronenvolt-Photonen aus Gammastrahlenausbruch
Andrew M. Taylor, Sylvia J. Zhu, Ruslan Konno, Stefan Ohm
Seit ihrer Urgeschichte haben Menschen den Nachthimmel mit ehrfürchtigem Staunen bewundert. Auch wenn ein Großteil des Nachthimmels unveränderlich erscheint, weiß man schon seit langer Zeit, dass einige der hellsten Objekte nur temporär am Himmel aufleuchten. Das gilt insbesondere für Supernovae, die nun auch neues Licht auf eines der ungelösten Rätsel der Astrophysik werfen. Denn der Ursprung der höchstenergetischen kosmischen Strahlungsteilchen ist unbekannt. Können sterbende massive Sterne eine der lang gesuchten Quellen sein? Foto: B. Foucher
James Webb entfaltet und eingeparkt: Weltraumteleskop
Das Weltraumteleskop hat seine Zielposition, den Lagrangepunkt L2, erreicht. Nun folgen wochenlange Kalibrationen, bevor im Sommer die heiß ersehnten Beobachtungen beginnen.
Artikel
Open Access
Quantenrechnen mit Licht: Photonische Quantencomputer
Valeria Saggio, Philip Walther
Optische Quantensysteme erweisen sich bei der Realisierung von Quantencomputern als höchst leistungsfähig. Die besonderen Eigenschaften von Photonen ließen sich bereits nutzen, um die Überlegenheit von Quantencomputern gegenüber herkömmlichen Rechnern erfolgreich zu demonstrieren. In speziellen Bereichen wie maschinellem Lernen und sicherem Datenprozessieren könnten sich solche Quantencomputer etablieren. Foto: USTC
Open Access
Schach auf dem Eis: Zur Physik des Curlings
Leopold Mathelitsch, Sigrid Thaller
Curling ähnelt Sportarten wie Eisstockschießen oder Billard. In der Spielstrategie wird es mit Schach und Go verglichen. Es erfordert hohe Konzentration über einen langen Zeitraum und zudem viel Kraft. Vor allem birgt es ein bislang ungelöstes physikalisches Rätsel. © Robert Przybysz/stock.adobe.com
Invertierte Seifenblasen: Antibubbles
Tropft Seifenlösung aus geringer Höhe in ein damit gefülltes Becken, so kann es beim Aufprall zur Einhüllung des Tropfens mit einem Luftfilm kommen. Das Ergebnis ist eine Antibubble, die mit silbrigem Glanz und zart schimmernden Interferenzfarben bezaubert. Mit Seifenblasen haben Antibubbles einiges gemeinsam, weil man sie als deren stoffliches Negativ auffassen kann.
Magazin
Mit Echo Meter auf Fledermauspirsch: Smarte Physik
Ann-Katrin Krebs, Lutz Kasper, Jochen Kuhn, Thomas Wilhelm
Ultraschalllaute von Fledermäusen lassen sich mit Fledermausdetektoren in für uns hörbare Frequenzen „übersetzen“. Solche Audioaufzeichnungen sind mit der vorgestellten App und einem Plug-in-Modul für Smartphones möglich, inklusive spektrografischer Auswertung.
Bücher
Aufstieg zu den Einsteingleichungen
Astronomie und Universum
Die unwiderstehliche Anziehung der Schwerkraft
Techmax-Reihe
Zwischen Amor und Atira: Erdnahe Asteroiden: Vor 50 Jahren
Magazin
Geschüttelt oder gerührt? – Geschleudert!
Physik im Weinkeller
Ein zu gut eingeschenktes Glas führt beim Tragen schnell zum Überschwappen des edlen Tropfens. Es gibt aber eine sportliche Lösung des Problems.
Historisches Rätsel
Photographie, Fluoreszenz und Phantome: Historisches Rätsel
Seine Neugier führte ihn zu wichtigen Entdeckungen in Chemie und Physik – aber auch zur Parapsychologie.
Treffpunkt TV
Arno Schmidts Berechnungen: Physik & Literatur
Der Wort-Wissenschaftler Schmidt schafft ein „Wortall“, um form(el)-haft benamen und mit Schrecken rechnen zu können.
Free Access
Vorschau auf Heft 3/2022
• 1/2022 • Seite 24 • DPG-MitgliederExtrem beschleunigend
Astrophysikalische Jets gelten als Quellen ultrahochenergetischer Strahlung und hochenergetischer Neutrinos.
Relativistische Plasmaströme oder „Jets“ treten in unterschiedlichsten astrophysikalischen Umgebungen auf und besitzen stellare bis galaktische Dimensionen. Mit modernen Teleskopen lassen sie sich im gesamten elektromagnetischen Wellenlängenbereich bis zu Energien von einigen TeV beobachten. Offen bleiben derzeit Fragen zu den grundlegenden Aspekten der Beschleunigungsmechanismen. Außerdem ist unklar, welche astronomischen Objekte mit Jets effiziente Teilchenbeschleuniger sind.
Astrophysikalische Jets sind kollimierte, bipolare, relativistische Plasmaströme. Als universelles Phänomen der Astrophysik treten sie in Verbindung mit Akkretion von Materie auf kompakte Objekte auf. Damit sind Objekte hoher Dichte gemeint, z. B. Schwarze Löcher, Neutronensterne oder Weiße Zwerge. Physikalische Prozesse in Jets sowie deren Einfluss auf ihre Umgebung spielen in der Astrophysik eine wichtige Rolle, beispielsweise in der Entstehung von Galaxien [1]. In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf Aspekte der Hochenergiephysik: die Emission hochenergetischer Photonen, Neutrinos und geladener Teilchen sowie den Ursprung hochenergetischer kosmischer Strahlung. Letztere besteht aus einzelnen Atomkernen mit Energien bis zu 1020 eV. Das entspricht der kinetischen Energie eines Tennisballs beim Aufschlag, komprimiert in einem um 40 Größenordnungen kleineren Volumen. Die Vorhersage, dass diese extreme Teilchenbeschleunigung in Jets aktiver galaktischer Kerne (AGN) stattfindet, ist bereits 40 Jahre alt. Heute erlauben es Beobachtungen sowie detaillierte theoretische Modelle, die verschiedenen physikalischen Prozesse in Jets zu verstehen. (...)
• 12/2021 • Seite 42 • DPG-MitgliederAktiv beteiligt
Bei der Entstehung von Galaxien spielt die kosmische Strahlung nicht nur eine passive Beobachterrolle, sondern greift direkt in das Geschehen ein.
Victor Hess entdeckte vor über hundert Jahren die kosmische Strahlung. Deren Studium ermöglichte seitdem viele bahnbrechende Entdeckungen, von denen einige mit Nobelpreisen ausgezeichnet wurden. Beispielsweise ist schon seit Mitte der 1970er-Jahre bekannt, dass die kosmische Strahlung galaktische Winde antreiben kann. Aber erst 2012 konnten dreidimensionale Simulationen von entstehenden Galaxien dies belegen [2]. Seitdem hat sich ein aktives Forschungsfeld herausgebildet, das die Plasma-Astrophysik1) mit der kosmologischen Strukturentstehung verknüpft, um die Galaxienentstehung zu verstehen und damit Probleme des Standardmodells der Kosmologie auf der Größenskala von Galaxien zu lösen.
In den letzten zwei Jahrzehnten etablierte sich mithilfe von Präzisionsmessungen des kosmischen Mikrowellenhintergrunds und von Supernovae des Typs Ia sowie mit Himmelsdurchmusterungen von Galaxien und Galaxienhaufen das Standardmodell der Kosmologie. Das daraus resultierende Paradigma – die ΛCDM-Kosmologie, d. h. kalte Dunkle Materie mit einer kosmologischen Konstanten Λ – beschreibt unser Universum sehr gut auf kosmologischen Skalen, die größer als 100 Millionen Lichtjahre sind. Die aktuelle Kontroverse um die Hubble-Konstante könnte eine leichte Modifikation des Standardmodells erzwingen, was aber in der kosmologischen Strukturentstehung eine untergeordnete Rolle spielen sollte. Das kosmologische Standardmodell enthält eine Reihe ungelöster Fragen. So postuliert es die Existenz von (i) Dunkler Materie, die nicht-baryonischen Ursprungs ist und hauptsächlich gravitativ mit der uns bekannten Materie wechselwirkt, und (ii) Dunkler Energie beziehungsweise der kosmologischen Konstanten. Das Modell ist zudem (iii) auf Skalen von Galaxien und Galaxienhaufen nicht vorhersagekräftig, da hier komplexe baryonische Physik eine wichtige Rolle spielt. Einfache Modelle der Galaxienentstehung gelangen an ihre Grenzen und können nicht alle Beobachtungsdaten erklären. (...)
• 11/2021 • Seite 32 • DPG-MitgliederUnter Beobachtung
Seit zehn Jahren registriert und charakterisiert das Observatorium AMS-02 auf der Internationalen Raumstation die kosmische Strahlung.
Das Alpha Magnetic Spectrometer (AMS-02) befindet sich seit Mai 2011 auf der Traverse der Internationalen Raumstation ISS. Das Detektorsystem hat seither 176 Milliarden Teilchen der kosmischen Strahlung in einer erdnahen Umlaufbahn registriert. Diese einzigartige Statistik wirft ein neues Licht auf den Ursprung der kosmischen Teilchen und ihren Weg von den Quellen bis ins Sonnensystem. Als unkonventionelle Quellen könnten auch die Dunkle Materie oder kleine Reste von Antimaterie zur kosmischen Strahlung beitragen.
Kosmische Strahlen bestehen aus hochenergetischen, elektrisch geladenen Teilchen, die aus kosmischen und astrophysikalischen Quellen stammen – die meisten aus unserer Milchstraße. Wenn sie mit einer Intensität von etwa einem Teilchen pro cm2 und Sekunde auf die Erdatmosphäre treffen, haben sie eine lange Reise hinter sich. Geleitet von Magnetfeldern und in Wechselwirkung mit interstellarem Gas und Plasma diffundieren sie einige Millionen Jahre durch unsere Galaxie. Daher steckt die Physik ihrer Quellen und ihres Weges auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Entdeckung voller Rätsel.
Der Nachweis des extraterrestrischen Ursprungs der „Luftelektrizität“ gelang Victor Francis Hess 1912 bei seinen Ballonfahrten. In den folgenden Jahren fand eine Fülle von Experimenten in immer größeren Höhen statt, sodass sich ein detailliertes Bild der Ionisationsrate als Funktion der Höhe ergab (Abb. 1). Als Pioniere nutzten Werner Regener und sein Student Georg Pfotzer in Stuttgart Wetterballons mit Geiger-Müller-Zählrohren. Sie bestimmten in den 1930er-Jahren den Fluss kosmischer Teilchen − ihre Anzahl pro Flächen- und Zeiteinheit − als Funktion der Höhe und verglichen ihn mit der Ionisationsrate. Aufgrund der gleichen Höhenabhängigkeit folgerten sie, dass einzelne geladene Teilchen die „Luftelektrizität“ auslösen. Heute gilt Regener, den das Nazi-Regime aus seiner akademischen Position drängte, als einer der Pioniere der Geophysik. Während seine Ergebnisse kaum über die Fachwelt hinausdrangen, erregten die bemannten Stratosphärenflüge von Auguste Piccard und Max Cosyns ungeahnte öffentliche Aufmerksamkeit. Dreißigtausend Zuschauende und zahlreiche Medien verfolgten 1932 den Start ihres Ballonflugs vom Militärgelände in Dübendorf bei Zürich. Ein Bataillon der schweizerischen Armee hielt den Ballon mit seiner Aluminiumkapsel während der Befüllung am Boden. Die beiden „Eroberer der Stratosphäre“ avancierten zu Volkshelden in der Schweiz und in Belgien: Hervé hat Piccard als „Professor Bienlein“ in den Tim-und-Struppi-Comics unsterblich gemacht. (...)
• 9/2021 • Seite 30 • DPG-MitgliederDer literarische Wissenschaftler
Im Werk des polnischen Schriftstellers Stanisław Lem (1921 – 2006) treffen Literatur, Philosophie und Naturwissenschaft auf einzigartige Weise zusammen.
