23.01.2026 • EnergieGroßgeräte

Erster autonomer Betrieb eines Solarturmkraftwerks

DLR-System wertet kon­stant, schnell und zuver­lässig eine sehr große Menge an Mess­daten und kom­ple­xen Vor­gängen aus.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raum­fahrt (DLR) hat ein Konzept entwickelt, um solar­thermische Kraft­werke in Zukunft weit­gehend autonom zu betreiben. Erfolg­reich erprobt haben die For­schen­den das Konzept mit dem solaren Turm­kraft­werk des DLR in Jülich. Der auto­nome Betrieb solcher Anlagen hat das Poten­zial, sie effi­zienter, zuver­lässiger und wirt­schaft­licher zu machen. Solar­thermi­sche Kraft­werke konzen­trieren Sonnen­strahlung mit Helio­staten auf eine kleine Fläche an einem Turm und erzeugen dort Tempera­turen von bis zu 1.000 Grad Celsius. Damit wird ein Wärme­träger-Medium erhitzt. Diese Wärme lässt sich instan­tan für indus­tri­elle Pro­zesse oder zur Strom­erzeu­gung nutzen. Alter­nativ lässt sie sich speichern, um Wärme in Zeiten ohne Sonne bereit­zu­stellen.

Die DLR-Solartürme sind eine in Europa einzigartige Großforschungsanlage. DLR...
Die DLR-Solartürme und das Heliostat-Feld in Jülich sind eine in Europa einzigartige Großforschungsanlage.
Quelle: DLR (CC BY-NC-ND 3.0)

„Bisher steuert man solche Kraftwerke weitgehend manuell. Anhand von Wetter­vorher­sagen, aktueller Wetter­lage, Zustand der Anlage und benötigter Leistung wird geplant, wann man sie hoch- und runter­fährt und wie die Heliostaten ausge­richtet werden, um einen bestimmten Temperatur­bereich zu halten“, beschreibt Projekt­leiterin Inga Miadowicz vom DLR-Institut für Solar­forschung. Dabei gilt es, eine Vielzahl an Kontroll-, Kamera- und Mess­systemen ständig im Blick zu behalten. Denn nur so kann man schnell reagie­ren, wenn sich die Wetter­bedingungen ändern. Das ist wichtig, damit die Ziel­tempe­ratur für die Wärme­erzeugung konstant gehalten werden kann. Gleich­zeitig müssen die Komponenten der Anlage vor Über­hitzung bei beson­ders intensiver Sonnen­einstrahlung oder zu schnellem Abkühlen bei Bewöl­kung geschützt werden.

Für den autonomen Betrieb haben die DLR-Forschenden ein Gesamt­konzept entworfen, das vier Ebenen verbindet. Dazu zählen das solart­hermische Kraftwerk einschließ­lich aller Kompo­nenten, umfang­reiche Mess- und Kontroll­systeme in Form von Sensoren und Kameras, eine digitale Platt­form, um die große Menge an Daten zu verar­beiten, alles zu vernetzen, zu visuali­sieren und zu über­wachen und schließ­lich ein intelli­genter Agent. Dieser plant auf Grund­lage der vorlie­genden Daten den Betrieb des Kraft­werks und führt ihn selbst­ständig, schnell und zuver­lässig durch. Das Anlagen-Personal über­wacht den autonomen Betrieb nur noch und muss nicht mehr vor Ort sein. Denn grafische Ober­flächen geben Ein­blicke in die wichtigsten Prozesse und Betriebs­daten und ermög­lichen das Ein­greifen aus der Ferne.

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André Thess, Franz Trieb, Antje Wörner und Stefan Zunft • 2/2015 • Seite 33

Herausforderung Wärmespeicher

Einen wichtigen Pluspunkt des auto­nomen Betriebs sehen die Exper­tinnen und Experten des DLR in der erhöhten Effi­zienz: „Software­lösungen opti­mieren den Betrieb konti­nu­ier­lich und werten dazu umfas­sende Mess­daten aus. So kann für jede Situa­tion der jeweils beste Betriebs­zustand ange­fahren werden. Ein Mensch kommt ange­sichts der großen Daten­menge und kom­ple­xen Vor­gänge schnell an seine Gren­zen“, erklärt Miadowicz. Außer­dem erfas­sen eine Vielzahl von Mess­syste­men den Zustand aller Anlagen­teile während des Betriebs sehr detail­liert. Intel­ligente Algo­rithmen erken­nen Fehler oder poten­zielle Ausfall­risiken und regeln den Betrieb mög­lichst effi­zient und material­schonend. Das gilt nicht nur für große solar­thermi­sche Kraft­werke zur Strom­erzeu­gung, sondern auch für kleinere Anlagen, die Prozess­wärme mit hohen Tempe­ra­turen erzeu­gen. Letz­tere werden ver­mehrt von Unter­nehmen genutzt, um Wärme aus erneuer­baren Quellen verläss­lich zu erzeu­gen. Vor allem hier bieten auto­nome Systeme den Vorteil, dass sich der Personal­einsatz vor Ort mini­mieren lässt.

Damit der Kraftwerksbetrieb weitgehend autonom erfolgen kann, hat das DLR-Team zunächst die ganze Anlage digital nachge­bildet und zu einem Gesamt­system verbunden. Es bein­haltet die vielfältigen Kompo­nenten unter­schied­licher Her­steller, die komplexen Abläufe und die jeweils wetter­abhängige Umgebungs­situation. „Denn nur mit solch einem ‚digi­talen Zwil­ling‘ lassen sich die Poten­ziale des auto­mati­sier­ten Betriebs umfas­send nutzen“, sagt Miadowicz. „Gleich­zeitig war das eine der größten Heraus­forderungen im Projekt.“

Entsprechend stolz war das Team dann auch, als es im Herbst 2025 erstmals den voll­stän­dig auto­nomen Betrieb der Solar­türme in Jülich zeigen konn­te – einer in Europa einzig­artigen Groß­forschungs­einrichtung, die Anlagen im indus­tri­el­len Maßstab gut abbilden kann. Das Kraft­werk war insgesamt dreißig Stunden voll­ständig autonom bei unter­schied­lichen Wetter­beding­ungen in Betrieb. Dabei konnte das DLR-Team umfas­sende Daten sammeln, um das auto­nomen Kraft­werk­konzepts zu evalu­ieren. lm nächsten Schritt wollen die Forsche­rinnen und Forscher die Effizienz­gewinne messen, um das Potenzial ihres Konzepts besser beurteilen und ausbauen zu können. Die Methoden und Lösungs­ansätze, die das DLR für das Solar­turm­kraft­werk ent­wickelt hat, liefern zudem wertvolle Impulse, um auto­nome Steue­rungs­systeme für unter­schied­liche indus­tri­elle Anwen­dungen voran­zu­treiben. [DLR / dre]

Anbieter

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR)

Linder Höhe
51147 Köln
Deutschland

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