27.06.2023

Jules Verne – 150 Jahre auf Deutsch

Neuerscheinungen zu Jules Verne und ein Wegweiser zu den besten deutschen Ausgaben seiner Werke

Jules Verne

„Le tour du monde en 80 jours“, Jules Vernes Roman einer exzentrischen Weltreise hat in diesem Jahr bereits 150. Geburtstag gefeiert – die französische Buchausgabe erschien am 31. Januar 1873. Am 3. Juni 1873 schloss Vernes französischer Verleger Hetzel mit dem in Wien, Pest (ein Teil der ungarischen Hauptstadt Budapest) und Leipzig ansässigen Hartleben-Verlag einen Vertrag über die Rechte für die deutschen Übersetzungen ab. Zwar gab es Vorabdrucke in Zeitschriften und im selben Jahr unautorisierte Buchausgaben, aber Hartleben veröffentlichte bis 1911 mit wenigen Ausnahmen alle Werke von Verne auf Deutsch.

Besonders begehrt sind auch heute noch die hochwertig aufgemachten illustrierten Prachtausgaben. Diese hat sich der Coppenrath-Verlag zum Vorbild genommen, um drei von Jules Vernes bekanntesten Romane, Reise zum Mittelpunkt der Erde, In 80 Tagen um die Welt und 20000 Meilen unter dem Meer (erscheint am 5. September) wiederzuveröffentlichen. Coppenrath greift dabei auf die modernen und vollständigen Übersetzungen zurück, die von 2003 bis 2007 bei Artemis & Winkler erschienen sind. Die neuen Schmuckausgaben enthalten daher auch das Nachwort und die erklärenden Anmerkungen des Jules-Verne-Experten Volker Dehs, der auch eine umfangreiche Verne-Biographie verfasst hat,

Drei Hauptwerke von Jules Verne sind neu als Schmuckausgaben erschienen.
Drei Hauptwerke von Jules Verne sind neu als Schmuckausgaben erschienen.
Quelle: Coppenrath

Die Bände haben das gleiche Format wie die Hartlebenschen Prachtausgaben und der Einband ist von alten Designs inspiriert. Darüber hinaus sind sie auf originelle Weise großzügig und mehrfarbig illustriert. Die meist zeitgenössischen Motive finden sich mal kleiner in den Text eingeklinkt, mal seitenfüllend oder als Seitenhintergrund. Zusätzlich liegen zehn Extras bei, im Falle von „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ etwa die Reproduktion einer Karte von Island von 1818 oder der Aufruf zur Erkundung des Erdinneren von John Cleves Symmes junior., einem Vertreter der Theorie der hohlen Erde.

Alles in allem bringen die Coppenrath-Ausgaben den nostalgischen Charme des späten 19. Jahrhunderts auf wertige Weise ins 21. Jahrhundert und laden damit ein, Jules Verne neu- oder wiederzuentdecken. Verzichten muss man dabei nur auf die ursprünglichen Original-Illustrationen.

Doch Verne hat weit mehr als nur diese drei Romane geschrieben. Dank der vielen verschiedenen bearbeiteten wie originalgetreuen Ausgaben und einer Flut von oft mangelhaften Book-on-Demand-Editionen ist es nicht ganz leicht, den Überblick über die besten vollständige Ausgaben in adäquater deutscher Übersetzung zu behalten.

Die mittlerweile klassischen Ausgaben bei Diogenes läuteten ab Mitte der 1960er-Jahre eine Verne-Renaissance in Deutschland ein. Sie enthaltenen vollständige Übersetzungen mit den Illustrationen der französischen Originalausgaben. Von den über zwei Dutzend Bänden sind aktuell etwa die Hälfte im Buchhandel erhältlich.

Die 100-bändige Collection Jules Verne beim Pawlak-Verlag (mit dem ich in keiner Weise verbunden bin) ist nur mit Einschränkungen zu empfehlen, denn der auf der Hartleben-Ausgabe basierende, leicht modernisierte Text ist wegen der einheitlichen Seitenzahl der Bände oft gekürzt. Immerhin finden sich so gut wie alle Romane von Verne in dieser Ausgabe, die allerdings sehr billig aufgemacht ist.

Lange Zeit hatte der Fischer Taschenbuch Verlag Romane von Verne nur in den ursprünglich bei Bärmeier & Nikel erschienenen stark gekürzten und bearbeiteten Versionen im Programm, veröffentlichte dann aber ab 1992 vollständige Übersetzungen, die zum Großteil lieferbar sind.

Der Deutsche Taschenbuch Verlag übernahm die guten neuen Übersetzungen, die bei Artemis & Winkler erschienen waren. Die dtv-Asugaben erhalten alle originalen Illustrationen und sind teils im Buchhandel, teil leicht antiquarisch zu finden.

Erhältlich sind derzeit außerdem Die Jangada (frz. 1881/dt. 1882) im Rahmen der „Anderen Bibliothek“ und Der grüne Blitz (1882/1885) im Mare-Verlag, der demnächst in einer Neuausgabe erscheint. Der Reclam Verlag hat Der Kurier des Zaren (1876) und In 80 Tagen um die Welt (1873/1874) im Programm. Die Edition Dornbrunnen hat kürzere Werke von Jules Verne veröffentlicht.