Wir suchen nur den Menschen. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Wir wissen nicht, was wir mit anderen Welten anfangen sollen, sagt der Kybernetiker Snaut zum Psychologen Kris Kelvin in „Solaris“ von Stanisław Lem. Dieser 1961 erschienene Roman ist wohl Lems berühmtestes Werk, was drei Verfilmungen und immer neue Adaptionen für Radio, Theater und sogar Oper belegen. Die Geschichte dreht sich um die mysteriösen Ereignisse auf einer Raumstation über einem fremden Planeten, der gänzlich von einem „lebenden Ozean“ bedeckt ist. Alle Versuche, dessen Natur zu verstehen oder ihn gar zu kontaktieren, scheitern. Stattdessen werden die Menschen auf der Station von Duplikaten nahestehender Menschen heimgesucht, die der Ozean aus unbekannten Gründen aus deren Erinnerungen erzeugt hat. So sieht sich Kelvin mit seiner Frau Harey konfrontiert, die Selbstmord begangen hat. Doch anders als in späteren Verfilmungen sind der rätselhafte Ozean und das vergebliche, hundertjährige Bemühen, ihn zu erforschen, das zentrale Thema des Romans.
„Solaris“ enthält viele typische Elemente im Werk von Lem, der vor 100 Jahren am 12. September 1921 im damalig polnischen Lwów (heute ukrainisch Lwiw) geboren wurde: die Fremdartigkeit des Universums, komplexe Phänomene, an denen sich die irdische Wissenschaft die Zähne ausbeißt, metawissenschaftliche Diskurse und eher wenig strahlende Protagonisten. In Lems Science-Fiction-Romanen erobert die Menschheit nicht den Kosmos und trifft auch nicht auf menschenähnliche Außerirdische à la Star Trek, sondern wird wieder und wieder mit den eigenen Grenzen konfrontiert. Lem berauscht sich dabei nicht an wissenschaftlich-technischen Errungenschaften, sondern schickt seine „Helden“ mit der Zukunftstechnologie in ein fremdartiges Universum und kratzt dabei gehörig am Image des Menschen als „Krone der Schöpfung“.
Lems erste Bücher wie „Der Planet des Todes“ (1951, in der BRD: „Astronauten“) und „Gast im Weltraum“ (1955, auf Deutsch nur in der DDR) sind noch vom Zukunftsoptimismus des damaligen Kommunismus getragen. Doch spätestens mit Beginn der 1960er-Jahre wandeln sich seine Romane zu Versuchsanordnungen, in denen hauptsächlich männliche Charaktere mit einer Zukunftsgesellschaft konfrontiert sind, die ihnen fremd bleibt, oder mit einem Universum, das ihnen unauflösbare Rätsel aufgibt. (...)
• 5/2021 • Seite 20 • DPG-MitgliederEin rarer Bote kosmischer Beschleuniger
Der IceCube-Detektor hat erstmals ein Neutrino nachgewiesen, das beim resonanten Glashow-Prozess entstanden sein könnte.
• 4/2021 • Seite 22 • DPG-MitgliederEine Sonde in der Falle
Experimente mit radioaktiven Molekülionen ermöglichen es, die CP-Verletzung hochpräzise zu untersuchen.
• 10/2020 • Seite 23 • DPG-MitgliederZerfälle als Zeugen
Der Nachweis radioaktiver Elemente und Isotope erlaubt es, die Prozesse der kosmischen chemischen Entwicklung nachzuvollziehen.
Das Universum ist im ständigen Wandel: Gewaltige Energieblitze in Gamma- bis Radiostrahlung belegen diese Aktivität. Dagegen ist die Anzahl der Kernbausteine des Mikrokosmos konstant, seit sich nach dem Urknall Protonen und Neutronen gebildet haben: Sie werden weder zerstört noch neu erzeugt, sondern bilden lediglich neue Kombinationen. So hat sich seither die chemische Zusammensetzung der kosmischen Materie deutlich verändert. Radioaktive Zerfälle sind ein wichtiges Werkzeug, um diese Entwicklung und die Prozesse dahinter zu verstehen.
Nach dem heißen Urknall entstanden während der primordialen Nukleosynthese Wasserstoff und Helium sowie Spuren von Lithium. Auch heute dominieren die beiden leichtesten Elemente die Häufigkeitsverteilung. Daneben existiert aber eine Vielfalt weiterer Elemente: Kohlenstoff, Sauerstoff und Eisen – die Elemente des Lebens – sowie Gold, Platin, Blei und Uran – die seltenen Elemente unserer Hochtechnologie. Der Prozess der sogenannten kosmischen chemischen Entwicklung hat ständig die vorhandenen Nukleonen umsortiert: zu Tausenden unterschiedlichen Isotopen der 118 derzeit bekannten chemischen Elemente. Namensgeber des Prozesses ist die resultierende, sich verändernde chemische Zusammensetzung der Materie im Universum (Abb. 1).
Für das Umsortieren sind Kernreaktionen verantwortlich, beispielsweise die Kernfusion. Im Inneren von Sternen und bei Sternexplosionen reichen Dichte und Temperatur aus, damit sich die Atomkerne so nahe kommen, dass die kurzreichweitigen Kernbindungskräfte wirken können und die Nukleonen neue Verbindungen eingehen. So kann aus drei Heliumkernen Kohlenstoff entstehen: 42He + 42He + 42He → 126C. Kohlenstoff entspricht einer etwas fester gebundenen Zusammensetzung der Nukleonen, sodass die überschüssige Bindungsenergie als Strahlung frei wird. Der zugehörige Strahlungsdruck verhindert, dass der Stern unter seiner eigenen Gravitation kollabiert. Sterne, die mehr als achtmal schwerer sind als unsere Sonne, durchlaufen verschiedene Brennphasen, in denen immer komplexere Fusionsreaktionen Kernbindungsenergie freisetzen. Diese Entwicklung endet beim Isotop 56Ni mit der maximalen Bindungsenergie pro Nukleon: Weitere Fusionsreaktionen setzen keine Energie mehr frei. Die schwereren Elemente entstehen daher durch die Anlagerung von Neutronen und Betazerfälle in Prozessen, die sich durch langsame (s-Prozess für engl.: slow) oder schnelle (r-Prozess, rapid) Neutroneneinfangreaktionen auszeichnen. Die Nukleare Astrophysik zielt darauf ab, die Vielfalt der Kernreaktionen und ihre Wirkung zu verstehen, die der Sternentwicklung und der Nukleosynthese zugrundeliegen [1]. (...)
• 9/2020 • Seite 28 • DPG-MitgliederQuarkmaterie im Kern massiver Neutronensterne
Eine modellunabhängige Studie klassifiziert die mögliche Zusammensetzung von Neutronensternen im Licht neuer astrophysikalischer Daten.
• 9/2020 • Seite 26 • DPG-MitgliederLückenlose Entstehungsgeschichte
Der Sloan Digital Sky Survey veröffentlichte kürzlich eine umfassende Analyse der bislang größten dreidimensionalen Karte des Universums.
• 4/2020 • Seite 16Vom Schicksal der Sterne
Der experimentelle Nachweis eines Übergangs beim Betazerfall von hilft dabei, die Entwicklung von Sternen mittlerer Masse genauer vorherzusagen.
• 3/2020 • Seite 20Mehr Neutronen gehen nicht
Erstmals ist es gelungen, die Grenze der Neutronenstabilität für Fluor- und Neon-Isotope nachzuweisen.
• 3/2020 • Seite 31Der Stern der Weisen
Beim Verschmelzen von Neutronensternen und bei Kernkollaps-Supernovae entstehen Elemente, die schwerer sind als Eisen.
Dass sich auf der Erde edle Metalle wie Gold, Silber oder Platin finden, verdanken wir einem komplexen Zusammenspiel: Damit diese Elemente entstehen, müssen sehr exotische Atomkerne unter extremen äußeren Bedingungen vorliegen. Solche Prozesse lassen sich nur mit aufwändigen Simulationen der zugrunde liegenden Astrophysik und Kernphysik verstehen.
Als das US National Research Council im Jahr 2003 eine Liste der großen, bisher unbeantworteten wissenschaftlichen Fragen veröffentlichte, gehörte dazu auch das Rätsel, wie die Elemente von Eisen bis Uran im Universum produziert werden [1]. Zwar ist seit Ende der 1950er-Jahre klar, dass dafür zwei Prozesse verantwortlich sind, bei denen entweder langsame (s-Prozess für engl.: slow) oder schnelle (r-Prozess, rapid) Neutroneneinfangreaktionen stattfinden. Doch insbesondere das Verständnis des r-Prozesses stellt für Astrophysik und Kernphysik nach wie vor eine große Herausforderung dar.
Die Häufigkeitsverteilung der Elemente in unserem Sonnensystem lässt sich durch Spektroskopie der Sonnenphotosphäre bestimmen. Zusammen mit den Verteilungen in Meteoriten ergibt sich ein genaues Bild der chemischen Zusammensetzung jeder Gaswolke, aus der sich die Sonne und ihr Planetensystem gebildet haben. Diese Signatur entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Nukleosyntheseprozesse (Abb. 1). Wasserstoff und Helium treten mit Abstand am häufigsten auf. Die beiden leichtesten Elemente entstehen bereits direkt nach dem Urknall und sind die Basis für die Synthese aller weiteren Elemente. Als im noch jungen Universum riesige Gaswolken unter ihrer eigenen Schwerkraft zu den ersten Sternen kollabierten, verdichtete sich die Materie in ihrem Inneren so sehr, dass Fusionsprozesse einsetzten. Bei diesem nuklearen Brennen entsteht zunächst Helium aus Wasserstoff. Die dabei frei werdende Energie stabilisiert den Stern gegen den Druck der Schwerkraft [2]. Im Fall massereicher Sterne, die mindestens achtmal so schwer sind wie unsere Sonne, zünden im Zentrum des Sterns nach und nach weitere Brennphasen, bis ein Eisenkern entstanden ist. Darin finden sich Isotope der Elemente um Eisen mit Massenzahlen A zwischen 50 und 65. Sie besitzen die höchste Kernbindungsenergie pro Nukleon, sodass eine weitere Fusion als endotherme Reaktion dem Stern Energie entziehen würde. Darüber hinaus sind diese Reaktionen sehr unwahrscheinlich, weil aufgrund der steigenden Ladungszahl der Isotope eine immer größere abstoßende Coulomb-Kraft zu überwinden ist. (...)
• 1/2020 • Seite 26Der Neutrinomasse direkt auf der Spur
Das KATRIN-Experiment verbesserte die Obergrenze der Neutrinomasse um einen Faktor 2.
• 11/2019 • Seite 37Spurensuche im All
Astronomische Beobachtungen führten zum Konzept der Dunklen Materie und geben heute Hinweise auf deren Eigenschaften.
Die Struktur und Dynamik von Galaxien und Galaxienhaufen lässt sich im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie nur erklären, wenn es neben der sichtbaren auch eine unsichtbare Materie gibt, die eine zusätzliche Gravitationsanziehung ausübt. Diese Dunkle Materie muss aus anderen Teilchen als gewöhnliche Materie bestehen. Astronomische Beobachtungen erlauben es, deren Eigenschaften zu ergründen.
Schon die ersten Hinweise, dass es eine Dunkle Materie geben muss, stammen aus astronomischen Beobachtungen. Fritz Zwicky bestimmte in den 1930er-Jahren überraschend hohe Geschwindigkeiten für Galaxien in Galaxienhaufen. Diese Werte lassen sich in gravitativ gebundenen Objekten nur erklären, wenn über die sichtbare Materie hinaus eine gravitative Anziehung vorliegt, welche die Galaxienhaufen zusammenhält. Ein ähnliches Bild ergibt sich für die Rotationsgeschwindigkeiten von Spiralgalaxien, die im Außenbereich schneller rotieren als erwartet. Das deutet ebenfalls auf eine zusätzliche unsichtbare Materie hin. Auch die Häufigkeit leichter Elemente im Universum passt nur dann mit den Vorhersagen des Urknallmodells zusammen, wenn die benötigte zusätzliche Masse nicht in Form gewöhnlicher Materieteilchen, beispielsweise Protonen, Neutronen und Elektronen, vorliegt. Gäbe es mehr gewöhnliche Materie im Universum, hätte sich eine andere Elementverteilung herausgebildet, unter anderem mit mehr Helium und weniger Deuterium. In unserem Universum sollte es demnach Teilchen einer Dunklen Materie geben. (...)
• 5/2019 • Seite 16Die Hubble-Kontroverse
Weisen neue Diskrepanzen bei der Hubble-Konstante auf systematische Fehler oder neue Physik?
• 4/2019 • Seite 29Ein stellares Plasma auf Erden
An der National Ignition Facility lassen sich Plasmen erzeugen, welche die Bedingungen im Inneren von Sternen reproduzieren – aber nur für Sekundenbruchteile.
Durch Fusionsreaktionen in Sternen entstehen neue Elemente. Um die Mechanismen dahinter zu verstehen, müssen die Reaktionsraten genau bekannt sein. Allerdings erweist es sich als äußerst aufwändig, die Bedingungen eines stellaren Plasmas im Labor zu reproduzieren. Darüber hinaus stellt die Analyse der messbaren Daten eine enorme Herausforderung dar.
