15.06.2022

Verschieben leicht gemacht mit Rotation

Zustand ultraniedriger Haftreibung bei Drehung mikroskopischer Objekte auf kristallinen Oberflächen nachgewiesen.

Beim Möbelrücken fällt es auf, dass sich schwere Gegenstände leichter verschieben lassen, wenn sie beim Anschieben gleichzeitig gedreht werden. Viele Menschen machen dies intuitiv richtig. Ein inter­nationales Forschungs­team aus Konstanz, Triest und Mailand (Italien) hat dieses Phänomen – die Verringerung der Haft­reibung durch gleichzeitige Drehung – nun auf mikroskopischer Ebene untersucht.

 

Abb.: Schematische Darstellung der Entwicklung von Moiré-Mustern unter dem...
Abb.: Schematische Darstellung der Entwicklung von Moiré-Mustern unter dem Einfluss äußerer Kräfte und Dreh­momente für einen kreis­förmigen Cluster in Wechsel­wirkung mit einer periodisch strukturierten Oberfläche. (Bild: A. Silva, X. Cao

In ihrer aktuellen Studie fanden die Forscher heraus, dass die Verringerung der Haftreibung eines mikroskopisch kleinen Objekts auf einer kristallinen Oberfläche durch Moiré-Muster beschrieben werden kann. Diese treten auf, wenn sich periodische Muster überlagern. Basierend auf diesem Konzept sagen die Forscher einen ungewöhnlichen Zustand vorher, in dem mikroskopische Objekte unter Aufwendung eines minimalen Drehmoments in Rotation versetzt werden können. Dies könnte zukünftig die Konstruktion von Mikromaschinen mit ultraniedriger Haftreibung gegen Rotation ermöglichen.

Um einen Gegenstand in Bewegung zu setzen, muss er angeschoben werden, damit seine Haftreibung mit der darunterliegenden Oberfläche überwunden wird. Das gilt auch dann, wenn die sich berührenden Oberflächen sehr glatt sind. Die tägliche Erfahrung lehrt uns, dass die Haftreibung deutlich geringer ist, wenn der Gegenstand nicht nur geschoben, sondern gleichzeitig gedreht wird. Obwohl sich Gelehrte, wie Leonardo da Vinci, bereits vor mehr als 500 Jahren mit Reibungs­phänomenen beschäftigten, ist die Beziehung zwischen Haftreibungskräften und Drehmomenten auch heute nicht vollständig geklärt. Das ist umso erstaunlicher, da die gut erforschte Reibung bei geradlinig fort­schreitenden Bewegungen eines Körpers (Translations­reibung) und Rotations­bewegungen eines Körpers (Rotations­reibung) auf die gleiche Wechselwirkung zwischen einem Objekt und der darunter­liegenden Oberfläche zurückzuführen sind.

Noch ein Stück rätselhafter ist die komplexe Beziehung zwischen statischer Translations- und Rotations­reibung auf mikroskopischen Skalen, wo flache Kontakte nur einige hundert bis einige tausend Atome umfassen. „Derartige Mikrokontakte sind beispielsweise in winzigen mechanischen Bauelementen vorhanden – den mikro-elektro­mechanischen Systemen (MEMS) – deren Verhalten von Reibungseffekten dominiert wird“, sagt Clemens Bechinger, Studienleiter und Professor für Experimentalphysik an der Universität Konstanz. Die Rotationsreibung und ihr Zusammenspiel mit der Translations­reibung bei solch kleinen Kontakten ist noch weitestgehend unerforscht, da es technisch sehr anspruchsvoll ist, gut kontrollierte Drehmomente auf mikroskopisch kleine, rotierende Objekte anzuwenden.

In ihrer aktuellen Studie, die experimentelle und theoretische Ansätze vereint, haben die Forscher aus Konstanz, Triest und Mailand nun diese technische Hürde überwunden und die Rotationsreibung sowie ihr Zusammenspiel mit der Translations­reibung bei mikroskopisch kleinen Kontaktflächen im Detail untersucht. „Wir haben für unsere Experimente kristalline Cluster aus mikrometer­großen, magnetischen Kügelchen erzeugt und dann mit einer strukturierten Oberfläche mit sich regelmäßig wiederholenden Vertiefungen in Kontakt gebracht“, beschreibt Xin Cao, einer der Hauptautoren der Studie und Humboldt-Stipendiat in der Arbeitsgruppe von Clemens Bechinger, den Ausgangspunkt der Experimente. Er führt fort: „Diese Anordnung ahmt die Kontaktfläche zwischen zwei auf atomarer Ebene flachen Oberflächen nach.“