Die meisten digitalen Ausgaben der Werke von Jules Verne sind in der Regel lieblos zusammengeschustert und nicht zu empfehlen. Vieles findet sich mittlerweile kostenlos im Web (siehe weiterführende Links). Eine enorm umfangreiche und bestens aufbereitete und durchsuchbare Verne-Gesamtausgabe mit allen Illustrationen sowie Sekundärliteratur ist die CD-ROM Jules Verne, bekannte und unbekannte Welten: das erzählerische Werk, die der Verne-Kenner Wolfgang Thadewald 2004 herausgegeben hat. Diese ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Im Bereich der E-Books bzw, Books-on-Demand bietet sich für die Werke, die es noch nicht in moderneren Übersetzungen gibt, die Edition Hofenberg an, die derzeit etwa 35 Bände umfasst. Diese reproduzieren in angenehmen Schriftsatz zuverlässig den originalen Text der illustrierten Ausgaben, die ursprünglich im Hartleben-Verlag erschienen sind, und führen deren Paginierung in der Marginalie mit, verzichten aber leider auf die Illustrationen. Allerdings gibt es dabei immer noch kleine Einschränkungen.

Der Roman Kein Durcheinander (1889/1891), der nicht in einer vollständigen modernen Übersetzung existiert, ist dafür ein gutes Beispiel. Darin versucht der Gun-Club von Baltimore, dem einst der Flug um den Mond gelang,  mit einem wahnwitzigen Projekt die Erdachse zu verrücken. Der Ton des Buches ist dabei stark satirisch gefärbt und beginnt mit heute nicht mehr akzeptierbaren Geschlechterklischees, die spätestens am Ende wieder gegen den Strich gebürstet werden. Überraschend ist, wie Verne gegen „Geoengineering“, Amerikanismus und Militarismus wettert. Zudem spielt das noch sehr neue Telefon eine wichtige Rolle. Sicher ist das nicht Vernes bestes Buch, aber um den Wandel seiner Haltung zur Technik zu verstehen, ist es eine interessante Lektüre.

Da eine Hauptfigur der Mathematiker J. T. Maston ist, tauchen im ansonsten adäquat reproduzierten Text auch mathematische Gleichungen und Symbole auf. Das gelingt leider nicht immer korrekt, so dass etwa aus dem Wurzelzeichen ein „%“ wird oder statt des Symbols für unendlich ein „~“ abgedruckt ist. Auch bei einer tabellarisch formatierte Aufzählung schleichen sich Fehler ein, da die Abstandszeichen fehlen und z.B. aus „In Paris . . . um 9 Uhr 40 Minuten Abends“ auf einmal "In Parisum 9 Uhr 40 Minuten Abends" wird.

Wer Julius Verne im französischen Original lesen möchte, dem bietet sich die schön aufgemachte und dennoch preisgünstige Taschenbuchausgabe von Le Livre de Poche, in der rund vierzig seiner wichtigsten Werke verfügbar sind. Mittlerweile haben aber einige seiner Hauptwerke Aufnahme in die edle Edition von La Pléiade gefunden.

Erstaunlich ist es, dass auch fast 120 Jahre nach Vernes Tod keine textkritischen Editionen seiner Romanen vorliegen. Diese haben nicht zuletzt wegen Vorabdrucken in Zeitschriften, späteren Überarbeitungen und dem zähen Ringen zwischen Autor und Verleger eine durchaus komplexe Entstehungsgeschichte.

Hierzu bietet der britische Verne-Experte William Butcher in den Ausgaben seiner englischen Neuübersetzungen bei Oxford World's Classics aufschlussreiche Informationen. moderne englische Ausgaben. Interessant sind hier auch die Verne-Editionen, die bei Wesleyan University Press erschienen sind.

Die Sekundärliteratur zu Jules Verne ist mittlerweile unüberschaubar, wobei das meiste sicher auf Französisch vorliegen dürfte. Hier bieten sich zwei Bände aus der Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar als hilfreiche Einführungen an. Der zweisprachige Band 63 „Bibliographischer Führer durch die Jules-Verne-Forschung“ (441 Seiten, 16 Euro) von Volker Dehs bietet einen umfassenden Überblick über die Literatur zu Verne von 1872 bis 2001. Der von Volker Dehs und Ralf Junkerjürgen herausgegebene Band 75 „Jules Verne – Stimmen und Deutungen zu seinem Werk“(375 Seiten, 18 Euro) versammelt eine große Vielfalt von Texten über und auch von Verne, die oft sonst nur schwer zugänglich sind oder bislang nur auf Französisch vorlagen. Weitere Infos und Bestellmöglichkeiten finden sich auf der Website der Phantastischen Bibliothek Wetzlar.

Jules Verne gilt zu Unrecht als Kinderbuchautor und als „Vater der Science-Fiction“ lässt er sich nur sehr eingeschränkt ansehen. Mit seinen „Voyages extraordinaires“, die das damalige Wissen in Romanform unterhaltsam aufbereiten sollten, betrat er schriftstellerische Neuland. Daraus entstand in über vier Jahrzehnten ein komplexes Werk, das viele Lesarten zulässt und heute noch zu einer tiefergehenden Lektüre einlädt – weit über die altbekannten Titel hinaus!

Alexander Pawlak
 

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