Als Energiequelle von Sternen spielen kernphysikalische Reaktionen und Zerfälle instabiler Isotope eine wichtige Rolle. Sie sind der Motor der Sternentwicklung. Kernreaktionen setzten die Energie frei, um den Stern gegen die Gravitationskräfte zu stabilisieren, die aus seiner gewaltigen Masse resultieren und sonst seinen Kollaps zur Folge hätten. Je schwerer ein Stern ist, desto mehr Energie muss er produzieren: In seinem Inneren herrschen höhere Temperaturen, bei denen die Fusionsprozesse schneller ablaufen können. Deswegen haben schwere Sterne eine kürzere Lebensdauer als leichtere. Die Sternentwicklung läuft in mehreren Phasen ab, die durch unterschiedliche Fusionsbrennstoffe geprägt sind. Während der ersten Phase des Wasserstoffbrennens wandelt sich Wasserstoff über verschiedene Reaktionssequenzen zu Helium um – in dieser Phase befindet sich unsere Sonne gerade.
Ist der Wasserstoff verbraucht, kontrahiert der Stern, Temperatur und Dichte im Inneren steigen an, bis Fusions- und Kernreaktionen mit Helium möglich sind. Die dann freigesetzte Energie stabilisiert den Stern erneut. Allerdings bläht sich dabei die Sternhülle auf, sodass ein Roter Riese entsteht. Ein bekanntes Beispiel ist Betelgeuse (α Orionis). Auf das Heliumbrennen folgt das Kohlenstoffbrennen und um den stellaren Kern bilden sich Hüllen, in denen das dort vorhandene Helium und weiter außen der Wasserstoff fusionieren. Diese Entwicklung setzt sich fort bis zum Aufbau von Eisen im Sterninneren. Hier ist die Bindungsenergie der Kerne am größten, sodass weitere Kernreaktionen Energie benötigen anstatt diese freizusetzen. Deshalb wird der Stern instabil und bricht in sich zusammen, woraus sich eine Supernova entwickelt. (...)
• 9/2018 • Seite 24Ein aufregendes Neutrino?
Der IceCube-Detektor hat ein kosmisches Neutrino registriert. Aus der gleichen Richtung wurde auch Gammastrahlung detektiert. Stammen beide aus der gleichen Quelle?
März 2018
Die dreidimensionale Supernova-Simulation visualisiert unter anderem die Aktivität im Neutrinoheizgebiet um den Neutronenstern. (vgl. S. 47)
• 3/2018 • Seite 47Zündende Neutrinos
Dreidimensionale Simulationen zeigen die zentrale Bedeutung der Neutrinos für Supernovae.
So genannte Kernkollaps-Supernovae sind die gigantischen Explosionen, mit denen massereiche Sterne ihre Entwicklung beenden. Neutrinos spielen dabei eine zentrale Rolle. Erstmals ließ sich mit aufwändigen Computersimulationen in allen drei Raumdimensionen erfolgreich nachvollziehen, wie Neutrinos im engen Zusammenspiel mit hydrodynamischen Instabilitäten die Sternexplosion auslösen.
upernovae gehören zu den spektakulärsten Phänomenen im Universum. Binnen weniger Tage können sie so viel Energie freisetzen wie die Sonne in zehn Milliarden Jahren. Sie strahlen dabei heller als sämtliche Sterne einer Galaxie zusammen. Supernovae sind zudem kosmische „Elementschleudern“. Sie verteilen die schweren chemischen Elemente, welche die Vorläufersterne erbrüten, im zirkumstellaren Raum und produzieren gleichzeitig bei der Explosion große Mengen Eisengruppenelemente, radioaktive Isotope wie 44Ti, 60Fe, 56, 57Ni und neutronen- und protonenreiche Nuklide jenseits von Eisen. Durch ihre Beiträge zur Nukleosynthese und ihre gewaltige Energiefreisetzung spielen Supernovae eine zentrale Rolle im kosmischen Materiekreislauf und beeinflussen die dynamische und chemische Entwicklung von Galaxien [1].
Neben thermonuklear explodierenden Weißen Zwergen, den Typ-Ia-Supernovae, gehören die Kernkollaps-Supernovae zu den häufigsten Sternexplosionen und sind alleiniger Gegenstand dieses Artikels. Der Name rührt daher, dass diese Supernovae ihre Energie aus dem gravitativen Kollaps des entarteten stellaren Kerns zu einem Neutronenstern beziehen [2], bisweilen auch zu einem Schwarzen Loch.
Das einzige Mittel, direkte Informationen über die Vorgänge im Zentrum einer Supernova zu erhalten, welche die Explosion antreiben, ist die Beobachtung von Neutrinos, die der sich bildende Neutronenstern in großer Zahl abstrahlt. Die Messung von Neutrinos aus der berühmten Supernova 1987A markiert die Geburtsstunde der extragalaktischen Neutrinoastronomie. Auch Gravitationswellen, die das Herz der Explosion unmittelbar verlassen können, eignen sich als Informationsträger. Sie werden beispielsweise ausgesendet, wenn der Kollaps nicht perfekt symmetrisch verläuft. (...)
• 12/2017 • Seite 28Der lange Weg zum Nachweis
Der Nobelpreis für Physik 2017 würdigt den Nachweis von Gravitationswellen.
Der diesjährige Nobelpreis geht zur Hälfte an Rainer Weiss und zu jeweils einem Viertel an Kip Thorne und Barry Barish für ihre Beiträge zu den LIGO-Detektoren, mit denen es 2015 nach jahrzehntelangen Vorarbeiten erstmals gelang, Gravitationswellen direkt nachzuweisen.
1916 sagte Albert Einstein Gravitationswellen aus der Allgemeinen Relativitätstheorie voraus, war aber selbst skeptisch, ob man diese überhaupt jemals würde beobachten können. Über Jahrzehnte gab es zudem Kontroversen um ihre prinzipielle Messbarkeit, die erst Ende der 1950er-Jahre abnahmen. Zu dieser Zeit begann Joseph Weber in den USA die ersten Experimente mit dem Ziel, Gravitationswellen zu messen. Er nutzte massive Metallzylinder, die von den Wellen zu mechanischen Schwingungen angeregt werden sollten und war Ende der 60er-Jahre zunehmend überzeugt, dass ihm der Nachweis geglückt sei. Diese Entwicklung gab den Anstoß für Replikationsversuche, insbesondere in München, wo am Max-Planck-Institut für Astrophysik die Keimzelle der Gravitationswellenastronomie in Deutschland entstand. Heinz Billing und sein Mitarbeiter Walter Winkler bauten eine Resonanzantenne ähnlich zu Webers Detektoren. Die Münchner Gruppe analysierte ihre Daten in Koinzidenz mit einer Gruppe in Frascati (Italien), die einen Detektor ganz ähnlicher Bauweise konstruiert hatte. Es gab jedoch, wie auch bei anderen Replikationsversuchen danach, keinerlei Hinweise auf Gravitationswellen.
Obwohl sich die Meinung durchsetzte, dass Weber sich geirrt haben musste, so hatte er doch den entscheidenden Anstoß gegeben: Viele Forscher blieben dem Gebiet treu und wollten nun wirklich Gravitationswellen finden. Einige entwickelten die Technik der Zylinderantennen zu Meisterwerken kryogener Technik weiter [1], von denen zwei noch bis 2016 in Betrieb waren. Andere Forscher wandten sich der Laserinterferometrie zu, deren Messprinzip auf Albert Michelsons Schöpfung von 1881 zum Nachweis des hypothetischen Äthers beruht. Für die Detektion von Gravitationswellen sind jedoch um viele Größenordungen empfindlichere und größere Interferometer notwendig...
• 12/2017 • Seite 22Quantenphasen, aber dynamisch
Erstmals ließen sich dynamische Quantenphasenübergänge experimentell beobachten.
• 12/2017 • Seite 20Der Beginn einer Multi-Messenger-Ära
Erstmals ist es gelungen, die Gravitationswellen sowie elektromagnetische Strahlung nachzuweisen, die beim Verschmelzen zweier Neutronensterne entstehen.
12/2017 • Seite 1Dezember 2017
Wenn Seifenblasen schnell genug abkühlen, können sie kristallisieren. (vgl. S. 45, Foto: Ch. Lakebrink, neunzehn85.fotografie)
• 10/2017 • Seite 24Folgenreicher Nachweis
Erstmals ist der Nachweis der kohärenten Streuung von Neutrinos an Kernen gelungen.
6/2017 • Seite 1Juni 2017
Der Krebsnebel ist der Überrest einer Supernova. In seinem Zentrum befindet sich ein Neutronenstern. (vgl. S. 35) (Bild: NASA, ESA, G. Dubner (IAFE, CONICET-Univ. of Buenos Aires) et al.; A. Loll et al.; T. Temim et al.; F. Seward et al.; VLA/NRAO/AUI/NSF; Chandra/CXC; Spitzer/JPL-Caltech; XMM-Newton/ESA; and Hubble/STScI)
• 6/2017 • Seite 35Unheimlich und exotisch
Neutronensterne entstehen bei Sternexplosionen und scheinen auch aus nahezu unbekannten Formen von Kernmaterie zu bestehen.
Neutronensterne gleichen einem gigantisch großen Atomkern. Ihre makroskopischen Eigenschaften wie Masse und Radius hängen stark davon ab, in welcher Form Materie in ihrem Inneren vorliegt, wenn die Dichte auf ein Vielfaches der Dichte von Atomkernen anwächst. Daher helfen astrophysikalische Messungen zur Masse von Neutronensternen, um die Zustandsgleichung von Materie zu bestimmen. Umgekehrt ergibt sich aus der Bindungsenergie neutronenreicher Atomkerne die Zusammensetzung der Neutronensternmaterie.
Kopenhagen 1931: Niels Bohr, Lev Landau und Leon Rosenfeld diskutieren Landaus Arbeit zu einer neuen Form von Sternen, die einem riesigen kollabierten Atomkern gleichen sollen. Landau nennt sie wegen ihrer außergewöhnlichen Eigenschaften „unheimliche Sterne“.1) Im Jahr darauf entdeckt James Chadwick das Neutron, und bereits 1933 taucht erstmals der Begriff Neutronenstern auf: Walter Baade und Fritz Zwicky verwenden ihn auf einer Tagung in Stanford, als sie von ihren Beobachtungen zu Supernovae berichten. Diese astrophysikalischen Phänomene, bei denen sehr hohe Energiemengen freigesetzt und ganze Galaxien überstrahlt werden, postulieren Baade und Zwicky mit erstaunlichem Weitblick als Endstadien der Sternentwicklung, die als Überrest einen Neutronenstern produzieren können.
Heute kennen wir das Standardbild der Sternentwicklung, gemäß dem Sterne bis zu einer Masse von acht Sonnenmassen als Weißer Zwerg enden. Sterne mit einer Masse von acht bis etwa 25 Sonnenmassen explodieren in einer so genannten Kernkollaps-Supernova zu einem Neutronenstern. Bei einer noch höheren Sternmasse entsteht bei der Supernova-Explosion ein Schwarzes Loch. Die historische Supernova von 1054 im Sternbild Krebs war eine solche Kernkollaps-Supernova. Die auslaufende Stoßwelle der Explosion bildet heute den Krebsnebel, der auch als Messier-Objekt M1 bekannt ist. In seinem Zentrum befindet sich ein rotierender Neutronenstern, der mit dem Hubble Space Telescope und dem Röntgensatelliten Chandra in einer Filmsequenz direkt aufgenommen wurde [2]...
• 5/2017 • Seite 18Dunkle Materie im Hintertreffen
Die Form der Rotationskurven von Spiralgalaxien bei hoher Rotverschiebung deutet darauf hin, dass in frühen Epochen Galaxien von der sichtbaren Materie dominiert werden.
• 2/2017 • Seite 24Im Rauschen lauschen
Die beiden Gravitationswellendetektoren Advanced LIGO sind bereits wieder in Betrieb. Nun kommt in Italien Advanced VIRGO dazu.
Wenige Kilometer von Pisa entfernt verlasse ich die Autobahn bei der Kleinstadt Cascina. Die Gegend wird landwirtschaftlich genutzt, ein Bauer fährt mit einem Traktor über ein trockenes Feld. In der Ferne scheint eine Pipeline die Felder zu queren. Aus der Nähe entpuppt sich die vermeintliche Leitung als niedriges langes Bauwerk mit weißen Seitenwänden und blauem Wellblechdach. Ich nähere mich dem Gravitationswellendetektor VIRGO. Unter den Blechdächern verbergen sich zwei jeweils drei Kilometer lange Arme eines Laserinterferometers, das vor allem Physiker aus Italien und Frankreich gebaut haben.