Die zweidimensionalen Cluster, deren Kontakt zur Oberfläche aus jeweils zehn bis 1000 kugelförmigen Partikeln bestand, wurden dann mithilfe eines hoch­kontrollierbaren, rotierenden Magnetfeldes in eine Drehbewegung versetzt. Das minimale Drehmoment, das erforderlich ist, um einen Cluster in Rotation zu versetzen, entspricht dabei der statischen Rotationsreibung, vergleichbar zur statischen Translationsreibung, welche die minimale Kraft zur Erzielung einer geradlinigen Bewegung des Clusters charakterisiert.

Bei ihren Untersuchungen stellten die Forscher fest, dass das Zusammenspiel von Rotations- und Translations­reibung durch die Eigenschaften von Moiré-Mustern verstanden werden kann. Diese entstehen, wenn sich zwei oder mehr periodische Strukturen überlagern. „Einen optischen Moiré-Effekt kann man zum Beispiel bei feinmaschigen Gardinen beobachten, wenn diese Falten werfen und sich einzelne Lagen der Gardine aufeinanderlegen“, erklärt Andrea Silva, zweiter Hauptautor der Studie und Physiker an der International School for Advanced Studies (SISSA) in Triest. „Die entstehenden Muster reagieren äußerst empfindlich auf kleinste Relativ­bewegungen und weisen übergeordnete geometrische Strukturen auf, die in den sich überlagernden Strukturen selbst nicht vorhanden sind.

Zu den Experimenten zurückkehrend verbildlicht Andrea Silva: „Sie können sich den Kontakt zwischen dem Cluster aus magnetischen Partikeln und dem Untergrund in Bereichen, in denen sich die Regelmäßigkeit in der Struktur des Clusters und die in der Struktur der darunterliegenden Fläche überlappen, in etwa wie Eier vorstellen, die in einem Eierkarton liegen.“ Ohne die Anwendung äußerer Kräfte oder Drehmomente ist dieser strukturelle Überlappungs­bereich maximal, was bedeutet, dass sich eine Vielzahl an Partikeln des Clusters in die Vertiefungen der in Kontakt stehenden Oberfläche einpasst. Dies führt zu einer starken Haftreibung.

Wird der Cluster mit einer Kraft in eine bestimmte Richtung angestoßen, verschiebt sich der Überlappungsbereich zum Rand der Kontaktfläche und wird kleiner. Eine hohe Anzahl an Partikeln verbleibt jedoch in den Versenkungen des Substrats, sodass eine vergleichsweise große Kraft notwendig ist, um den Widerstand des Clusters gegen die Bewegung zu überwinden und den Cluster vom Substrat abzulösen. Wird der Cluster dagegen mit einem Drehmoment verdreht, kommt es zu einer symmetrischen Schrumpfung des Überlappungsbereichs. „Das macht es deutlich einfacher, den Cluster anzuschieben und in Bewegung zu versetzen, da der strukturelle Überlappungsbereich durch das aufgebrachte Drehmoment bereits deutlich verkleinert wurde“, erklärt Xin Cao den reduzierenden Effekt des gleichzeitigen Verdrehens und Schiebens auf die Haftreibung.

Basierend auf den Eigenschaften der beobachteten Moiré-Muster konnten die Physiker nicht nur erklären, warum eine zusätzliche Rotation das Verschieben mikroskopischer Objekte erleichtert, sondern sie konnten zusätzlich Vorhersagen über die Abhängigkeit der Haftreibung gegen Rotationen von der Clustergröße machen: Sobald letztere einen bestimmten Schwellenwert überschreitet, nimmt die Haftreibung gegen Rotationen stark ab, was bei sehr großen Clustern zu einer ultraniedrigen Haftreibung führt. „Solch ein reibungsarmer Zustand ist zum Beispiel für die Herstellung und Funktionsweise kleinster mechanischer Bauelemente – von der atomaren bis zur Mikroskala – von hoher Relevanz und bringt uns der Realisierung kleinerer und effizienterer Maschinen näher“, schließt Clemens Bechinger.

U. Konstanz / DE

 

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