26.10.2023

Filmkritik: Die Theorie von Allem

Die Theorie von Allem (D, A, CH 2023), Regie: Timm Kröger, 118 Minuten: Verleih: Neue Visionen (Filmstart 26. Oktober 2023)

Alexander Pawlak

Multiversen gibt es viele, erst recht im Kino, wo jeder Film seine eigene Realität präsentieren kann. Besonders spektakulär gelang die visuelle Umsetzung paralleler Welten 2022 im Film „Everything Everywhere All at Once“. Die amerikanische Produktion räumte gleich sieben Oscars ab, darunter die Preise für den besten Film, die beste Regie, die beste Hauptdarstellerin und das beste Originaldrehbuch. Vordergründiger erlebt man Multiversen in den Superhelden-Filmen, wo sie auch ein Mittel sein können, um Inkonsistenzen zu kaschieren oder neue Franchise-Möglichkeiten zu schaffen.

Der deutsche Filmemacher Timm Kröger (geb. 1985) greift die Theorie der vielen Welten, die auf den amerikanischen Physiker Hugh Everett III zurückgeht, auf eine neue, höchst cinephile Weise auf. Der gar nicht mehr so junge Physik-Doktorand Johannes Leinert (Jan Bülow) reist 1962 mit seinem Doktorvater Dr. Julius Strathen (Hanns Zischler) zu einem physikalischen Kongress ins Hotel Esplanade in den Schweizer Alpen. Dort soll ein iranischer Wissenschaftler einen bahnbrechenden Vortrag zur Quantenmechanik halten, der gar eine „Theorie von Allem“ in Aussicht stellt. Doch der Redner verspätet sich und die feine Gesellschaft fristet die Zwischenzeit mit Dinnerpartys und Ski-Ausflügen.

Schon hier zeigt sich, dass es dem Film nicht um eine realistische Darstellung geht, aber vielleicht ist die holschnittartige Darstellung der Physik und ihrer Akteure auch nur eine Pastiche eines anderen Filmuniversums. Das beschriebene Setting ansonsten eher für eine Lesung eines berühmten Autors, der nicht erscheint, aber nicht für einen Physik-Kongress. Hier folgt der Film eher einer Traum-Logik oder einer bruchstückhaften Erinnerung. Die in Erscheinung tretenden Physiker sind allesamt fiktiv, aber es fallen die Namen Werner Heisenberg und Niels Bohr.

Johannes wird von der geheimnisvollen Pianistin Karin Hönig (Olivia Ross) in Bann gezogen, die ihm sowohl ausweicht als auch näherkommt. Zudem weiß sie Dinge über ihn, die sie gar nicht wissen kann. Als der deutsche Physiker Prof. Blumberg ums Leben kommt, treten zwei mysteriöse Ermittler in Erscheinung, die einen Mord vermuten. Stück für Stück wird Johannes damit konfrontiert, dass alles nicht mit rechten Dingen vor sich geht: Bizarre Wolkenformation und das Verschwinden der Pianistin sind nur ein Teil der Indizien, die seinen Verdacht verdichten, und ihn in untergründige Gefilde führen. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Timm Kröger geht es nach eigenem Bekunden darum, der Paranoia nachzuspüren, die ein Universum erzeugt, das dem Menschen gleichgültig gegenübersteht. Gleichzeitig setzt er das Verdrängen in Szene, sowohl individuell bei Johannes, der sich seiner Entscheidungen für oder gegen etwas nie sicher zu sein scheint, als auch kollektiv: Hier kommen die Verstrickungen der Physiker im Dritten Reich zur Sprache. Die Multiversums-Theorie kommt durch die Promotionsarbeit von Johannes ins Spiel, in der es um eine „universelle Wellenfunktion“ geht, wie sie Everett 1956 in seiner Dissertation („The Theory of the Universal Wave Function“) entwickelt hat.

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Timm Krögers Schwarz-Weiß-Film – nur zu Beginn gibt es eine farbige Sequenz, die im Jahr 1974 spielt – ist letztlich kein Film über Physik, aber er nutzt diese als Sprungbrett, um eher eine psychologische Dimension zu thematisieren. Kameramann Roland Stuprich fängt teilweise wunderschöne Bilder ein, die zusammen mit Setting und der betont altmodischen Filmmusik von Diego Ramos zahlreiche Anklänge an die Filmgeschichte und Genres erzeugen. Das reicht von Verfilmungen von Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“ oder Thomas Manns „Der Zauberberg“ über Film Noir, die Edgar-Wallace-Reihe, das italienische Kino der 1960/70er-Jahre bis zum Werk von Alfred Hitchcock oder David Lynch. Das entspricht der Motivation von Regisseur Timm Kröger, der betont: „Man muss in die Lücken zwischen den Welten gehen, um irgendwas Neues zu erzählen.“

Damit wird „Die Theorie von Allem“ mit der elliptischen Erzählweise zu einem filmgeschichtlichen Kaleidoskop, das für eine paranoide Stimmung sorgt, aber mit den vielen Andeutungen, Anklängen und Zitaten auch ablenkt und wenig Lücken für eigenes Neues lässt. Ich habe mich sofort an „23 – Nichts ist wie es scheint“ (D 1998, Regie: Hans-Christian Schmid) und „Die zweite Heimat“ (D 1992, Regie: Edgar Reitz) erinnert gefühlt, die auf ihre Weise überzeugend ein Zeitbild erzeugen und Paranoia bzw. Erinnerung auf ganz eigene Weise in Szene setzen.

Trotz aller unheilschwangeren Ereignisse und der drängenden Musik fehlt es in „Die Theorie von Allem“ an Suspense. Dazu kommt, dass Jan Bülow, der in „Lindenberg! Mach dein Ding“ (2020) ein überzeugender und quicklebendiger Udo Lindenberg war, als Johannes Leinert mehr reagiert als agiert. Vielleicht ist die Rolle bewusst apathisch angelegt, aber das macht sie leider auch fad.

Doch die ästhetischen Bilder und die „multiverse“ Handlung, die beim aufmerksamen Zuschauen zum intellektuellen Puzzle-Spiel werden kann, lohnen den Kinobesuch. Ein physikalisch vorgebildetes Publikum wird sicher die eine oder andere „Anomalie“ in dem Film entdecken, in dem von der „sowjetischen Mondlandung“ die Rede ist und kosmische Höhenstrahlung ein Tor in eine andere Welt eröffnet haben könnte. Mich beschlich das Gefühl, dass der Satz „Alles ist möglich und nichts hat Bedeutung“, mit dem Timm Kröger ein gleichgültiges Universum charakterisiert, auch für den Film gilt.

Änderung (30.10.2023): Eine Anmerkung zu den akademischen Titeln von Strathen und Blumberg wurde getilgt.

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