Am Schnittpunkt der beiden L-förmig angeordneten Arme und neben der nach Charles Fabry und Alfred Pérot benannten Piazza steht ein mehrstöckiges Gebäude. Darin befinden sich der Laser, zwei Endspiegel der Interferometerarme und zahlreiche weitere Komponenten. Nach einer Schleuse, in der ich in Überschuhe schlüpfe, betrete ich das Innere und erklimme eine Plattform. Von hier schaue ich auf mehrere eingerüstete „Stahltonnen“, zehn Meter hoch und mit zwei Meter Durchmesser. In jeweils einer Tonne hängen – mechanisch durch „Superdämpfer“ von seismischer Aktivität oder Vibrationen durch Traktoren etc. entkoppelt – der Strahlteiler, zwei der über 40 Kilo schweren Endspiegel aus speziellem Quarzglas und Hilfsspiegel. Davon ist aber nichts zu sehen, denn die Stahlgefäße sind ebenso geschlossen und evakuiert wie die 1,2 Meter dicken Stahlrohre, die sich draußen fortsetzen. Seit 2011 wurde VIRGO zu Advanced VIRGO (AdV) umgebaut, um die Nachweisempfindlichkeit zu erhöhen. Derzeit befindet sich der Detektor in der Inbetriebnahme. Ab März 2017 soll er Daten aufzeichnen – gleichzeitig mit Advanced LIGO (aLIGO) in Hanford bzw. Livingston (USA).
Ursprünglich hätte Advanced VIRGO Ende 2015 in Betrieb gehen sollen. Unerwartete technische Schwierigkeiten haben dies jedoch verhindert. Selbst bei einem pünktlichen Start wäre AdV die erste direkt nachgewiesene Gravitationswelle – das Signal GW150914 – aber durch die Lappen gegangen.1) Um ein Haar wäre es aLIGO an jenem 14. September 2015 genauso ergangen: „Das war der erste Tag, an dem nach fünf Jahren Umbau erstmals beide Detektoren gleichzeitig mit vernünftiger Empfindlichkeit und stabil liefen“, erinnert sich Karsten Danzmann vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover. An einem „wunderschönen Montagvormittag“, wenige Minuten vor 12 Uhr, ging der Postdoc Marco Drago in Hannover als erster Wissenschaftler einem computergenerierten Hinweis auf ein möglicherweise interessantes Signal nach und erblickte GW150914 auf dem Bildschirm. Danzmann kam kurze Zeit später hinzu und staunte: „Das war einfach zu schön, ein Signal wie aus dem Lehrbuch“. Oder doch nur aus der Retorte? Um die Datenauswertung zu überprüfen, wurden nämlich regelmäßig Testsignale in den Detektor eingespeist. Ein Anruf in den LIGO-Kontrollräumen machte aber klar, dass ein Testsignal nicht infrage kam – dort war es 3 bzw. 5 Uhr morgens, und kein Wissenschaftler war vor Ort...
2/2017 • Seite 1Februar 2017
Beim Verdampfen durchläuft ein Ouzotropfen verschiedene Stadien und verändert mehrfach seine Form. (Bild: Huanshu Tan, Twente, vgl. S. 29)
• 2/2017 • Seite 35Der Quelle auf der Spur
Der direkte experimentelle Nachweis und die Analyse von Gravitationswellen sind möglich, wenn es gelingt, sie analytisch zu modellieren.
Wenn Gravitationswellen direkt gemessen werden sollen, spielen Abstandsmessungen von einem Tausendstel des Protonendurchmessers und sogar darunter eine Rolle. Ein effizienter Algorithmus, der die erwarteten Gravitationswellensignale vom Untergrund der Detektoren trennt, ist für den Nachweis der Wellen unverzichtbar. Die analytische Modellierung von Gravitationswellen hilft dabei, die Parameter des Quellsystems der Welle zu bestimmen.
Fast genau hundert Jahre nach Einsteins epochaler Theorie der Gravitation und seinen Rechnungen zu Gravitationswellen [1] gelang am 14. September 2015 der erste direkte Nachweis einer Gravitationswelle [2]. Ohne Zweifel ist es damit nun möglich, die Allgemeine Relativitätstheorie (ART) in vollem Umfang physikalisch zu nutzen. Dazu gehört es, Schwarze Löcher detailliert zu erforschen. Diese Objekte sind eine spektakuläre Vorhersage der ART und gleichzeitig die Quelle der bisher beobachteten Gravitationswellen. Diese wurden – analog zu anderen astronomischen Ereignissen wie Supernova-Explosionen – nach dem Datum ihrer Entdeckung GW150914 [3] und GW151226 [4] benannt. Um die winzigen Signale aufzufinden, waren analytische Modelle ausschlaggebend, welche die möglichen Gravitationswellen mathematisch beschreiben. Die Modellierung im Fall zweier verschmelzender Schwarzer Löcher wird im Folgenden erklärt.
Die Newtonsche Theorie beschreibt physikalische Vorgänge in Gravitationsfeldern mit bemerkenswerter Genauigkeit. Erst in ,,exotischen“ Bereichen, beispielsweise bei sehr großen Feldstärken, finden sich Abweichungen von dieser Beschreibung. Als Ausgangspunkt für die explizite analytische Lösung der Feldgleichungen der ART liegt es nahe, die Newtonschen Gleichungen zu verwenden [5]. Denn die Feldgleichungen der ART verallgemeinern die Newtonschen Potential- und Bewegungsgleichungen und gehen im Grenzfall einer unendlich großen Lichtgeschwindigkeit (c → ∞) in diese über...
• 6/2016 • Seite 18Radioaktiver Fingerabdruck
Supernova-Explosionen verraten sich durch instabile Eisenisotope in der Tiefsee und auf dem Mond.
• 6/2016 • Seite 20Tsunami-Monsterwellen fast aus dem Nichts
Kleinste Unebenheiten des Ozeanbodens beeinflussen Ort und Amplitude extremer Wellen.
• 2/2016 • Seite 20Verschränkte Quanten im Wafer
Defekte in Siliziumkarbid könnten neue Quantentechnologien ermöglichen.
• 10/2015 • Seite 45Von „neuen Sternen“ zum Doppelquasar
Die Idee der Gravitationslinsen hat einen frühen Ursprung und eine wechselhafte Geschichte.
Die Idee einer Gravitationslinse ergibt sich sehr natürlich aus den Prinzipien der geometrischen Optik, sobald man ein Gesetz der Ablenkung von Lichtstrahlen im Gravitationsfeld hat. Einstein befasste sich damit bereits vor dem Ersten Weltkrieg in unveröffentlichten Notizen. In den folgenden Jahrzehnten kam die Idee mehrmals wieder auf, fiel aber auch immer wieder in Vergessenheit.
Im September 1911 veröffentlichte Einstein eine Arbeit, in der er eine Ablenkung der Lichtstrahlen beim Durchgang durch das Gravitationsfeld der Sonne herleitete [1] (Abb. 1). Diese Ableitung beruhte auf seiner bereits 1907 formulierten Hypothese der vollständigen Äquivalenz von gradlinig gleichförmig beschleunigten Bezugssystemen und konstanten, homogenen Gravitationsfeldern. Aus dieser Äquivalenzhypothese hatte Einstein geschlossen, dass die Lichtgeschwindigkeit vom Gravitationspotential abhängen sollte. Unter Verwendung des Huygens-Prinzips sagte Einstein in dieser Arbeit für Lichtstrahlen von Sternen, die sich hinter der Sonne befinden und gerade am Sonnenrand vorbei auf die Erde treffen, eine Winkelablenkung von 0,83“ vorher...
• 9/2015 • Seite 41The Quantum Universe
Quantum fluctuations played a crucial role in the formation of the structure of our universe.
On March 21, 2013 something very remarkable happened. The Planck science team released a highly precise photograph of our universe when it was only few hundred thousand years old. This photograph is so detailed that it shows some major features that the universe acquired only 10–35 seconds after creation. Most strikingly, the observed nontrivial features in the portrait of such a young universe came in exact agreement with what had been predicted by the theorists more than thirty years ago, long before the experiment was carried out. Without any exaggeration one can say that by now it is experimentally proven that quantum physics, which is normally considered to be relevant in atomic and smaller scales, also played the crucial role in determining the structure of the whole universe, including the galaxies, stars and planets.
Of course scientists and philosophers have always been interested in the origin of our universe. However, cosmology only became a natural science less than a hundred years ago. It was not until 1923 that the American astronomer Edwin Hubble was able to resolve individual stars in the Andromeda Nebula and to conclude that for sure it is located outside of our own galaxy. This was the beginning of extragalactic astronomy. Today it is well established that there are about a hundred billion galaxies in our universe. Thus, the stars form galaxies with a size of about a hundred thousand light years. Moreover, the distance between neighboring galaxies is a few million light years. Observing the spectral lines of the galaxies, Hubble discovered that they are slightly redshifted. He interpreted this as a Doppler shift due to the relative motion of the other galaxies, which try to escape from us. Hubble also found that the spectral lines of galaxies further away show higher redshift. This means that they are escaping with higher velocities, proportional to the distance (v→ = H r→) and thus the universe expands. This discovery was the beginning of scientific cosmology.
With Hubble’s discovery it became clear that our universe is evolving as a whole. This did not come as a big surprise! In 1922 the Russian physicist Alexander Friedman had found that the generic solutions of the Einstein’s equations describe either an expanding or a contracting Universe. Assuming that the total mass of the universe is about a hundred billion times larger than the mass of our galaxy, Friedman was even able to conclude that the universe must be about 10 billion years old. Thus, Hubble’s discovery can be considered as a brilliant confirmation of the theoretical prediction by Friedman. The most important conclusion from Hubble’s discovery was that the universe was created about several billions years ago. This extremely important discovery remained for many years the single experimentally established fact in cosmology. Only after more than thirty years the other piece of the puzzle was discovered. ...
• 9/2015 • Seite 51Der Himmel in neuem Licht
Hochenergie-Gamma-Astronomie mit den H.E.S.S.-Teleskopen
Fünf mächtige Spiegelteleskope zeigen im Hochland von Namibia gen Himmel, um hochenergetische Gammaquanten zu registrieren, die von nichtthermischen Quellen aus dem Universum stammen. Die Gamma-Himmelskarten enthüllen eine Vielzahl kosmischer Teilchenbeschleuniger in und jenseits unserer Galaxis.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich für die Astronomie ein neues Wellenlängenfenster geöffnet: Mittels bodengebundener Teleskope lässt sich das Universum im Licht hochenergetischer Gammastrahlen bei Quantenenergien von Tera-Elektronenvolt (TeV, 1012 eV) beobachten – also bei einer Energie, die etwa tausend Milliarden Mal höher ist als die der Quanten des sichtbaren Lichts. Die erste Quelle solcher Strahlung wurde 1989 mit dem amerikanischen Whipple-Teleskop entdeckt: der Krebsnebel, Überrest der Supernova-Explosion von 1054 [1].
Gammastrahlung im Tera-Elektronenvolt-Bereich zeigt uns einen neuen Aspekt des Kosmos: das „nicht-thermische Universum“. Normales sichtbares Licht sowie die Strahlung in einem weiten Bereich des Spektrums elektromagnetischer Strahlung stammen von heißen Körpern im Universum. Die charakteristische Energie solcher Strahlung entspricht der Temperatur des strahlenden Körpers; so emittieren heiße blaue Sterne kurzwelligeres Licht als rote Sterne. Im Universum sind keine Objekte denkbar, die heiß genug wären, um direkt Hochenergie-Gammastrahlung zu emittieren. Stattdessen nimmt man an, dass die Strahlung in und um kosmische Teilchenbeschleuniger entsteht, die Elementarteilchen auf extrem hohe Energien beschleunigen – weit über die irdischer Beschleuniger. Gammastrahlen entstehen als Sekundärprodukte, wenn diese Teilchen mit Materie (dem interstellaren Gas) oder Strahlung (z. B. normalem Sternenlicht) in der Umgebung der Quelle kollidieren. Hochenergetische Gammastrahlung ermöglicht es daher, kosmische Teilchenbeschleuniger sichtbar zu machen und zu studieren. Bislang ist die Funktionsweise dieser Beschleuniger sowie ihr Einfluss auf die Entwicklung des Kosmos und seiner Galaxien nur unvollständig verstanden. ...
