25.02.2022 • Metrologie

Ein unermüdlicher Kämpfer für die Forschung

Vor 75 Jahren starb Friedrich Paschen – er hatte großen Einfluss auf das Selbstverständnis der PTB als Institution der Wissenschaft.

Mehr fundierte Physik, weniger Dienst­leistungen, weniger Verwaltungs­denken – so lässt sich das Bestreben des Physikers Friedrich Paschen zusammen­fassen, der knapp zehn Jahre lang (1924 bis 1933) die Physi­ka­lisch-Technische Reichsanstalt, die unmittelbare Vorgängerin der heutigen Physi­ka­lisch-Technischen Bundes­anstalt, leitete. Von den Nazis aus dem Amt gedrängt, musste er am Ende seines Lebens befürchten, dass alles vergeblich war. Doch das stimmt nicht. Die wichtigen wissen­schaftliche Erkenntnisse aus seiner Zeit bleiben ebenso bestehen wie die Über­zeugung, dass physi­ka­lische Grund­lagen­forschung für die PTB als modernes Metrologie­institut nichts weniger als die Basis ihrer gesamten Arbeit ist. Rechtzeitig zum 75. Todestag am 25. Februar bekommt Friedrich Paschen einen erneuerten Gedenkstein auf dem Südwest­kirchhof in Stahnsdorf bei Berlin.

Abb.: Friedrich Paschen (1865-1947) entdeckte 1912 gemein­sam mit Ernst Back...
Abb.: Friedrich Paschen (1865-1947) entdeckte 1912 gemein­sam mit Ernst Back den nach ihnen benannten Paschen-Back-Effekt. Von 1924 bis 1933 war er Präsi­dent der Physi­ka­lisch-Tech­nischen Reichs­anstalt in Berlin. (Bild: MPG)

Er nahm kein Blatt vor den Mund: „Die Herren aus der PTR sind keine Physiker“, stellte Paschen sarkastisch fest – sondern sie betrieben einfach nur Messungen, wenn auch mit höchster Präzision. Das reichte ihm nicht. Er war deshalb auch nur zögerlich zur PTR gekommen. In zwanzig Jahren an der Universität Tübingen war er zu einem der weltweit wichtigsten Spektro­skopiker geworden. Er hatte als erster das Wiensche Strahlungs­gesetz experimentell bestätigt. Er hatte die infraroten Serien des Wasserstoff­spektrums entdeckt, die 1908 Paschen-Serie genannt wurden. Er hatte nach­ge­wiesen, dass Spektral­linien sich in starken Magnet­feldern aufspalten – also den Paschen-Back-Effekt. Er hatte die Feinstruktur des Helium­spektrums untersucht und so eine experi­mentelle Bestätigung der Rydberg-Konstante geliefert, die zuvor nur theoretisch aus der Bohr-Sommer­feldschen Atomtheorie hergeleitet worden war. Somit bestätigte Paschen gleichzeitig diese Theorie. Diese Arbeiten aus dem Jahr 1916 sind ein besonders schönes Beispiel für die fruchtbare Zusammen­arbeit von Experiment und Theorie, die Paschens Wirken kenn­zeichnet. Dieses Zusammen­wirken sowie die Unter­suchung von Natur­konstanten sind bis heute wichtige Aspekte der Arbeit der PTB.

Als präziser Experimentator und einfalls­reicher Geräte­konstrukteur steigerte Paschen die Mess­ge­nauig­keit vieler Geräte und Methoden bis in den Bereich des theoretisch Möglichen. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde ihm die Präsident­schaft der PTR angetragen, die er schließlich nach einigem Zögern annahm. Am 1. November 1924 ging er von Tübingen nach Berlin und setzte in der PTR von Anfang an einen deutlichen Schwerpunkt in der Forschung. Das machte sich bemerkbar. Er konnte in gewisser Weise an die goldenen ersten Jahre der PTR – geprägt von Namen wie Hermann von Helmholtz, Max Planck und Willy Wien – anknüpfen. Er drehte das Rad, das inzwischen stark in Richtung Verwaltungs- und Technik-Orientierung geschwungen war, wieder zurück, errichtete neue Laboratorien für Spektroskopie, Photochemie und Kälte­forschung.

In seine Zeit fallen einige bedeutende wissen­schaftliche Erkenntnisse, etwa die Entdeckung des Elementes Rhenium, des Meißner-Ochsenfeld-Effekts und verschiedener Supraleiter. Er hatte gefordert: „Der Ruf der Anstalt als einer Forschungs­anstalt ersten Ranges in der Welt muss uns erhalten werden.“ Und tatsächlich schaffte er es, durch die Inten­si­vierung der Forschungs­tätigkeit – trotz Weltwirt­schafts­krise und erstarkendem National­sozialismus –, den besonderen Charakter der PTR zu betonen und ihr Ansehen im In- und Ausland zu fördern.

Heute ist die PTB das zweitgrößte Metrologie­institut der Welt und genießt einen heraus­ragenden Ruf in der metrologischen Forschung. Dass es so kommen würde, ahnte Paschen nicht, als seine Amtszeit im März 1933 ein abruptes Ende nahm und er vom überzeugten National­sozialisten Johannes Stark eilig und würdelos aus dem Amt gedrängt wurde. Einer der Gründe dafür war sicherlich, dass Paschen am 8. März 1933 deutlich Stellung gegen die Nazis bezogen hatte: Er hatte die nach dem Wahlerfolg der National­sozialisten auf dem Gelände der PTR gehisste Fahne sofort wieder einziehen lassen.

Paschen zog sich verbittert und enttäuscht ins Privatleben zurück. Sein privates Laboratorium wurde 1943 bei einem Bomben­angriff zerstört. Paschen starb am 25. Februar 1947. Er wurde auf dem Südwest­kirchhof Stahnsdorf, nahe Berlin, beigesetzt, wo Grab und Gedenkstein leider über die Jahre verfielen. Pünktlich zu seinem 75. Todestages wurde jetzt der Gedenkstein saniert und an einen ange­mes­seneren Ort auf dem Friedhof umgesetzt. Damit lohnt sich ein Besuch dieses großen, inter­national bekannten Wald­friedhofs umso mehr. Außer dem Grab von Friedrich Paschen finden sich dort auch die Ruhe­stätten von Theodor Fontane, Heinrich Zille, Walter Gropius, PTB-Gründungs­vater Werner von Siemens und vielen mehr.

PTB / RK

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