27.03.2023

Überraschendes Quantenmaterial

Ferromagnetischer topologischer Isolator entsteht durch Fehlordnung.

Magnetische topologische Isolatoren gelten als Hoffnungsträger einer Material­revolution, denn die exotische Werkstoffklasse leitet Elektronen ganz ohne Widerstand. Mit dem Design des ferro­magnetischen topologischen Isolators MnBi6Te10 aus der Mangan-Bismut-Tellurid-Familie ist es einem Team des Exzellenzclusters ct.qmat der Universitäten Würzburg und Dresden jetzt gelungen, einen Meilenstein auf dem Weg zu energie­effizienten Quantentechnologien zu setzen. Das Verblüffende an diesem Quanten­­material: Sein Ferro­magnetismus entsteht erst, wenn manche Atome ihre Plätze tauschen und so Fehlordnung ins System bringen.

 

Abb.: Überraschung in der Quantenwelt: Durch Fehl­ordnung zum...
Abb.: Überraschung in der Quantenwelt: Durch Fehl­ordnung zum ferro­magnetischen topologischen Isolator (Bild: J. Bandmann / ct.qmat)

Schon 2019 gelang einem internationalen Forschungsteam rund um die Material­chemikerin Anna Isaeva – damals Juniorprofessorin am Würzburg-Dresdner Exzellenz­cluster ct.qmat – mit der Herstellung des ersten antiferromagnetischen topologischen Isolators Mangan-Bismut-Tellurid (MnBi2Te4) eine kleine Sensation. Denn dieser Wunder­werkstoff braucht kein starkes äußeres Magnetfeld mehr – er bringt sein eigenes inneres Magnetfeld mit. Dies bietet die Chance für neuartige elektronische Bauelemente, die Informationen magnetisch kodieren und auf der Oberfläche widerstandsfrei transportieren. Somit könnte Informations­technologie künftig beispielsweise nachhaltiger und energiesparender werden. Weltweit analysieren Forscher seither unterschiedliche Facetten dieses vielversprechenden Quanten­materials.

Basierend auf MnBi2Te4 hat ein Team des Exzellenz­clusters ct.qmat nun einen topologischen Isolator mit ferromagnetischer Ordnung gezielt maßgeschneidert: MnBi6Te10. Ferromagnetisch bedeutet: Alle magnetischen Momente der einzelnen Mangan-Atome zeigen in die gleiche Richtung. Im Unterschied zum antiferro­magnetischen Vorgänger MnBi2Te4, bei dem nur die magnetischen Momente innerhalb einer einzelnen Material­schicht in die gleiche Richtung zeigen. Der kleine Unterschied in der Zusammen­setzung des Kristalls aus einzelnen chemischen Elementen bewirkt tatsächlich Großes, denn der ferromagnetische topologische Isolator MnBi6Te10 hat ein robustes und stärkeres eigenes Magnetfeld als sein antiferromagnetischer Vorgänger. „Wir konnten das Quanten­material MnBi6Te10 so herstellen, dass es bereits bei 12 Kelvin ferromagnetisch wird. Auch wenn diese -261 Grad Celsius für Bauelemente nach wie vor zu niedrig sind, ist das der erste Schritt auf einem noch langen Weg“, erklärt der Würzburger Professor Vladimir Hinkov, dessen Forschungsgruppe den Ferromagnetismus mit Messungen auf der Materialoberfläche nachgewiesen hat – dort, wo der magnetische topologische Isolator Strom verlustfrei leitet, während er im Innern isoliert.

Das ct.qmat-Forschungsteam war nicht das einzige, das im Labor an einem ferromagnetischen topologischen Isolator gearbeitet hat: „Nach dem großen Erfolg von MnBi2Te4 wurde weltweit sofort nach weiteren Kandidaten für magnetische topologische Isolatoren gesucht. 2019 haben dann insgesamt vier Gruppen MnBi6Te10 als neuen Hoffnungsträger synthetisiert – allerdings war der Wunder­werkstoff nur bei uns ferromagnetisch“, sagt Isaeva, heute Professorin für Experimentelle Physik an der Universität Amsterdam.

In nahezu detektivischer Arbeit haben die Dresdner Materialchemiker um Isaeva herausgefunden, wie sich ein solches kristallines Material fertigen lässt, und dabei eine verblüffende Entdeckung gemacht: Manche Atome müssen aus ihrer eigentlichen Atomschicht umpositioniert werden, ihre ideale Anordnung im Kristall also verlassen. „Durch die Verteilung von Mangan-Atomen in alle Kristallschichten werden die umliegenden Mangan-Atome angeregt, ihr magnetisches Moment in die gleiche Richtung zu drehen – die magnetische Ordnung ist ansteckend“, so Isaeva. „Atomare Fehlordnung, wie sie in unserem Kristall herrscht, gilt in der Chemie und Physik meist als störend. Geordnete Atomstrukturen können einfacher berechnet und besser verstanden werden, führen aber nicht immer zu einem Ergebnis“, ergänzt Hinkov. „Für uns ist gerade diese Fehlordnung der entscheidende Mechanismus, damit MnBi6Te10 ferromagnetisch wird“, betont Isaeva.

An der Forschungsleistung waren Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) Dresden, der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg und des Leibniz-Instituts für Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW) Dresden beteiligt. Die Kristalle wurden von Materialchemikern rund um Isaeva (TU Dresden) hergestellt. Anschließend wurde der Ferromagnetismus im Volumen der Proben am IFW Dresden nachgewiesen. Hier entwickelte Jorge I. Facio zudem eine umfassende Theorie, die den Ferromagnetismus des fehlgeordneten MnBi6Te10 sowie ebenso die antiferro­magnetischen Konkurrenten erklärt. Die entscheidenden Oberflächen­messungen verantwortete das Team um Hinkov von der JMU Würzburg.

Aktuell arbeiten die Wissenschaftler daran, dass der Ferromagnetismus bei deutlich höheren Temperaturen entsteht. Erste Ergebnisse gibt es bereits für rund 70 Kelvin. Zugleich müssen die ultratiefen Temperaturen erhöht werden, bei denen sich die exotischen Quanteneffekte zeigen, denn die verlustfreie Stromleitung setzt erst bei ein bis zwei Kelvin ein.

U. Würzburg / ct.qmat / DE

 

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