• 7/2015 • Seite 24Abgehobene Astronomie
Ein Flug mit dem „Stratosphären-Observatorium für Infrarot-Astronomie“
In der Abendsonne laufe ich über das Vorfeld des Armstrong Flight Research Center der NASA im kalifornischen Palmdale. Mit mir haben ein Team der NASA, Wissenschaftler und Techniker sowie einige Gäste das gleiche Ziel: ein „kurzer“ Jumbojet, eine selten gebaute Boeing 747-SP. Auf dem beigen Overall des Piloten prangt ein Emblem der „Society of Experimental Test Pilots“ – meist ist er in Kampfflugzeugen unterwegs. An Bord erwartet uns zunächst eine Sicherheitseinweisung: Wir werden ermahnt, die Kaffeetassen und Wasserflaschen immer geschlossen zu halten und uns im Flugzeug nicht ohne den Beutel mit dem „Emergency Passenger Oxygen System“ zu bewegen. Diese Haube mit eingebauter Sauerstoffpatrone sollen wir uns über den Kopf stülpen, falls einer der vielen Elektronikschränke zu qualmen beginnt. Inzwischen ist die Sonne untergegangen, wir sind startklar und heben um 20:52 Ortszeit ab, mit dem „Stratosphären Observatorium Für Infrarot-Astronomie“ SOFIA.
Knapp 20 Minuten später und bereits einige Kilometer über dem Boden geschieht, was man während eines Flugs eigentlich nicht erleben möchte: Am Rumpf hinten links öffnet sich ein großes Tor. Sehen kann ich das nicht, nur eine Anzeige auf dem Bildschirm vor mir springt auf grün. Wider Erwarten merke ich überhaupt nichts von dem offenen Tor, das einem Teleskop den Blick frei gibt auf den Nachthimmel. Ein Druckschott trennt das 2,7-Meter-Teleskop von der vorderen Kabine. Hier herrscht der gleiche Luftdruck wie in einem normalen Passagierflugzeug, an das ansonsten aber nur wenig erinnert. An großen Kontrollpulten sitzen die Flugkontrolleure der NASA sowie Wissenschaftler und Techniker. Die Klimaanlage sowie die Ventilatoren der Elektronikschränke verursachen einen Lärm wie in einer Fabrikhalle. Daher tragen alle Kopfhörer und unterhalten sich über die Bordsprechanlage. Sie sind bereit für eine lange Beobachtungsnacht. Doch dazu muss SOFIA zunächst auf über 13 Kilometer steigen und einen Großteil der Atmosphäre unter sich lassen.
Insbesondere der Wasserdampf und das Kohlendioxid der Atmosphäre absorbieren Infrarotstrahlung stark. Daher öffnen sich erdgebundenen Teleskopen an trockenen und hohen Standorten, wie sie die Anden oder Hawaii bieten, nur einige Beobachtungsfenster im nahen und mittleren Infrarot. Wellenlängen im fernen Infrarot werden aber komplett absorbiert, sodass Beobachtungen nur von Flugzeugen oder Satelliten möglich sind. Satelliten haben den Vorteil, dass sie sich komplett oberhalb der warmen Atmosphäre befinden und selbst kalt sind. Ihre Detektoren müssen aber dennoch mit flüssigem Helium auf 4 Kelvin gekühlt werden, und dessen Verbrauch begrenzt die Lebensdauer des Satelliten auf wenige Jahre. Zudem ist die Technologie eines Satelliten beim Start viele Jahre alt. Im Gegensatz hierzu kann man an einem Flugzeugteleskop flexibel verschiedene Instrumente wie Kameras und Spektrographen montieren, die sich regelmäßig auf den neuesten Stand der Technik bringen und vor jedem Flug abkühlen lassen. Allerdings sind das Flugzeug und die ganze Optik warm, emittieren also ebenso wie die Restatmosphäre selbst im Infraroten. Diese Hintergrundemission kann sogar bis zwei Größenordnungen höher sein als das Messsignal. „Daher sehen wir im Infraroten nie den schwarzen Nachthimmel, sondern arbeiten quasi immer in der Dämmerung“, erläutert Alfred Krabbe. Der Astrophysiker leitet das Deutsche SOFIA-Institut (DSI) in Stuttgart und ist verantwortlich für das abbildende Spektrometer FIFI-LS, das heute im Einsatz ist...
Physik-Preise 2015
Laudationes auf die Preisträgerinnen und Preisträger der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Deutschen Vakuum-Gesellschaft
• 2/2014 • Seite 17Verschränkung mit Verlust
Der gezielte Einsatz von Dissipation erlaubt es, verschränkte Zustände in Ionenfallen und Supraleitern herzustellen.
• 2/2014 • Seite 14Bose-Einstein-Kondensat in Plastik
Polaritonen, die durch die starke Kopplung von organischem Material an eine Mikrokavität herrühren, rücken quantenmechanische Kondensationsphänomene in die Anwendungsnähe.
• 2/2014 • Seite 15Elemente der Stern-Explosionen
Erste Beobachtungen von Argon und Phosphor in Supernova-Überresten sind ein Prüfstein für Computermodelle.
• 1/2014 • Seite 27Stark gekoppelt und universell
Was lehren uns ultrakalte Gase über die Eigenschaften nuklearer Materie?
Die Materie im Inneren von Neutronensternen oder das Quark-Gluon-Plasma, das sich bei Schwerionenkollisionen erzeugen lässt, sind Beispiele stark korrelierter Quantenflüssigkeiten. So verschieden diese Systeme auch sind, so scheinen sie doch gewisse universelle Eigenschaften gemeinsam zu haben, die sich im sog. unitären Fermi-Gas wiederfinden. Da sich dieses Modellsystem mit ultrakalten Quantengasen im Labor untersuchen lässt, haben sich in den letzten Jahren unerwartete Synergien zwischen Kernphysik und der Physik ultrakalter Gase eröffnet.
Quantenflüssigkeiten spielen eine wichtige Rolle in vielen Gebieten der Physik. Ein typisches Beispiel ist das Elektronengas in einem guten Leiter. Schwach korrelierte Quantenflüssigkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich mithilfe von effektiven Einteilchenzuständen, sog. Quasiteilchen, beschreiben lassen. Für das Elektronengas sind das die Gitterschwingungen (Phononen) sowie die (Quasi-)Elektronen. Letztere unterscheiden sich von den freien Elektronen durch eine effektive Masse, welche die Auswirkungen der Coulomb-Wechselwirkung zwischen ihnen beinhaltet und sich von der Masse des freien Elektrons unterscheidet. Die Thermodynamik lässt sich in guter Näherung durch diese nichtwechselwirkenden Elektronen sowie Phononen beschreiben, und die Transporteigenschaften ergeben sich aus der Streuung der Elektronen an Störstellen und Phononen.
Stark korrelierte Systeme dagegen sind durch das Fehlen scharf definierter Quasiteilchen charakterisiert. Beispiele sind flüssiges Helium in der Nähe des Lambda-Punktes und Hochtemperatur-Supraleiter. Obwohl sich verschiedene stark gekoppelte Systeme im Detail sehr unterscheiden, existieren Hinweise auf wichtige universelle Eigenschaften. Wir werden zwei Beispiele diskutieren: die Zustandsgleichung dichter Materie, mit Anwendungen in der Physik von Neutronensternen, und die Viskosität stark gekoppelter Flüssigkeiten, die in Schwerionenkollisionen und in der Expansion ultrakalter Gase experimentell zugänglich ist.
Eine interessante Frage ist, ob ein einfaches Modellsystem für stark korrelierte Quantenflüssigkeiten existiert, das eine ähnliche Rolle spielt wie das Ising-Modell für den Magnetismus und damit verbundene Phasenübergänge. Wir möchten hier argumentieren, dass das unitäre Fermi-Gas ein solches Modell ist. Es ist mathematisch extrem einfach, aber physikalisch komplex. Dank der Fortschritte in der Kontrolle ultrakalter Quantengase lässt sich das unitäre Gas experimentell im Labor erzeugen. ...
• 5/2013 • Seite 18Plancks rätselhafter Hintergrund
Ergebnisse der europäischen Satellitenmission festigen das Standardmodell der Kosmologie, korrigieren jedoch einige seiner Parameter und zeigen rätselhafte Anomalien.
• 4/2013 • Seite 19Verborgene Ordnung
Löst eine neue Theorie das jahrzehntealte Rätsel um den Phasenübergang im Material URu2Si2 ?
• 4/2013 • Seite 18An der Quelle der kosmischen Strahlung
Beobachtungen entlarven Stoßwellen von Supernova-Überresten als effiziente Teilchenbeschleuniger.
• 3/2013 • Seite 29Galaktische Archäologie
Auf der Suche nach den ältesten Sternen im Universum
Dank der endlichen Lichtgeschwindigkeit ermöglicht uns die Astronomie Blicke in die fernste Vergangenheit. Doch Relikte der kosmischen Frühzeit finden sich astronomisch gesehen auch in unserer Nähe: Sterne der so genannten Halo-Population der Milchstraße oder in Zwerggalaxien, die vermutlich nur wenige hundert Millionen Jahre nach dem Urknall entstanden. Diese Sterne können uns mehr über die frühe Entwicklung des Universums verraten, insbesondere über die Entstehung schwerer Elemente, ohne die es weder Planeten noch uns gäbe. Die schwierige Suche und das detaillierte Studium der ersten Sterngenerationen ist Gegenstand der „galaktischen Archäologie“.
Durch die Vermessung der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung wissen wir heute, dass unser Universum 13,7 Milliarden Jahre alt ist. Schon kurz nach dem Urknall entstanden bei kurzzeitig extrem hohen Temperaturen und hohen Dichten vor allem Kerne von Wasserstoff und Helium, aber auch Spuren von Lithium. Durch die Expansion und Abkühlung des Universums konnte wenig später die „Re“kombination mit Elektronen stattfinden. In den Gravitationspotentialtöpfen dunkler Materie bildeten sich dann Gaswolken von einigen 105 bis 106 Sonnenmassen, die Geburtsstätten der ersten Sterne.
Könnten Sterne der ersten Generation im Universum bis heute überlebt haben? Ja, aber nur wenn ihre Masse kleiner als 0,9 Sonnenmassen gewesen ist. Nur dann verbrauchen Sterne ihren nuklearen Brennstoff so langsam, dass sie ein Alter von 14 Milliarden Jahren und mehr erreichen können. Dann wären sie heute noch zu beobachten und würden uns Einblicke in die frühesten Phasen der Stern- und Galaxienentstehung und der Nukleosynthese im Kosmos ermöglichen.
Ob diese erste Generation tatsächlich Sterne mit so geringen Massen enthielt, ist zurzeit noch umstritten. Der entscheidende Prozess dafür ist die Fragmentation der Gaswolken im frühen Universum in kleinere Teile. Aus diesen bildeten sich durch Kontraktion die ersten Sterne. Notwendige Bedingung für den Beginn des gravitativen Kollaps ist, dass die Gravitationskräfte der Gasmasse die Druckkräfte, die aus der thermischen Bewegung der Gasatome resultieren, übersteigen (Jeans-Kriterium). Damit sich der Kollaps fortsetzt, muss die Gaswolke zu jeder Zeit mindestens die mit der Kontraktion verbundene Aufheizung des Gases kompensieren. Eine solche Kühlung kann über Photonen erfolgen, die bei atomaren oder molekularen Strahlungsübergängen emittiert werden. Die Photonen verlassen die Gaswolke und entziehen ihr somit Energie. Beispiele dafür sind die Feinstrukturlinien von atomarem Kohlenstoff oder Sauerstoff sowie Rotations- und Vibrationsübergänge von diatomaren Molekülen wie H2. Damit eine Gaswolke fragmentieren kann, muss die Kühlung also so effizient sein, dass Teile der Gaswolke jeweils das Jeans-Kriterium erfüllen. Die Zeitskala für die Kühlung der Gaswolke muss dafür kürzer sein als die „Freifall-Zeitskala“, auf der die Gaswolke unter Vernachlässigung von Druckkräften kollabieren würde. ...
• 12/2012 • Seite 37Einblick durch Gammaquanten
Die hochauflösende Gammaspektroskopie mit radioaktiven Teilchenstrahlen liefert vielfältige Erkenntnisse zu exotischen Atomkernen.
Nur zehn Prozent der bekannten Atomkerne sind so stabil, dass sie in der Natur vorkommen. Vom großen Rest der instabilen Kernen kennen wir dagegen viele Eigenschaften überhaupt nicht. Da die Nukleosynthese der heute vorzufindenden Kerne, die vermutlich unter anderem in Supernovae stattfindet, gerade über sehr neutronenreiche instabile Nuklide verläuft, gilt es, deren Eigenschaften zu verstehen. Dabei stellt sich auch die grundlegende Frage, ob das Ordnungsschema der Kerne mit „magischen“ Zahlen in diesem Gebiet der Nuklidkarte gilt.
