Let's get physical! – Gilberto Gil: Quanta
Gilberto Gil, Quanta, WEA 063018919-2 (CD, 1997), Wea Music 063018644-2 (2 CDs, 1997)
Alexander Pawlak
Dass ein ehemaliger Kulturminister das Europäische Kernforschungszentrum CERN besucht, ist sicher nicht erstaunlich, aber durchaus, dass dieser zur Gitarre greift und ein selbstkomponiertes Lied über Quanten zum Besten gibt. Eine solch außergewöhnliche Visite fand mit dem Besuch des brasilianischen Musikers Gilberto Gil am 20. Juli 2022 statt. Zu dieser Zeit befand er sich auf seiner Europa-Tournee, die 15 Konzerte in 9 europäischen Ländern umfasste. Gemeinsam mit musikalischen Familienmitgliedern und Freunden feierte er damit seinen 80. Geburtstag.
Gil wagte auch Ausflüge in die Politik. Von Januar 2003 bis Juli 2008 war er Kulturminister in der Regierung von Lula da Silva, wobei er nicht immer glücklich agierte, aber das ist eine andere Geschichte.

Gilberto Gil zählt zu den lebenden musikalischen Legenden der brasilianischen Musik. Im selben Monat wie Paul McCartney geboren, gehörte er Ende der 1960er-Jahre zu den Erneuerern der Musik in Brasilien. Im Rahmen des sogenannten Tropicalismo brachte er Einflüsse der internationalen Rock- und Popmusik, aber auch von Jazz und Avantgarde mit der traditionellen brasilianischen Musik zusammen. Während Bossa Nova akustisch und melancholisch geprägt war, kamen nun vermehrt elektrisch verstärkte Klänge hinzu, zusammen mit Texten, die Protest gegen soziale und politische Misstände artikulierten, aber auch spirituelle und philosophische Themen aufgriffen.
Ein gutes Beispiel dafür ist Gilberto Gils quirliger Song Cérebro Eletrônico aus dem Jahr 1969, in dem es heißt (hier in deutscher Übersetzung):
Das elektronische Gehirn befiehlt.
Es ordnet an und widerruft.
Es hat das Sagen.
Aber es kann nicht gehen.
Gilberto Gils mittlerweile sechs Jahrzehnte dauernde Karriere als Musiker lässt sich hier kaum angemessen würdigen. Er selbst zog bereits 1997 mit dem Album Quanta und der dazugehörigen Tour, zu der auch ein Live-Album erschien, eine Art Bilanz seines Schaffens, bei der er sich intensiv mit dem Thema Kunst und Wissenschaft, speziell der Physik auseinandersetzte.
Mit einem Demotape kontaktierte Gil im Vorfeld den renommierten brasilianischen Physiker César Lattes (1924–2005), der 1947 Mitentdecker des Pi-Mesons war. Seine Antwort auf Gils Anfrage bildet eine Art Präambel im CD-Booklet. Lattes fühlt sich natürlich vom Lied Ciência e arte geschmeichelt, in dessen Text sein Name in einem Atemzug mit dem brasilianischen Maler Pedro Américo (1842–1905) genannt wird, und bemerkt: „Wissenschaft ist die jüngere Schwester der Kunst (wenn auch vielleicht eine uneheliche).“
Gilberto Gils Album Quanta ist eine Tour de Force musikalischer Vielfalt und seiner Sicht auf Kunst und Wissenschaft, mit besonderem Augenmerk auf die Physik, bei der ihn besonders die Quantenmechanik fasziniert. Zwischen Quanta und Nova gibt es viel zu entdecken. Diese beiden Tracks markieren Anfang und Ende des Albums in der Doppel-CD-Version (mit 23 Tracks). Das Booklet bietet sogar ein Glossar der auftauchenden wissenschaftlichen Begriffe. Daneben erweit Gilberto Gil auch Musikerkollegen wie João Gilberto Reverenz.
Gilberto Gil verlässt in seinen Liedern natürlich textlich die trockene Wissenschaft und präsentiert seine eklektische Weltsicht, die zwischen den Polen Mystik und Wissenschaft oszilliert. Die Lyrics sind problemlos im Web zu finden und lassen sich mit den heutzutage vorhandenen Übersetzungsmöglichkeiten auch ohne einschlägige Sprachkenntnisse würdigen. Beim brasilianischen Portugiesisch erweist sich oft eine Übersetzung ins Englische treffender als ins Deutsche.
Gilberto Gil würdigt auch das am CERN von Tim Berners-Lee entwickelte World Wide Web. Er war am 14. Dezember 1996 der erste brasilianische Musiker, der ein Konzert live gestreamt hat. Was heute kein Aufsehen erregt, war vor dreißig Jahren noch etwas sehr Besonderes. Mit dem Song Pela internet aktualisiert er auf seine Art einen der ersten auf Schallplatte aufgenommenen Samba Pelo telephone aus dem Jahr 1917.
Überraschend gewann Gilberto Gil nicht mit seinem Studioalbum, sondern mit dem Live-Album Quanta gente veio ver: Ao Vivo (deutsch etwa: „So viele Menschen kamen, um es zu sehen: Live“) einen Grammy. Beide Alben sind ein guter Einstieg, um Gilberto Gils vielseitige Musik kennenzulernen. Wer nur einen Song hören möchte, dem empfiehlt sich Quanta, in dem mit Milton Nascimento eine weitere brasilianische Musiklegende zu hören ist. Der Reiz der Musik erschließt sich sicher auch ohne Kenntnis des Portugiesischen, und vielleicht sogar auch etwas von der besonderen Poesie des Texts: „Cântico dos cânticos / Quântico dos quânticos...“
Jukebox
- Gilberto Gil: Quanta (Discogs)
Das Album erschien in verschiedenen Versionen auf einer CD mit 15 oder 20 oder als Doppel-CD mit 25 oder 26 Tracks. Bei den gängigen Streaming-Diensten ist meist die umfangreichste Version verfügbar. - Quanta Gente Veio Ver: Ao Vivo (Discogs)
- Video: Gilberto Gil: Quanta, Concerto de cordas & Maquinas de ritmo (Live 2012, YouTube)
- Offizielle Homepage von Gilberto Gil
- Gilberto Gil: Mysticism and Science (Google Arts & Culture)
- Foto-Galerie: Gilberto Gil at CERN (Cern Document Server)
- Gilberto Gil visita desacelerador de partículas na Suíça e toca música (CNN Brasil)
Sounds of Science
Quantenmechanik
Mesonen-Physik und César Lattes
- Philip Morrison, Physik im Jahre 1947, Physikalische Blätter 4, 480 (1948) PDF
- Nicholas Kemmer, Die Anfänge der Mesonentheorie und des verallgemeinerten Isospins, Physikalische Blätter 39, 170 (1983) PDF
Physik und Kunst
Internet und World Wide Web
- Alexander Pawlak, Start mit Crash – 50 Jahre Arpanet (Physik Journal Nachrichten, 29. Oktober 2019)
- Alexander Pawlak, Ein Physiker verlinkt die Welt – Tim Berners-Lee legt 1989 am CERN die Grundlagen für das World Wide Web (Physik Journal Nachrichten, 1. März 2019)










