27.10.2016

Wärmebilder auf der Nanoskala

Supraleitender Temperaturfühler eröffnet neue Ein­blicke in die Quanten­dissi­pation.

Forscher um Eli Zeldov vom Weizmann Institute in Israel haben ein Verfahren entwickelt, mit dem man die Wärme, die in strom­durch­flossenen Nano­struk­turen entsteht, mit sehr großer Empfind­lich­keit und hoher Orts­auf­lösung sicht­bar machen kann. Damit lässt sich erkennen, wo die Elek­tronen­energie in Gitter­schwin­gungen und damit in Wärme umge­wandelt wird. Der neue Tempe­ratur­sensor besteht aus einem supra­leitenden Bau­element, einem Super­con­ducting Quantum Inter­ference Device, kurz SQUID, das auf der scharfen Spitze einer gezo­genen Glas­pipette sitzt. Das SQUID hat einen Durch­messer von 46 Nano­metern und enthält Josephson-Kontakte, bestehend aus zwei Blei­schichten, die durch einen winzigen Zwischen­raum vonein­ander getrennt sind.

Abb.: Wärmebild einer stromdurchflossenen Kohlen­stoff­nano­röhre. Die konzen­trischen Kreise gehen auf Reso­nanzen von quanten­punkt­artigen Stör­stellen zurück. (Bild: D. Halber­tal et al. / NPG)

Für Temperaturen unterhalb von 7,2 Kelvin, wenn das Blei supra­leitend geworden ist, kann man mit dem SQUID nicht nur Magnet­felder sehr empfind­lich messen sondern auch Tempe­ra­turen. Dabei nutzt man aus, dass die kritische Strom­stärke, bei der das tief­ge­kühlte Blei seine Supra­leit­fähig­keit verliert, empfind­lich von der Tempe­ratur abhängt.

Indem die Forscher das SQUID in einem Abstand von 35 bis 150 Nano­metern über eine Ober­fläche aus Silizium­oxid führten, die auf eine Tempe­ratur von 4,2 bis 7,2 Kelvin gekühlt und mit Helium begast wurde, konnten sie eine Tempe­ratur­karte dieser Ober­fläche auf­nehmen. Anhand des Helium­gas­drucks von einigen Milli­bar ließ sich regu­lieren, wie gut die Wärme von der Ober­fläche zum SQUID trans­por­tiert wurde. Befand sich auf der Ober­fläche eine strom­durch­flossene Nano­struktur, so zeigte die aufge­nommene Tempe­ratur­karte, wo in dieser Struktur die Wärme erzeugt wurde.

So waren auf dem Wärmebild einer Kohlenstoffnanoröhre, durch die ein elek­trischer Strom von einigen Nano­ampere floss, mehrere von konzen­trischen Kreisen umge­bene Stellen zu erkennen, die deut­lich wärmer waren als ihre Umge­bung. Die Forscher führen dies auf Stör­stellen in der Nano­röhre zurück, die sich wie Quanten­punkte ver­halten. In ihnen wird die Energie der Leitungs­elek­tronen bevor­zugt in Wärme umge­wandelt, wobei je nach der Posi­tion des SQUID unter­schied­liche Reso­nanzen auf­treten können. Bei einer anderen Röhre, die eine Schlaufe bildete, blieb diese im Wärme­bild dunkel: Offen­bar floss in der Schlaufe kein Strom, weil dort, wo sich die Röhre selbst berührte, ein Kurz­schluss auftrat.

Abb.: Wärmebild einer strom­durch­flos­senen Struk­tur aus Graphen. Die Wärme ent­steht durch Reso­nanz­zu­stände am Rand der Graphen­schicht. (D. Halber­tal et al. / NPG)

Ein anderes Beispiel ist das Wärmebild einer mehrere Mikro­meter großen Struktur aus Graphen. Sie hatte die Form einer Kreis­scheibe mit konzen­trischem Loch und besaß am Rand Anschlüsse für den elek­trischen Strom. Diesmal traten die heißen Stellen, an denen Dissi­pation statt­fand, an den Rändern der Graphen­schicht auf. Jede dieser neben­ein­ander liegenden Wärme­quellen war von einem einzelnen Ring erhöhter Tempe­ratur umgeben, sodass das Ganze wie eine Perlen­kette aussah. Für die heißen Stellen machen die Forscher Reso­nanz­zustände verant­wort­lich, die am Rand der Graphen­schicht lokali­siert waren. Da hier nur einzelne Reso­nanzen auf­traten, zeigte das Wärme­bild auch nur einzelne Ringe.

Wie schneidet der neue Temperaturfühler, den die Forscher Thermo­meter SQUID-on-Tip, kurz tSOT, nennen, im Vergleich mit gängigen ther­mischen Abbil­dungs­ver­fahren ab? In Hinblick auf räum­liche Auf­lösung sind ihm zwar Scanning Near­field Optical Micro­scope und mit Thermo­element ausge­rüstete Raster­kraft­mikro­skope über­legen. Doch was die Empfind­lich­keit anbe­langt, ist tSOT einsame Spitze, da es hier alle anderen Ver­fahren um mindes­tens vier Größen­ord­nungen über­trifft. Es könnte problem­los eine Wärme­leistung von vierzig Femto­watt regis­trieren, die nach Landauers Formel ent­steht, wenn ein Qubit bei 4,2 Kelvin mit einer Frequenz von einem Giga­hertz über­schrieben wird. Die in der Halb­leiter­elek­tronik bei logischen Opera­tionen frei­werdende Wärme ist Millionen­mal größer.

Der Temperaturbereich zwischen 4,2 und 7,2 Kelvin, in dem tSOT bisher betrieben werden kann, ließe sich nach oben und nach unten aus­dehnen, indem man für das SQUID einen Supra­leiter mit höherer Sprung­tempe­ratur verwendet bezie­hungs­weise für den Wärme­trans­port Helium-3 statt Helium-4 benutzt. Bertrand Halperin von der Harvard Univer­sity, der nicht an der Ent­wicklung von tSOT betei­ligt war, meinte, dass die neue Technik auf­regende Möglich­keiten eröffnet, dissi­pative Prozesse zu beob­achten und zu ver­stehen, die von Nano­defekten in zahl­reichen Geräten verur­sacht werden.

Rainer Scharf

RK

Sonderhefte

Physics' Best und Best of
Sonderausgaben

Physics' Best und Best of

Die Sonder­ausgaben präsentieren kompakt und übersichtlich neue Produkt­informationen und ihre Anwendungen und bieten für Nutzer wie Unternehmen ein zusätzliches Forum.

Veranstaltung

Spektral vernetzt zur Quantum Photonics in Erfurt

Spektral vernetzt zur Quantum Photonics in Erfurt

Die neue Kongressmesse für Quanten- und Photonik-Technologien bringt vom 13. bis 14. Mai 2025 internationale Spitzenforschung, Industrieakteure und Entscheidungsträger in der Messe Erfurt zusammen

Meist gelesen

Photo
08.11.2024 • NachrichtForschung

Musik als Zeitreihe

Analyse von musikalischen Tonhöhensequenzen ergibt interessante Unterschiede zwischen verschiedenen Komponisten und Musikstilen.

Themen