Seit den Arbeiten zum Wasserstoffatom vor rund hundert Jahren liefert die Spektroskopie von angeregten Zuständen grundlegende Einsichten in den Aufbau atomarer und subatomarer Materie. Dies gilt bis hin zu den schwersten Quarksystemen, die sich in der Kern- und Hadronenphysik spektroskopisch untersuchen lassen. Während bei der Atomspektroskopie die Energie der Photonen, die beim Zerfall der angeregten Zustände emittiert werden, im Bereich von eV liegen, erstreckt sich die Energieskala in der Kern- und Hadronenphysik bis hin zu GeV, also in den Bereich der Gammastrahlung und darüber hinaus. Bei niedrigen Anregungsenergien ermöglicht es der Nachweis der γ-Strahlung, die vielen Facetten der mesoskopischen Atomkerne zu beleuchten, die in stabilen und einer deutlich größeren Zahl von instabilen Nukliden existieren. Die möglichen Anregungen spiegeln zum einen den Aufbau der Kerne aus einzelnen Nukleonen wider, zum anderen sind sie auf kollektives Verhalten des gesamten Kerns zurückzuführen. Aktuelle Forschungsziele bestehen darin, diese unterschiedlichen Aspekte im Rahmen einer quantenmechanischen Vielkörpertheorie konsistent zu beschreiben und die verschiedenen Kernmodelle zu vereinheitlichen.
Heute sind rund 3000 Nuklide bekannt, von denen nur rund zehn Prozent stabil oder langlebig sind und somit in der Natur vorkommen. Bei einer Vielzahl der bekannten instabilen Kerne wissen wir wenig über die Eigenschaften. Somit ist der Vergleich mit theoretischen Modellen als Funktion des Neutronen- bzw. Protonenüberschusses nicht möglich. Darüber hinaus sagt die Theorie viele weitere, noch unentdeckte Nuklide vorher. Ähnlich wie bei der Elektronenhülle der Atome gruppieren sich auch in Kernen die Orbitale, welche die Nukleonen besetzen können, in Schalen. Wenn eine Schale gefüllt ist, ist besonders viel Energie nötig, um ein Nukleon über den Schalenabschluss hinaus zur nächsten Schale anzuheben und somit den Kern anzuregen. Die Protonen- bzw. Neutronenzahlen, die vollen Schalen entsprechen, werden „magisch“ genannt. Ob dieses Ordnungsschema auch für die noch unentdeckten Nuklide gilt oder ob andere Schalenabschlüsse auftreten, ist unbekannt. Daher sind Extrapolationen entlang der bekannten magischen Zahlen wichtig. ...
• 7/2012 • Seite 45Durchkämmte Spektren
Frequenzkamm und Atomuhr erlauben es, die Spektrometer genauer zu kalibrieren, mit denen sich extrasolare Planeten aufspüren und die Dynamik des Universums untersuchen lassen.
Nur um wenige Zentimeter pro Sekunde ändert sich periodisch die Geschwindigkeit eines sonnenähnlichen Sterns, den ein erdähnlicher Planet umkreist. Um dieselbe Größenordnung wächst auch innerhalb von zehn Jahren die Geschwindigkeit, mit der sich ausgewählte Objekte von uns wegen der Expansion des Universums entfernen. Diese Geschwindigkeitsänderungen führen zu kleinsten Linienverschiebungen in Sternspektren. Die Kalibrierung von Spektrometern mithilfe eines Frequenzkamms sollte es ermöglichen, diese Verschiebungen nachzuweisen und damit neue Exoplaneten aufzuspüren oder die Beschleunigung des Universums „live“ zu beobachten.
Die Frage nach dem Alter des Universums ließ sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch gar nicht beantworten, und in der zweiten Hälfte wurden Werte genannt, die sich um einen Faktor zwei unterschieden. Doch inzwischen hat sich die Kosmologie zu einer präzisen Wissenschaft entwickelt: Heute wissen wir, dass das Universum 13,72(12) Milliarden Jahren alt ist, mit einer Unsicherheit von weniger als einem Prozent. Auch andere Parameter sind wesentlich genauer bekannt. Dies verdanken wir präzisen Messungen der räumlichen Verteilung des kosmischen Mikrowellenhintergrunds sowie der Geschwindigkeiten von astronomischen Objekten. Grundlage dafür, dass sich Geschwindigkeiten über die Rotverschiebung von Spektrallinien messen lassen, ist der Doppler-Effekt.
Dieser Effekt beschreibt, wie sich die wahrgenommene Frequenz f einer Welle durch die Geschwindigkeiten der Quelle vq und des Empfängers ve ändert. In der Akustik gilt:
Hierbei sind c die Phasengeschwindigkeit der Welle und f0 die ausgesendete Frequenz im Ruhesystem der Quelle. Der Näherungsausdruck für c >> ve,q auf der rechten Seite verdeutlicht, dass es sich um einen rein geometrischen Effekt handelt. Setzt man dort für die Frequenz f0 = c/λ ein, zeigt sich, dass sich die Frequenzveränderung aus der Anzahl der Wellenfronten pro Zeiteinheit ergibt, die durch die Relativgeschwindigkeit Δv = vq – ve verloren gehen oder zusätzlich den Empfänger erreichen (je nach Vorzeichen von Δv). ...
• 3/2012 • Seite 31Die Milchstraße als Labor
Das Radial Velocity Experiment (RAVE) wird bis Ende 2012 einige hunderttausend Sterne spektroskopisch analysieren.
Die Milchstraße dient als Prototyp für einen fundamentalen Baustein unseres Kosmos, die Spiralgalaxien. In unserer Heimatgalaxie können wir von einzelnen Sternen Abstände und Eigenbewegungen messen und ihr Spektrum aufnehmen. Da Sterne wie Fossilien die chemische Zusammensetzung zum Zeitpunkt ihres Entstehens „konservieren“, eignet sich die Milchstraße als Labor für die Galaxienentstehung und Kosmologie.
Schon Demokrit vermutete im 5. Jahrhundert v. Chr., dass die Milchstraße, deren verschwommenes Band den Nachthimmel durchzieht, in Wirklichkeit aus unzähligen Sternen besteht. Galileo Galilei konnte dies Anfang des 17. Jahrhunderts mit dem Fernrohr bestätigen. Ende des 18. Jahrhunderts führte Herschel die erste systematische Himmelsdurchmusterung durch und erkannte die scheibenartige Gestalt unserer Milchstraße. Er positionierte die Sonne in die Nähe des galaktischen Zentrums, eine Täuschung aufgrund der vernachlässigten interstellaren Extinktion. Erst in den 1920er-Jahren erkannte Shapley durch die Vermessung weit entfernter Kugelsternhaufen ober- und unterhalb der galaktischen Scheibe, dass die Sonne eher in den Außenbereichen der Scheibe liegt.
Unsere Milchstraße besitzt eine Sonderrolle: Nur die Galaxien der näheren kosmischen Nachbarschaft (bis zu Abständen von etwa 30 Millionen Lichtjahren) können wir in Einzelsterne auflösen, nur in Galaxien unserer lokalen Gruppe – also das Ensemble von Milchstraße, Andromedagalaxie M31, Galaxie M33 sowie deren Satellitengalaxien – können wir einzelne Sterne spektroskopieren, und nur in (Teilen) unserer Milchstraße können wir Abstände und tangentiale Eigenbewegungen direkt messen. Die Milchstraße lässt sich strukturell, chemisch und kinematisch in ihre Bestandteile zerlegen. Das Radial Velocity Experiment (RAVE, [1]) generiert seit fast zehn Jahren einen systematischen Datensatz von hunderttausenden Sternen. Fast jede Nacht werden Beobachtungen durchgeführt, die ein internationales Team von Wissenschaftlern aus zehn Ländern auswertet. ...
• 2/2012 • Seite 25Die Suche nach der zweiten Erde
Unter den vielen entdeckten Exoplaneten könnten auch solche sein, die Leben tragen. Die große Herausforderung ist, dies aus riesiger Entfernung nachweisen zu können.
Mit der Entdeckung der ersten erdähnlichen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems ist die faszinierende Frage nach Leben im All ins Blickfeld der Forschung geraten. Die spektralen Signaturen in den Atmosphären extrasolarer terrestrischer Planeten könnten dafür die entscheidenden Indizien liefern. Die Entdeckung einer „zweiten Erde“ wäre damit in naher Zukunft greifbar.
Gibt es Leben in All? Diese Frage beschäftigte schon antike Philosophen wie Lukrez, der über „andere Erden“ spekulierte. Im Mittelalter postulierte Giordano Bruno nicht nur ein unendliches All, sondern auch, dass „unzählige Welten ähnliche dieser Erde“ existieren. Für viele Jahrhunderte blieb die Frage nach Planeten und erst recht Leben außerhalb unseres Sonnensystems rein philosophisch. Nicht einmal zwanzig Jahre ist es her, dass der Schweizer Astronom Michel Mayor mit seinem Mitarbeiter Didier Queloz im Jahr 1995 erstmals einen Planeten um einen Stern im Sternbild Pegasus ähnlich unserer Sonne entdeckte, was ein amerikanisches Team kurz danach bestätigte. Vorher hatte es allerdings schon Beobachtungen gegeben, die zumindest Rückschlüsse auf die Existenz von Exoplaneten erlaubten, wie z. B. ein substellares Objekt und drei Planeten, die um die Überreste eines Sterns (Pulsar) kreisten. Doch erst mit der Entdeckung von 51 Pegasi b, einem heißen Gasplaneten, war die Existenz extrasolarer Planeten unzweifelhaft erwiesen.
Heute halten die Entdeckungen kleiner, teilweise felsiger Planeten die Welt der Astronomie in Atem. Die Frage, wie nah wir davor stehen, eine „zweite Erde“ zu entdecken, ist ins Zentrum des Interesses gerückt. Könnten um andere Sterne Planeten kreisen, die Leben tragen? Darauf gibt es (noch) keine Antwort, aber durchaus mögliche Indizien. ...
Ehrentitel oder Qualifikationsnachweis?
Zu: „Verantwortung in der Wissenschaft“ von Ulrich Rüdiger, Dezember 2011, S. 3
Supernova-Lichtkurven sind auch rotverschoben
Zu: „Eins-a-Vermessung des Universums“ von Bruno Leibundgut, Dezember 2011, S. 27
• 1/2012 • Seite 31Die Universalmaschine auf Kurs
In den nächsten Jahren soll mit FAIR ein internationales Beschleunigerzentrum für Experimente mit Ionen und Antiprotonen entstehen.
Mit der Facility for Antiproton and Ion Research in Europe (FAIR) entsteht an der GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH in Darmstadt ein weltweit einzigartiges Beschleunigerzentrum, das ein breit gefächertes Experimentierprogramm ermöglichen wird. FAIR wird Antiprotonen- und Ionenstrahlen mit bislang unerreichter Intensität und Qualität liefern, mit denen sich Wissenschaftler aus aller Welt Einblicke in den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums seit dem Urknall erhoffen. ...
Die GSI betreibt mit ihren rund 1100 Mitarbeitern bereits jetzt ein einmaliges System von Schwerionenbeschleunigern, bestehend aus dem universalen Linearbeschleuniger UNILAC, dem Schwerionensynchrotron SIS18 und dem Experimentierspeicherring ESR. Mit diesen Maschinen und den drei verfügbaren Ionenquellenterminals können mehrere Experimente parallel stattfinden. Seit ihrer Gründung vor über 40 Jahren hat die GSI viele wichtige Beiträge zum Verständnis grundlegender physikalischer Zusammenhänge geliefert. So wurden in Darmstadt sechs neue Elemente entdeckt, und pro Jahr führen die über 1000 Nutzer aus aller Welt mehr als 50 Experimente aus der Kern- und Atomphysik, Materialforschung und Biophysik mit großem Erfolg durch. Dementsprechend befinden sich am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung die Kompetenzen, um mit FAIR eines der weltweit größten Vorhaben für die physikalische Grundlagenforschung zu realisieren [1].1) Etwa 3000 Wissenschaftler aus über 40 Ländern planten die Experimentier- und Beschleunigeranlagen. Neun Länder haben ein völkerrechtliches Abkommen über die Errichtung des Beschleunigerzentrums unterzeichnet, weitere haben ihr Interesse signalisiert. Die Kosten betragen 1,027 Milliarden Euro (Preisstand 2005).2) Die Rodung hat begonnen, die Genehmigung des Bauantrags wird Ende Januar erwartet. 2018 soll FAIR in Betrieb gehen. ...
• 1/2012 • Seite 22Wie schnell sind Neutrinos?
Am CERN erzeugte Neutrinos scheinen am 730 Kilometer entfernten Gran Sasso-Labor rund 60 Nanosekunden früher als erwartet anzukommen. Damit wären sie schneller als das Licht.
