02.10.2026

Der Thermoelektriker

Vor 200 Jahren wurde der Physiker Gustav Heinrich Wiedemann geboren.

Anne Hardy

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An einem Winterabend des Jahres 1847 verlassen zwei junge Männer das Haus des Physikers Gustav Magnus am Berliner Kupfergraben, eifrig diskutierend: Der 21-jährige Student Gustav Heinrich Wiedemann und sein neuer Freund, der vier Jahre ältere Hermann Helmholtz. Sie gehören zu dem Kreis begabter Physiker, die Gustav Magnus um sich versammelt, um neue physikalische und chemische Arbeiten zu besprechen.

Wiedemann, geboren am 2. Oktober 1826 in Berlin, verlor seine Eltern bereits im Kindesalter. Er wuchs zeitweise bei den Großeltern auf. Während seiner Gymnasialzeit am Köllnischen Realgymnasium in Berlin förderten engagierte Lehrer seine naturwissenschaftliche Begabung. Auch sein Onkel, der Mechaniker Gruel, half ihm. Gruel war „unter den jungen Physikern Berlins bekannt als ein Mann von sinnreichen Einfällen, der gern gefällig und bereit war, jungen Leuten von geringen Mitteln zu billigen und doch brauchbaren Instrumenten zu verhelfen“, wie Helmholtz sich erinnert.

1845, im Gründungsjahr der Berliner Physikalischen Gesellschaft, begann Wiedemann sein Studium der Chemie, Mathematik und Physik an der Universität zu Berlin. Er gehörte zu den Mitgliedern des Gründungsjahres. Mit Helmholtz traf er sich ab 1847, um mathematische Physik im Selbststudium zu lernen, da diese noch nicht zum Curriculum gehörte.

Besonderen Einfluss hatten auf ihn der Chemieprofessor Eilhard Mitscherlich, der Mathematiker Lejeune Dirichlet und Gustav Magnus. In dessen Privatlabor experimentierte er später für seine Dissertation, die er 1847 abschloss. (Staatliche Labore gab es zu dieser Zeit in Berlin noch nicht.) Vier Jahre später habilitierte er sich mit einer Arbeit „über elektromagnetische Drehung der Polarisationsebene des Lichts“. In diesem Jahr heiratete er auch Clara Mitscherlich, die Tochter seines Chemie-Professors. Das Paar hatte drei Kinder.

Wiedemann unterrichtete bis 1854 als Privatdozent an der Universität zu Berlin. In dieser Zeit begann er, zuerst mit Rudolph Franz, eine Untersuchung zur Beziehung zwischen Wärmeleitung und elektrischer Leitfähigkeit. Sie führte zu der Erkenntnis, dass diese in reinen Metallen proportional zueinander sind (Wiedemann-Franz-Gesetz). Die Messwerte für die Leitfähigkeiten waren die präzisesten seiner Zeit. Wiedemann hatte für dieses Phänomen vergebens eine Erklärung gesucht. Diese wurde erst mit der Elektronentheorie der Metalle möglich.

1854 erhielt er seine erste (ordentliche) Physik-Professur an der Universität Basel. Dort pflegte er einen engen Austausch mit dem Physiko-Chemiker Christian Friedrich Schönbein. Das Ehepaar Wiedemann nahm außerdem regen Anteil am geistigen Leben der Stadt. In ihrem gastfreundlichen Haus empfingen sie nicht nur zahlreiche Wissenschaftler, sondern auch Beamte, Kaufleute, Industrielle und Künstler. Dabei kamen Gustav Wiedemann seine zahlreichen Interessen für literarische und künstlerische Fragen zugute, die er auf Reisen und durch Lektüre in den Abendstunden vertiefte.

Die experimentellen Möglichkeiten in Basel waren begrenzt. Das eine Labor war mit 15 Quadratmetern sehr beengt und das andere konnte nicht geheizt werden. Zudem hatte das gesamte chemische und physikalische Institut nur einen „Diener“, der zugleich Buchbinder und Hausmeister war. Wiedemann gelang dennoch 1858 eine weitere Entdeckung: Ein mit Strom durchflossener Magnet erfährt eine mechanische Torsion (Wiedemann-Effekt).

