Forscher mit Fernweh
Vor 200 Jahren wurde der Naturwissenschaftler und Forschungsreisende Georg von Neumayer geboren.
Anne Hardy

An einem Strand in Westaustralien fand eine Spaziergängerin 2018 eine der vermutlich ältesten erhaltenen Flaschenposten der Welt. Sie stammte aus einem Experiment des Geophysikers Georg Neumayer, der rund 5000 Flaschen über Kapitäne von Handelsschiffen an exakt vermessenen Punkten ins Meer werfen ließ.
Ziel war es, Meeresströmungen zu erforschen. Das gefundene Exemplar hatte der Kapitän der „Paula“ am 12. Juni 1886 im Indischen Ozean über Bord geworfen. Wer die Flasche fand, sollte diese an eine Auslandsvertretung des Deutschen Reichs übergeben.
Georg Neumayer wurde am 21. Juni 1826 in Kirchheimbolanden als fünftes Kind eines Notars geboren. In Speyer besuchte er das Gymnasium, wo sein Lehrer Friedrich Magnus Schwerd ihn in Astronomie, Geodäsie und Physik einführte. Ab 1845 studierte er in München Geophysik und Hydrographie und hörte zusätzlich Vorlesungen an der Ludwig-Maximilians-Universität. Besonders geprägt wurde er durch Johann von Lamont, der ihn in Erdmagnetismus und Messmethoden einführte und ihn mit Gauß’ Theorie vertraut machte.
In dieser Zeit gewann das Forschungsfeld des Erdmagnetismus stark an Bedeutung, und Neumayer erkannte früh den Wert der Polarforschung, insbesondere durch die Arbeiten von James Clark Ross, der sowohl den magnetischen Nordpol erforschte als auch dem Südpol nahekam.
Während der Revolution von 1848 beteiligte sich Neumayer an studentischen Protesten in Bayern und wurde von nationalökonomischen Ideen Friedrich Lists beeinflusst, der eine starke deutsche Wirtschaft und Seemacht befürwortete. Er bewarb sich bei der deutschen Flotte, wurde jedoch abgelehnt und vorübergehend von seinem Vater nach Tirol geschickt. Zurück in München schloss er sein Studium als Ingenieur ab, arbeitete als Assistent am physikalischen Institut der LMU und an der Sternwarte Bogenhausen und promovierte 1850.
Die Gedanken Friedrich Lists und des amerikanischen Hydrographen Matthew Maury prägten seinen weiteren Weg. Maury hatte aus Schiffstagebüchern systematische Wind- und Strömungskarten erstellt und damit die Navigation erheblich verbessert. Neumayer war überzeugt, dass naturwissenschaftliche Messungen die Seefahrt weiter voranbringen könnten. Um praktische Erfahrungen zu sammeln, heuerte er als einfacher Matrose auf der Hamburger Bark „Louise“ nach Brasilien an. Trotz anfänglicher Skepsis des Kapitäns bewährte er sich. Seine Freizeit nutzte er für nautische Beobachtungen. Nach seiner Rückkehr machte er die Steuermannsprüfung und versuchte, wiederum vergeblich, bei der österreichischen Kriegsflotte anzuheuern. Stattdessen reiste er daraufhin als Matrose auf der „Reiherstieg“ nach Australien.
In Sydney desertierte die Mannschaft größtenteils in die kürzlich entdeckten Goldfelder Victorias, während Neumayer an Bord blieb. Während der Liegezeit in Port Jackson machte er erste erdmagnetische Messungen und entwickelte die Idee regelmäßiger Messungen in Australien. Nach seiner Abmusterung in Melbourne studierte er die geologischen Verhältnisse in den Goldfeldern und erkannte die Grenzen einfacher Bergbauverfahren. Gleichzeitig richtete er eine kleine Abendschule für Navigation ein, die großen Zulauf fand. Er arbeitete weiter als Seemann in der Küstenschifffahrt und besuchte das inzwischen aufgegebene Observatorium in Hobart Town, Tasmanien, das einst James Clark Ross und Joseph Henry Kay errichtet hatten.
1854 kehrte Neumayer nach Deutschland zurück, um Mittel für eine eigene Forschungsstation einzuwerben. Mit Hilfe Alexander von Humboldts, Justus Liebigs und Michael Faradays gelang es ihm, König Maximilian II. für sein Vorhaben zu gewinnen. 1856 reiste er erneut nach Australien, ausgestattet mit Instrumenten im Wert von 2000 Pfund. Die Regierung in Melbourne stimmte der Einrichtung eines Observatoriums unter der Bedingung zu, dass auch meteorologische Daten aufgezeichnet würden. Da staatliche Mittel nicht ausreichten, unterstützte die deutsche Gemeinschaft in Melbourne das Projekt mit 500 Pfund.