• 12/2011 • Seite 27Eins-a-Vermessung des Universums
Für die Entdeckung der beschleunigten Expansion des Universums erhalten Saul Perlmutter, Brian P. Schmidt und Adam G. Riess den Nobelpreis für Physik 2011.
Walter Baade und Fritz Zwicky, ein deutscher und ein schweizer Astrophysiker, die in Kalifornien forschten, prägten 1934 den Begriff „Supernova“ für gigantische Sternexplosionen. Diese erstrahlen so hell, dass sie über weite Bereiche des Universums zu beobachten sind. Baade und Zwicky identifizierten zwei Hauptgruppen von Supernovae – solche mit Wasserstofflinien in ihren Spektren (als Typ II bezeichnet) und solche ohne Wasserstoff (Typ I) – und schlugen bereits vor, dass sich mithilfe von Supernovae kosmologische Entfernungen bestimmen lassen.
Anfang der 1980er-Jahre griff vor allem Andreas Tamman diese Idee wieder auf und zeigte, dass sich dafür vor allem Supernovae vom Typ Ia eignen. Bei dieser wichtigen Unterkategorie handelt es sich um thermonukleare Explosionen von Weißen Zwergen, erloschenen Sternen mit etwa 1,4 Sonnenmassen, die kurzzeitig sogar eine ganze Galaxie überstrahlen können. Im Verlauf der Explosion ändert sich die Helligkeit der Supernovae natürlich sehr stark und innerhalb weniger Tage. Der Helligkeitsverlauf ist aber relativ homogen, sodass die Hoffnung bestand, dass sie immer dieselbe Leuchtkraft am Maximum ihrer Lichtkurve erreichen würden. Damit würden sich Entfernungen einfach aus der beobachteten Helligkeit ableiten. Diese Hoffnung zerschlug sich 1991 gründlich, als einige Typ-Ia-Supernovae mit sehr unterschiedlichen Leuchtkräften beobachtet wurden. Zwei Jahre später zeigte allerdings Mark Phillips, dass sich die Form der Lichtkurve eignet, um die Leuchtkraft zu normieren. Seitdem gelten Typ-Ia-Supernovae als beste kosmische „Zollstöcke“.
Zu dieser Zeit bestand die Hauptaufgabe der beobachtenden Kosmologie darin, den Wert der momentanen Expansionsrate des Universums und der Abbremsung aufgrund der Gravitationsanziehung der Materie zu bestimmen. Die Expansionsrate, also die Hubble-Konstante, muss im nahen Universum gemessen werden. Aufgrund der Abbremsung hat sich diese „Konstante“ als Funktion der Zeit verändert, man spricht daher vom Hubble-Parameter. In der Vergangenheit hatte er einen größeren Wert als heute. Diese Abbremsung lässt sich nur über große Distanzen messen. ...
• 10/2011 • Seite 27Spuren des frühen Universums
Die Inflationstheorie erklärt erfolgreich die großräumigen Eigenschaften unseres Universums.
Die Tatsache, dass unser Universum so gleichförmig ist, lässt sich damit erklären, dass es sich kurz nach seiner Entstehung innerhalb eines winzigen Zeitraums gewaltig ausdehnte. Anders als in der klassischen Urknalltheorie bildet diese „Inflationsphase“ den Auftakt zum „heißen Urknall“. Der „Fingerabdruck“ der Inflation könnte sich in den Fluktuationen des kosmischen Mikrowellenhintergrunds verbergen, die sich dank neuer Satellitenmissionen immer präziser messen lassen.
Im ganz großen Maßstab betrachtet ist unser Universum ein sehr eintöniger Ort. Blickt man nachts in eine beliebige Richtung des Weltalls, so sieht man, abgesehen von lokalen Strukturen wie der Milchstraße und einer Handvoll naher Galaxien, überall praktisch das Gleiche. Zählt man beispielsweise die Galaxien pro Winkelelement in einem festen Abstand von der Erde, findet man bei ausreichend großen Abständen und Winkelelementen Werte, die nur geringfügig vom jeweiligen Mittelwert abweichen. Mit anderen Worten, das Universum erscheint isotrop, es hat keine ausgezeichnete Richtung. Ausgehend von der überaus plausiblen (und bescheidenen) Annahme, dass sich unsere Milchstraße nicht zufällig im Zentrum des Universums befindet, sollten Astronomen in allen anderen Galaxien ebenfalls ein isotropes Universum beobachten. In diesem Fall ist das Universum zusätzlich noch homogen, besitzt also keine ausgezeichneten Punkte. Bei alledem beschränken wir uns natürlich nur auf den sichtbaren Bereich des Universums − es gibt zunächst keine Gründe für die Annahme, dass diese Eigenschaften bis in unendliche räumliche Entfernungen gelten sollten.
Auch die Tatsache, dass sich das Universum mit der Zeit immer weiter ausdehnt, ändert nichts an seiner Gleichförmigkeit. Die von Edwin Hubble entdeckte kosmische Expansion äußert sich darin, dass sich der Abstand aller Galaxien im Mittel mit der gleichen Rate vergrößert. Bei kleinen Abständen überwiegt zwar die gegenseitige Anziehungskraft und es bilden sich gebundene Strukturen wie Galaxiengruppen und -haufen, aber über große Abstände gemittelt bleibt die Verteilung der Materie im Universum homogen und isotrop....
• 10/2011 • Seite 35Rutherfords Erbe
Hundert Jahre nach der Entdeckung des Atomkerns ist die Beschreibung dieses komplexen Vielteilchen-Systems immer noch eine Herausforderung für die Theorie.
Atome sind überwiegend „leer“, denn nur eines von tausenden α-Teilchen fliegt nicht auf geradem Weg durch eine dünne Metallfolie. Dieses überraschende experimentelle Ergebnis erklärte Ernest Rutherford 1911 mit der Vorstellung eines punktförmigen Atomkerns und seiner berühmten Streuformel. Nach dieser Geburtsstunde hat sich die Kernphysik rasch zu einer lebendigen Teildisziplin der Physik entwickelt, die derzeit – dank neuer Beschleuniger und Experimente – eine Renaissance erlebt.
Nachdem Henry Becquerel im Februar 1896 die Radioaktivität entdeckt hatte, zeigte sich, dass die dabei auftretenden Strahlungsenergien weit höher sind als bei den bereits zuvor untersuchten Spektrallinien der Atome und Moleküle. Daher lag es nahe, dass die Radioaktivität ihren Ursprung im „Inneren“ der Atome hat – wie dieses jedoch aussieht, war völlig unklar. Joseph John Thomson, der 1897 erkannt hatte, dass β-Strahlen aus Elektronen bestehen, entwickelte daher ein Modell, bei dem das Atom aus einem positiv geladenen „Pudding“ und darin befindlichen negativen Elektronen als „Rosinen“ bestand („Plum-Pudding“-Modell). Ebenfalls 1897 hatte der in Neuseeland geborene Ernest Rutherford (Abb. 1) gezeigt, dass sich die Radioaktivität aus drei verschiedenen Bestandteilen zusammensetzt: den α-, β- und γ-Strahlen. Hierfür erhielt er 1908 den Nobelpreis für Chemie. Im gleichen Jahr schlug er seinem Mitarbeiter Hans Geiger vor, die Streuung von α-Teilchen an Metallfolien zu untersuchen.
Rutherford hatte, bevor er 1907 nach Manchester kam, bereits mit α-Teilchen (4He-Kernen) aus dem Zerfall von Radon experimentiert. In dem Experiment von Geiger war das Radon in einem konischen Glasröhrchen eingeschlossen, das die α-Teilchen durch ein Glimmerfenster verlassen konnten (Abb. 2). Als Nachweis der an einer Metallfolie gestreuten Teilchen diente ein Zinksulfidschirm, der beim Auftreffen eines α-Teilchens sehr schwach aufleuchtete. Geiger beobachtete die Lichtblitze durch ein Mikroskop geringer Auflösung. Dies war so ermüdend, dass er den Studenten Ernest Marsden um Unterstützung bat. Die beiden fanden heraus, dass die meisten α-Teilchen ohne große Ablenkung durch die Metallfolie hindurch gingen und nur ein Teilchen von 8000 um mehr als 90 Grad abgelenkt wurde. Geiger und Marsden veröffentlichten ihr Resultat 1909 [1]. ...
• 9/2011 • Seite 61Fokussierende Facettenaugen
Das MAGIC-Zwillingsteleskop erforscht höchstenergetische kosmische Gammastrahlung.
Vor nunmehr 22 Jahren öffnete sich das Fenster zur Hochenergie-Gamma-Astronomie mit der Beobachtung der ersten hochenergetischen Gammaquelle. Inzwischen wurden mehr als 100 solcher Quellen gefunden und eine Reihe fundamentaler Entdeckungen gemacht. Ermöglicht haben dies große Tscherenkow-Teleskope, die in der Lage sind, atmosphärische Luftschauer genau zu registrieren.
Die ersten TeV-Gammastrahlen aus Richtung des Krebsnebels wurden 1989 von der Whipple-Kollaboration mit einem 10-Meter-Reflektor nachgewiesen [1]. Die zurzeit größten Teleskope mit je 17 m Spiegeldurchmesser und der niedrigsten Energieschwelle, MAGIC I und II, befinden sich auf dem Roque de Los Muchachos auf La Palma. Sie detektieren Tscherenkow-Licht im sichtbaren und nahen UV-Bereich, das in Schauern in der Atmosphäre entsteht, welche durch Gammastrahlung ausgelöst werden. MAGIC kann Gammastrahlung im Bereich von 50GeV bis 30 TeV beobachten [2]. In galaktischen und extragalaktischen Quellen wie Supernovaüberresten oder Schwarzen Löchern in Zentren von Galaxien entstehen Gammaquanten, die in der Erdatmosphäre eine Teilchenkaskade auslösen. Ultrarelativistische, geladene Sekundärteilchen senden Tscherenkow-Licht aus, das Rückschluss auf das primäre Gammaquant und damit auf die kosmische Quelle zulässt. Ziel der Gamma-Astronomie ist es, Fragen der Grundlagenphysik wie die nach Dunkler Materie zu beantworten und Effekte der Quantengravitation oder die extragalaktische Hintergrundstrahlung zu untersuchen. ...
• 7/2011 • Seite 31Den Geisterteilchen auf der Spur
Eine neue Generation von Experimenten steht in den Startlöchern, um die zur Beschreibung von Neutrinos notwendigen Parameter genauer zu messen.
Eine Vielzahl von Experimenten mit Neutrinos aus der Sonne, der Atmosphäre, Reaktoren und Beschleunigern hat gezeigt, dass Neutrinos im Flug ihre „Familienzugehörigkeit“ wechseln. Diese Neutrinooszillationen sind ein Beleg dafür, dass Neutrinos ähnlich wie Quarks miteinander mischen und eine endliche Masse besitzen müssen, und der erste harte Beweis für Physik jenseits des Standardmodells.
Neutrinos waren von Anfang an für Überraschungen gut. Wolfgang Pauli führte sie 1930 als hypothetische Teilchen ein, um Energie- und Drehimpulserhaltung beim Betazerfall zu retten. Nur durch die gleichzeitige Emission von Elektronen und unsichtbaren Neutrinos konnte er die beobachteten kontinuierlichen Elektronenspektren erklären. Würde beim Zerfall hingegen kein anderes Teilchen emittiert, sollte die Elektronenenergie einen scharfen Wert haben. Die Form des Spektrums erfordert ein sehr leichtes, wenn nicht sogar masseloses Teilchen. Die Ladungserhaltung verlangt zudem ein elektrisch neutrales Teilchen, das aufgrund seiner geringen Wechselwirkung mit Materie kaum nachzuweisen ist. Ein Vierteljahrhundert später gelang Clyde Cowan und Frederick Reines der experimentelle Nachweis des Neutrinos. Später zeigten Leon Lederman, Melvin Schwartz und Jack Steinberger, dass es mehr als eine Sorte (Familie oder Flavour) von Neutrinos gibt. Inzwischen sind drei masselose Neutrinosorten (νe , νμ und ντ), die jeweils nach ihrem geladenen Partner in der schwachen Wechselwirkung benannt sind (Elektron e, Myon μ und Tauon τ), fester Bestandteil des Standardmodells der Teilchenphysik. Im Volksmund heißen die Neutrinos auch Geisterteilchen, wegen ihres geringen Wirkungsquerschnitts. So streuen Anti-Neutrinos aus den Spaltreaktionen eines Kernreaktors im Mittel erst nach der gewaltigen Strecke von 100 Lichtjahren mit Wasser. ...
• 5/2011 • Seite 18Rückschlag für die Suche nach kosmischen Hadronenbeschleunigern?
