Schreiben und schreiben lassen

Eine bundesweite Befragung untersucht, wie Studierende KI beim akademischen Schreiben nutzen.

Alexander Pawlak

Die Nutzung der Künstlichen Intelligenz ist im Studium angekommen, das zeigt die zweite Erhebung des Schreibzentrums der Goethe-Universität Frankfurt seit 2023. Demnach setzen 89 Prozent der Teilnehmenden KI zum akademischen Schreiben ein. Die Umfrage wurde allen Schreibzentren deutscher Hochschulen zur Verteilung an Studierende gesendet und erfasst, inwiefern Studierende beim KI-unterstützten Schreiben ausreichend Eigenleistung einbringen und wo Handlungsbedarf seitens der Hochschulen besteht.

Teilgenommen haben insgesamt 4048 Studierende. Die Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, aber die Autor:innen der Erhebung betonen, dass die Befragten in ausreichendem Maße auf Fachcluster, angestrebten Abschluss und Studiengang verteilt seien, um die Ergebnisse auf die Grundgesamtheit übertragen zu können.

So verteilen sich die Befragten relativ gleichmäßig auf die drei Fachcluster Sozialwissenschaften (45,1 %), Geisteswissenschaften (37,4 %) und Naturwissenschaften (34,5 %), wobei es beispielsweise durch Zwei-Fach-Bachelor, Lehramtsstudiengänge oder Studierende im Doppelstudium zu Mehrfachnennungen kommen konnte.

Die Studie versucht, die verschiedenen Arten zu untersuchen, mit der Studierende KI beim akademischen Schreiben einsetzen, und unterscheidet drei Arten der KI-Nutzung:

  • Als „Ghost(-Writer bzw. -Reader)“: Studierende übertragen Aufgaben stark an die KI. Schreiben dient dann kaum als Lernmöglichkeit.
  • Als „Partner“: Dabei wird KI im Bewusstsein ihrer Fehleranfälligkeit zum Ideenaustausch und gemeinsamen Schreiben eingesetzt.
  • „Tutor“: Die KI gibt vor allem methodische Tipps, etwa zu Schreib- und Lesestrategien. Die Studierenden entscheiden aber, ob sie diese umsetzen, und erstellen selbst die Inhalte.

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass diese drei Rollen der KI bei allen Schritten des akademischen Schreibens vertreten sind. Die Ghost- und Partner-Rolle überwiegen im Vergleich zur Nutzung als Tutor.

56 Prozent der Befragten nutzen KI beim thematischen Einstieg, wobei die Ghost-Rolle dominiert: 37 Prozent lassen sich einen Themenüberblick ausgeben, den nur 23 Prozent durch den Blick in die Forschung prüfen. 

Beim Auswerten von Forschungstexten, wofür 33 Prozent der Befragten KI einsetzen, fungiert diese wieder leicht bevorzugt bei 19 Prozent als Ghost, wenn Studierende KI-Zusammenfassungen statt der Originaltexte lesen. 16 Prozent der Umfrageteilnehmenden tauschen sich nach Lesen des Originaltexts mit KI als Partnerin darüber aus.

KI und Studium

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Lehrreiche Künstliche Intelligenz

Auch beim Schreiben nutzen 33 Prozent der Befragten KI. Dabei überwiegt aber leicht die Partnerrolle. In diesem Fall prüfen die Studierenden die KI-Texte kritisch und überarbeiten sie grundlegend. Doch auch die Ghost-Rolle ist vertreten: Zwar geben nur fünf Prozent der Befragten an, komplette Texte von KI schreiben zu lassen, doch 15 Prozent lassen sich immerhin Textteile generieren und 18 Prozent eigene Notizen in Fließtext umwandeln.

Die verbreitete Befürchtung, dass ein Großteil der Studierenden nicht mehr selbst schreibt, bestätigt die Befragung nicht. Sie zeigt, dass Studierende, die sich in ihrem Selbstverständnis als Schreibende für ihre akademischen Texte verantwortlich fühlen und sie in eigenen Worten verfassen möchten, KI grundsätzlich weniger nutzen, insbesondere in der Ghost-Rolle. 

Selbsteinschätzung und KI-Nutzungsverhalten der befragten Studierenden stehen jedoch nicht immer im Einklang. „Mich hat überrascht, wie kritisch Studierende KI und die Auswirkungen der eigenen KI-Nutzung einschätzen. Für mich liegt hier ein Widerspruch zur intensiven KI-Nutzung und insbesondere zur Verbreitung der Ghost-Rolle, den ich mir nur durch äußere Zwänge erklären kann“, sagt Nora Hoffmann, Leiterin des Schreibzentrums der Uni Frankfurt und Mitautorin der Studie.

Diese biete umfangreiche Detail-Analysen, nicht zuletzt um einen problematischen Umgang mit KI-Anwendungen zu identifizieren. Dies betrifft etwa die dominierende Ghost-Nutzung beim Lesen von Forschungsliteratur. Diese gelte es einzudämmen, während es beispielsweise ratsam sei, die noch selten genutzte Möglichkeiten der KI als Tutor bekannter zu machen.

Um hier anzusetzen, sollte Schreiben an Hochschulen nicht nur als Prüfungsleistung gelten, sondern mehr als Weg zum Denken und Lernen in den Vordergrund rücken. Dies stärker in die Lehre zu integrieren könnte das Verantwortungsbewusstsein für eigene Texte und eine Wertschätzung des Schreibens stärken. Zentrales Ziel von Hochschulbildung bleibe weiterhin, dazu beizutragen, dass Studierende – mit und ohne KI – schreibend und lesend kritisches Denken einüben.

Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der Frankfurter Umfrageergebnisse hat sich Papst Leo XIV. in seiner aktuellen Enzyklika Magnificat Humanitas dem Thema Künstliche Intelligenz gewidmet. Er setzt diese besonders in Bezug zur katholischen Soziallehre und hat noch weitreichendere Auswirkungen der KI im Blick, doch finden sich auch Passagen, die sich mühelos auf die Fragen der studentischen KI-Nutzung anwenden lassen:

„Die Schnelligkeit und Einfachheit, mit der es möglich ist, Informationen, komplexe Analysen, Medieninhalte und konkrete Hilfestellungen zu erhalten, vereinfachen unser Leben. Sie können uns aber auch daran gewöhnen, zu viel zu delegieren und nach vorgefertigten Antworten zu suchen. Damit schwächen sie das persönliche Urteilsvermögen und die Kreativität.“

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