1858 begannen im „Flagstaff Observatory for Geophysics, Magnetism and Nautical Science“ regelmäßige magnetische und meteorologische Messungen. Neumayer übernahm später die Leitung aller staatlichen Wetterstationen in Victoria. Seine wichtigste Leistung war die nahezu allein durchgeführte magnetische Vermessung des Landes zwischen 1858 und 1864, bei der er über 17.000 Kilometer zurücklegte und 230 Messstationen errichtete. Seine Arbeit fiel in eine Zeit starken wirtschaftlichen Aufschwungs durch den Goldrausch. Er wurde in die Royal Society of Victoria aufgenommen und bekleidete dort führende Positionen. Zudem erstellte er Eisbergregister für die Schifffahrt zwischen Europa und Australien, gab Anweisungen für Segelrouten heraus und trug zur Erforschung des australischen Binnenlandes bei.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1864 stieg Neumayer rasch in zentrale wissenschaftliche Positionen auf. 1872 wurde er in das neu gegründete Hydrographische Bureau der deutschen Admiralität berufen. Den Höhepunkt seiner Karriere bildete die Leitung der Deutschen Seewarte in Hamburg, die sich unter seiner Führung zu einem zentralen Institut für maritime Forschung, Meteorologie und Verwaltung entwickelte. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Sicherheit der Schifffahrt zu erhöhen, Reisezeiten zu verkürzen und die Effizienz des Seeverkehrs zu verbessern.
Die Seewarte führte standardisierte Prüfverfahren für nautische Instrumente wie Kompasse, Sextanten und Chronometer ein und entwickelte moderne magnetische Messmethoden. Besonders im Zuge des zunehmenden Baus von Eisen-Schiffen gewann dies an Bedeutung. In der Meteorologie führte Neumayer den synoptischen Wetterdienst mit täglichen Wetterberichten ein, organisierte einen telegraphischen Wetterdienst und etablierte einen Sturmwarndienst für die deutschen Küsten. Diese Systeme gelten als Grundlage moderner Wetterdienste und bestehen in ihren Grundzügen bis heute.

1887 unterstützte Neumayer auch an die Gründung und den Ausbau der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt. Er gehörte dem Kuratorium 19 Jahre lang an.
Trotz seines umfangreichen Arbeitspensums ließ er keine Gelegenheit aus, für die Erforschung der Antarktis zu werben. Unter seinem Vorsitz wurde 1879 in Hamburg die Internationale Polarkommission gegründet, die das erste Internationale Polarjahr 1882/83 vorbereitete mit dem Ziel einer koordinierten weltweiten Forschung in den Polarregionen. Neumayer gelang es, die Beteiligung des Deutschen Reiches in letzter Minute sicherzustellen. Die deutschen Stationen entstanden in der Arktis (Kingua Fjord, Baffinland) und in Südgeorgien. Über ein Jahr sammelten sie umfangreiche magnetische, meteorologische und astronomische Daten.
1901 wurde schließlich Neumayers Vision einer deutschen Antarktisexpedition Wirklichkeit: Mit dem Forschungsschiff „Gauß“ brach eine von Erich von Drygalski geleitete Expedition in die Antarktis auf. Trotz wissenschaftlicher Erfolge führte die Expedition nicht zu den politisch erhofften spektakulären Ergebnissen, sodass die deutsche Südpolarforschung vorerst an Bedeutung verlor.
Neumayer blieb zeitlebens unverheiratet und verbrachte seinen Ruhestand bei seiner verwitweten Schwester in Neustadt an der Haardt. Dort starb er am 24. Mai 1909 kurz vor seinem 83. Geburtstag. Für seine Verdienste erhielt er 1900 einen persönlichen Adelstitel.
Heute trägt unter anderem die deutsche Antarktisforschungsstation seinen Namen. Die erste wurde 1981 errichtet und 1992 durch ihren Nachfolger ersetzt. Die Aufgabe beider Stationen erfolgte planmäßig, da sie sich durch den stetig wachsenden Druck der Schneemassen zu stark verformten. Anfang 2009 wurde die Neumayer-Station III fertig gestellt. Sie befindet sich am nördlichen Rand der Antarktis, rund 2000 Kilometer vom Südpol entfernt, und steht auf einer Stelzenkonstruktion, die einen längeren Betrieb bis 2035 garantieren soll.
Das Landesbibliothekszentrum (LBZ) in Speyer widmet Georg von Neumayer anlässlich seines 200. Geburtstags eine Ausstellung unter dem Titel Georg von Neumayer zum 200. Geburtstag: Seine Werke und seine Netzwerke“. Sie bis zum 29. August in der Pfälzischen Landesbibliothek zu sehen.
Weitere Informationen
- Walter Kertz, Georg von Neumayer und die Polarforschung. In: Polarforschung 53, Nr. 1, 1983, S. 91 PDF
- Claus Priesner, Neumayer, Georg Balthasar von, in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 166
- R. A. Swan, Neumayer, Georg Balthasar von (1826–1909), Australian Dictionary of Biography, National Centre of Biography, Australian National University (1974)
- Annalen Der Hydrographie und Maritimen Meteorologie: Zum Hundertsten Geburtstage Des Gründers Der Deutschen Seewarte Georg von Neumayer [Neumayer-Heft] (1926)
Weitere Beiträge
AP