Der beste bisherige Kandidat zeigt ein Spektrum, das nur auf beschleunigte Leptonen hindeutet.
• 3/2011 • Seite 23Physik im Untergrund
Im Gran-Sasso-Labor in den italienischen Abruzzen versuchen Physiker, einige der großen Fragen der Teilchenphysik zu beantworten.
Mitten in dem zehn Kilometer langen Autobahntunnel der italienischen A24, zwischen Teramo und L’Aquila und rund hundert Kilometer von Rom entfernt, leuchten plötzlich orangefarbene Warnleuchten auf, die den fließenden Verkehr darauf vorbereiten sollen, dass unser Kleinbus abbremst. Dem Schild „INFN solo autorizzati“ folgend, biegen wir rechts in einen Seitenstollen ein und passieren eine Schranke sowie ein großes Stahltor. Als der Wagen an einer Kabine mit Sicherheitspersonal anhält, schließt sich das Tor wieder. Schlagartig verschwindet das Rauschen des Straßenverkehrs, Stille kehrt ein. Gemeinsam mit Technikern und Physikern, die der Kleinbus an ihren Arbeitsplatz gebracht hat, befinde ich mich im größten Untergrundlabor der Welt, dem vor 30 Jahren gegründeten Laboratori Nazionali del Gran Sasso des italienischen Istituto Nazionale di Fisica Nucleare (INFN). Hier unten, abgeschirmt von der kosmischen Strahlung durch 1400 Meter dickes Gestein der fast 3000 Meter hohen Abruzzen, jagen internationale Kollaborationen von Physikern äußerst flüchtige Teilchen wie Neutrinos oder versuchen, extrem seltene Reaktionen nachzuweisen. Damit tasten sie sich in die Terra incognita jenseits des Standardmodells vor. Ihr Ziel: einige der großen Fragen der Teilchenphysik zu beantworten. Sind Neutrinos ihre eigenen Antiteilchen? Welche anderen Eigenschaften haben die drei bekannten Neutrinotypen? Gibt es Dunkle Materie und wenn ja, woraus besteht sie? ...
Februar
Aus dem Staub, den vergangene Supernovae mit Metallen angereichert haben, entstehen neue, metallreichere Sterne. (vgl. S. 27, Bild: NASA / ESA)
• 2/2011 • Seite 27In Sternen geboren
Der Reichtum an chemischen Elementen geht auf Jahrmilliarden der Nukleosynthese zurück.
Die Fragen, woher wir kommen und woraus wir bestehen, haben die Menschheit seit Urzeiten beschäftigt. Da wir über die Elemente und ihre Bausteine schon recht viel wissen, sollte die Frage nun eher lauten: Woher kommt, woraus wir bestehen? Der menschliche Körper besteht zu 56 Prozent aus Sauerstoff und zu 28 Prozent aus Kohlenstoff – doch welche kosmischen Prozesse produzierten diese Elemente? Und das Silizium, welches letztlich das Schreiben dieses Artikels auf einem Computer ermöglicht?
Den Ursprung der chemischen Elemente zu ergründen ist ein modernes Forschungsgebiet. Ausgefeilte Theorien, leistungsfähige Teleskope und komplexe Supercomputersimulationen zeichnen die gesamte Geschichte des Universums nach, seiner Bausteine – etwa die Sterne – und deren Wechselwirkungen, seit den Anfängen vor 13,7 Milliarden Jahren bis heute. Doch nicht nur das „woher?“, sondern auch das „wie viel?“ ist von zentraler Bedeutung. Denn nur wenn wir die dahinter liegende Physik verstehen, können all diese Untersuchungen nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ den heutigen Kosmos mit all seinem Reichtum an exotischen Stoffen wiedergeben.
Die leichten chemischen Elemente entstanden unter extremen Bedingungen bereits innerhalb der ersten halben Stunde nach dem Urknall. In seiner ursprünglichsten Form bestand das Universum zu drei Vierteln aus Wasserstoff (1H und 2D) und einem Viertel aus Helium (hauptsächlich 4He und geringe Anteile an 3He). „Schwere“ Elemente wie Lithium und Beryllium existierten nur in vernachlässigbarem Maße. Dennoch ist unser heutiger Kosmos von massereichen Kernen durchzogen. Die Astronomen fassen alle Elemente schwerer als Helium salopp als „Metalle“ zusammen, ob es nun Kohlenstoff, Sauerstoff oder Eisen ist. Die heutigen Anteile an Wasserstoff, Helium und Metallen in der Umgebung der Sonne betragen 73,8, 24,9 und 1,3 Prozent. ...
Das tobende Universum
Das Fermi Gamma-ray Space Telescope übertrifft seine Vorgänger an Empfindlichkeit, räumlichem Auflösungsvermögen und Energieabdeckung. Doch wie schnell sich spektakuläre Beobachtungsergebnisse einstellten, welche Genauigkeit und Eindeutigkeit sie erreichten, überraschte selbst die beteiligten Astronomen.
USA
Laufzeitverlängerung für Tevatron? Wunschliste der Astronomen Saubere Kohlekraft 2.0 Zeitschriftenboykott abgewendet
Der Satellit mit den Röntgenaugen
Röntgenstrahlung erlaubt es Astrophysikern, die „Extreme“ des Universums zu erforschen – Materie, die in Schwarze Löcher fällt oder die in starken Gravitations- bzw. Magnetfeldern um einen kollabierten Stern gefangen ist, oder Schockwellen heißen Gases in abgelegenen Galaxienhaufen. Erkenntnisse über solch exotische Prozesse lassen sich nur durch Beobachtungen aus dem Weltraum gewinnen, da die Erdatmosphäre für Röntgenstrahlung undurchlässig ist.
Besser als Atomuhren?
Radioastronomen ermitteln, warum Pulsare manchmal vor- und manchmal nachgehen.
Die Supernova im Superrechner
Die bislang detailliertesten Modellrechnungen erklären erstmals beobachtete Asymmetrien und die Geschwindigkeiten schneller Eisenklumpen.
Die dunkle Seite des Universums
Beobachtungen von über 70 000 weit entfernten Galaxien erfordern keine Modifikationen von Einsteins Gravitationstheorie.
Partikel in der Pampa
Kosmische Strahlung trifft ständig auf die Erde. Die Teilchen stammen aus der Sonne, von Supernova-Explosionen in unserer Milchstraße - und aus anderen Galaxien. Besonders interessant sind die seltenen Ereignisse, bei denen einzelne Atomkerne kinetische Energien von vielen Joule aufweisen. Ihre Identifizierung, die Suche nach ihrer Herkunft und die Physik ihrer Wechselwirkung mit der Atmosphäre sind die Forschungsziele des Pierre-Auger-Observatoriums.
Astronomie weckt Neugier
Zu: „Astronomie in die Schulen!“ von Lutz Clausnitzer, Juli 2009, S. 45
Noise and Full Counting Statistics in Mesoscopic Transport
431. WE-Heraeus-Seminar
Precision experiments at lowest energies for fundamental tests and constants
434. WE-Heraeus-Seminar
Juli
Schäume sind nicht nur zum Baden da, sondern auch ein faszinierendes Forschungsobjekt (vgl. S. 29, Bild: Wiebke Drenckhan).
Linienbildung bei Gegenverkehr
Experimente und Simulationen zur Spurenbildung in einem komplexen Plasma stimmen gut überein.
Das All im Labor
Lange Zeit dachte man, dass bei sehr tiefen Temperaturen keine chemischen Reaktionen stattfinden können. Dass dies nicht so ist, beweist die Vielzahl der zum Teil sehr komplexen Moleküle, die sich in kalten Regionen des Weltalls nachweisen lassen. Kalte Ionenfallen erlauben es, die reichhaltige Chemie der Reaktionen zwischen Ionen und Molekülen, ihre Reaktionsdynamik und ihre Abhängigkeit von den Quantenzuständen zu untersuchen.
Licht ins Dunkel bringen
Die Astronomie feiert derzeit ein goldenes Zeitalter, besonders gewürdigt durch das diesjährige Internationale Jahr der Astronomie. Maßgeblich verdankt sich das einer stürmischen instrumentellen Entwicklung, die neue Beobachtungsfenster weit öffnet, die vorher bestenfalls zu ahnen waren. Die Flut neuer Daten liefert dabei ebenso viele überraschende Ergebnisse wie neue Fragen.
Schwere Geburt
Wenn Sterne durch einen sphärischen Kollaps entstehen, sollte ihre Masse auf zehn Sonnenmassen beschränkt sein. Computersimulationen zeigen, wie dennoch massereichere Sterne entstehen können.
Anomalie im Kosmos
Die PAMELA-Kollaboration hat in der Kosmischen Strahlung Positronen bis zu Energien von 100 GeV detektiert und findet dabei einen überraschenden Überschuss.
Negativ und voluminös
Neue Herstellungsverfahren ermöglichen dreidimensionale Metamaterialien, die einen negativen Brechungsindex aufweisen.
Das größte Teleskop der Welt
LOFAR ist ein europäisches Netzwerk von Radioteleskopen, das dank des innovativen Designs das größte Teleskop der Welt bilden wird. Mit ihm lässt sich der Himmel in einem Frequenzband beobachten, das bislang kaum erforscht ist. Somit öffnet LOFAR ein neues Fenster zum Universum, das es erlaubt, in eine frühe Phase des Universums zu blicken, kosmische Magnetfelder zu messen und Millionen von neuen Galaxien zu entdecken.
Supernova evolution and nucleosynthesis
In massive stars a sequence of fusion reactions takes place, starting from the fusion of hydrogen to helium and proceeding through carbon, neon, oxygen, silicon up to iron. When the iron core becomes unstable and collapses to produce a neutron star, a core-collapse supernova explosion occurs. Since the energy liberated by the collapse is emitted mainly in neutrinos of all flavors, such a supernova is one of the few astrophysical events where the weak interaction produces effects of macroscopic scale. Whereas most of the nuclei heavier than iron are produced by neutron captures, the origin of the neutron-deficient isotopes Molybdenum and Ruthenium in our solar system has remained mysterious.
Das Universum enträtseln
Ziele und Aktivitäten des Exzellenzclusters „Origin and Structure of the Universe“ in München
Das Ende des dunklen Zeitalters
In jüngster Zeit ist es den Kosmologen gelungen, die grundlegenden Parameter unseres Weltmodells mit hoher Präzision festzulegen. Noch hat unser Weltbild aber eine entscheidende Lücke: Wann und wie haben sich die ersten Sterne und Galaxien gebildet? Deren Entstehung während der ersten Milliarde Jahre nach dem Urknall hatte dramatische Konsequenzen, führte sie doch zu einem kosmischen Phasenübergang von einem neutralen und kalten zu einem fast vollständig ionisierten und heißen Medium. Mit modernsten Beobachtungsmethoden und Computersimulationen sind wir dabei, die immer noch rätselhaften Vorgänge während dieser kosmischen ,,Epoche der Reionisation” aufzuklären.
Neue Dimensionen für Schwarze Löcher
Schwarze Löcher gehören zu den spektakulärsten Vorhersagen von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie. Für ihre Existenz spricht eine Vielzahl astronomischer Beobachtungen. Ansätze zu einer Theorie der Quantengravitation wie die Stringtheorie erfordern zusätzliche Raumdimensionen neben den üblichen drei. Doch welche Konsequenzen hätte dies für Schwarze Löcher? Rechnungen zeigen, dass wir dann auf eine Vielfalt von „Schwarzen Objekten“ stoßen könnten.
Scharfe Augen für höchste Energie
Vier mächtige Spiegelteleskope zeigen im Hochland von Namibia gen Himmel. Ungestört vom Licht großer Städte eröffnet sich hier ein optimaler Blick auf den zentralen Bereich der Milchstraße und für die Suche nach den rätselhaften Quellen hochenergetischer Gammastrahlung.
Transport, Localization and Fluctuations in Complex Systems
392. WE-Heraeus-Seminar
USA
Plan B für Fermilab? Beyond Einstein Mehr Geld für die Physik Bessere Betreuung für Postdocs
Das Klima aus dem All
Die Sonne ist nicht der unveränderliche Stern, als der sie unserem Auge erscheint. Kurzzeitige Veränderungen auf der Zeitskala von Stunden und Tagen („Weltraumwetter") beeinflussen die Erdatmosphäre ebenso wie langfristige Variationen auf der Skala von Jahren bis zu hunderten von Millionen Jahren („Weltraumklima"). Eine der spannendsten Fragen der Heliophysik ist, ob ein dominanter Klimaeffekt von Variationen der elektromagnetischen oder der kosmischen Strahlung hervorgerufen wird.




