Mit seinem Wechsel an die „Polytechnische Schule“ Braunschweig, die 1863 gerade eine neue Ausrichtung auf die naturwissenschaftlich-technischen Fächer erhalten hatte, hoffte Wiedemann auf bessere experimentelle Bedingungen. Auch wollte er, dass seine Kinder in Deutschland aufwuchsen. Bereits drei Jahre später (1866) wechselte er an das Polytechnikum in Karlsruhe. Dort fand er zum ersten Mal in seiner Laufbahn gute Bedingungen zum Experimentieren vor. Im Auftrag der Regierung richtete er während seiner Karlsruher Zeit auch die meteorologischen Stationen Badens ein.

1871 zog die Familie nach Leipzig um, dieses Mal, um zu bleiben. Was Wiedemann an diesem Angebot gelockt haben mag: Leipzig bot ihm das erste Ordinariat für Physikalische Chemie im Deutschen Reich an. Dieses vertrat er über 18 Jahre, um 1887 noch einmal auf das frei gewordene Ordinariat für Experimentalphysik zu wechseln. Sein Nachfolger in der Physikalischen Chemie wurde Wilhelm Ostwald, der die berühmte Leipziger Schule der Physikalischen Chemie begründete. Mit Ostwald und seinen Schülern – darunter Svante Arrhenius und Walther Nernst – entwickelte sich die Physikalische Chemie erst zu einem eigenständigen Fach.

Pioniere des Elektromagnetismus

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Wiedemann engagierte sich neben seiner Tätigkeit in Forschung und Lehre nach dem Tod von J. C. Poggendorf ab 1877 als Herausgeber der „Annalen der Physik und Chemie“ – zu seiner Zeit die einzige größere deutsche physikalische Zeitschrift. Diese Aufgabe behielt er bis zu seinem Lebensende, unterstützt von seinem lebenslangen Freund Helmholtz und von Max Planck, die für die Begutachtung mathematisch-physikalischer Arbeiten zuständig waren. Sein ältester Sohn Eilhard, der ebenfalls Physiker war, übernahm die Redaktion der Beiblätter.
Auch Clara Wiedemann und Anna von Helmholtz waren am publizistischen Werk ihrer Ehemänner beteiligt: Sie übersetzten die populärwissenschaftlichen Werke des englischen Physikers John Tyndall.

Als einer der größten Verdienste Gustav Wiedemanns gilt sein vierbändiges Werk „Die Lehre von der Electrizität“, das in vier Auflagen erschien. Begonnen hatte er mit dem Zusammentragen des zeitgenössischen Wissens bereits in seiner Baseler Zeit. 1861 erschien „Die Lehre vom Galvanismus und Elektromagnetismus nebst technischen Anwendungen“ in zwei Bänden. Diese erweiterte er in seiner Leipziger Zeit zu einem umfassenden Kompendium. „Durch dieses sein eigentliches Lebenswerk, gleich hervorragend durch Vollständigkeit und Zuverlässigkeit, hat er dem Forscher in dem grossen, fast unübersehbaren Gebiete ein unentbehrliches Hilfsmittel geliefert und einen mächtigen Einfluss auf die Entwicklung der Wissenschaft ausgeübt“, so Friedrich Kohlrausch in seinem Nachruf auf Wiedemann.

Wiedemann war 61 Jahre alt, als er sich mit dem Wechsel der Professur wieder verstärkt der Experimentalphysik zuwandte. Längere Zeit war er mit der Verbesserung des großen Induktionsapparats beschäftigt, den Wilhelm Weber bei seinem Wechsel nach Göttingen hinterlassen hatte. 1891 gelang es Wiedemann, Webers Plan zu realisieren, nämlich den absoluten elektrischen Widerstand von Quecksilber zu messen. Dazu bestimmte er, welche Länge einer Quecksilbersäule mit einem Querschnitt von 1 mm² dem Widerstand von einem Ohm entspricht. 1893 wurde diese Messung zur Grundlage für die international verbindliche Definition des Ohms als Maßeinheit des Widerstands.

Die Persönlichkeit Wiedemanns beschreibt sein Biograf Rudolf Reiger: „Rascher Ueberblick über die einzelnen Forschungen und zusammenhängende Gebiete, großes Gedächtniß, große Arbeitskraft und Eintheilung und Anwendung der Zeit waren ihm eigen. Er erledigte alles schnell. Trotz seiner sehr entgegenkommenden Natur, vertrat er, wenn es, z. B. bei Internationalen Congressen, darauf ankam, energisch die als richtig erkannte Meinung. Dabei unterstützte ihn eine große Sprachgewandtheit.“

Gustav Heinrich Wiedemann starb am 23. März 1899 im Alter von 72 Jahren in Leipzig.

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