26.11.2021

Einsteins Nobelpreis: Verspätet und in Abwesenheit

Der Nobelpreis für Physik 1921 ging an Albert Einstein, unter ungewöhnlichen Umständen. Eine Vortragsreihe zum Jubiläum, die in Ulm geplant war, fällt leider aus.

Albert Einstein erhielt den Physik-Nobelpreis für das Jahr 1921. Das wäre Anlass für eine hochkarätig besetzte Vortragsreihe des Albert Einstein Discovery Center in Einsteins Geburtsstadt Ulm ab 27. November gewesen. Diese wurde nun aufgrund der sich verschärfenden Lage bei der Corona-Pandemie abgesagt. Dennoch ist es aufschlussreich, sich die Umstände der Preisvergabe genauer anzuschauen. Je nach Blickwinkel gibt es nämlich 99 oder 100 Jahre Nobelpreis für Einstein zu feiern.

Am 9. November 1922 erreichte Albert Einstein an Bord des japanischen Ozeandampfers „Kitano Maru“ ein Telegramm mit der Nachricht, er habe rückwirkend den Physik-Nobelpreis des Vorjahres  gewonnen. Das Nobel-Komitee hatte sich 1921 auf keinen geeigneten Kandidaten einigen können und die Entscheidung deshalb auf das folgende Jahr vertagt. Daher verkündete es gleichzeitig mit dem Preis für Einstein, dass Niels Bohr den Physik-Nobelpreis für das Jahr 1922 erhält.

Aus den Akten des Nobel-Komitees geht hervor, dass Einstein ab 1910 jedes Jahr für den Nobelpreis vorgeschlagen worden war, mit Ausnahme von 1911 und 1915. Wie Einsteins Biograf Abraham Pais herausgearbeitet hat, wurde hinter den Kulissen erbittert diskutiert, ob die Relativitätstheorie (schon oder überhaupt) preiswürdig war. Die Chancen verbesserten sich, als Einstein 1919 schlagartig berühmt wurde, nachdem Arthur Eddington während einer Sonnenfinsternis bestätigt hatte, dass Lichtstrahlen im Gravitationsfeld der Sonne abgelenkt werden. Doch einige Mitglieder des Nobel-Komitees zweifelten weiter, sodass Einstein den Preis schließlich für „seine Verdienste in der theoretischen Physik, insbesondere die Entdeckung der Gesetze des photoelektrischen Effekts“ erhielt.

Einen Nachklang dieser Diskussion findet man in der Würdigung von Svante Arrhenius, dem Vorsitzenden des Nobel-Komitees, bei der Preisverleihung. „Es gibt vermutlich keinen lebenden Physiker, dessen Name so weit bekannt ist wie der von Albert Einstein. Die meisten Diskussionen drehen sich um seine Relativitätstheorie“, begann Arrhenius. Diese Theorie habe in philosophischen Kreisen große erkenntnistheoretische Debatten ausgelöst. Der berühmte Philosoph Henri Bergson in Paris sei ein entschiedener Gegner, während andere Philosophen die Relativitätstheorie freudigen Herzens begrüßt hätten. „Die betreffende Theorie hat auch astrophysikalische Implikationen, die zurzeit gründlich untersucht werden“, begründete Arrhenius das Zögern, den Preis für die Relativitätstheorie zu vergeben.

Als Einstein das Telegramm des Nobel-Komitees in Shanghai las, wird er kaum überrascht gewesen sein. Denn einen Monat vor seinem Aufbruch hatte ihm sein Freund Max Laue angedeutet, es „könnten im November Ereignisse eintreten, welche für den Dezember Deine Anwesenheit in Europa wünschenswert machten. Überleg, ob Du trotzdem nach Japan reisen willst.“ Dennoch hatte sich Einstein mit seiner zweiten Frau Elsa am 7. Oktober in Marseille eingeschifft.

In Japan sollte er im Auftrag des „Japanausschusses“ der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft eine Reihe von 12 Vorträgen halten. Der Japanausschuss verwaltete die Stiftung des japanischen Industriellen Haime Hoshi. Deren Zweck war es, experimentelle Forschung auf dem Gebiet der Chemie und „physikalischen Atomforschung“ zu fördern. Einsteins Reise wurde auch von politischer Seite befürwortet, denn Deutschland und Japan waren im Ersten Weltkrieg Gegner gewesen. Und der populäre Wissenschaftler konnte die Wiederannäherung der beiden Nationen fördern.

So setzte das Ehepaar Einstein seine Reise von Shanghai planmäßig fort und ging am 17. November 1922 in Kobe von Bord. Nicht ohne zuvor im Salon des Schiffes eine improvisierte Pressekonferenz für Scharen japanischer Journalisten gegeben zu haben, wie Einstein in seinem Tagebuch notierte. Er absolvierte in den kommenden Wochen ein umfangreiches Besuchsprogramm unter der Obhut zweier japanischer Kollegen, die zuvor in Deutschland bei Sommerfeld und Planck gearbeitet hatten. Er ließ sich feiern und blieb dabei dennoch bescheiden, wie der deutsche Botschafter zufrieden feststellte. Erst im März 1923 kehrte er nach Berlin zurück.

Bei der Nobelpreisverleihung am 10. Dezember 1922 hielt der Deutsche Botschafter in Schweden, Rudolf Nadolny, stellvertretend für Einstein die Dankesrede. Auch er nutzte die Gelegenheit zur Versöhnung nach dem verlorenen Krieg: „Der Nobelpreisträger Einstein ist bekanntlich nicht nur Gelehrter und Forscher, sondern auch ein begeisterter Priester der Völkerversöhnung. Es wird also gewiss in seinem Sinne sein, wenn ich meine Worte mit dem Wunsche schließe, dass die edlen und schönen Ziele Alfred Nobels, deren berufene Hüter die schwedischen Akademien sind, unentwegt und vielleicht in Zukunft noch schneller als bisher ihrer Verwirklichung entgegengehen möchten.“

Nadolny vergaß dabei auch nicht, die Schweiz zu erwähnen, „die dem Gelehrten lange Jahre Heimat und Arbeitsmöglichkeit geboten hat“ – inklusive eines schweizerischen Passes. Das deutsche Bürgerrecht hatte Einstein erst 1918 auf Drängen seiner Berliner Kollegen wieder angenommen. So besaß er zwei Pässe. Was dazu führte, dass es im Vorfeld der Preisverleihung eine diplomatische Verwicklung gab. Denn auch der Schweizer Botschafter sah sich berechtigt, Einstein in Stockholm zu vertreten. Die diplomatische Lösung bestand schließlich darin, dass weder der deutsche noch der schweizerische Botschafter den Preis entgegennahmen. Vielmehr überreichte der schwedische Botschafter in Deutschland, Baron Ramel, Einstein die Urkunde und Medaille bei seiner Rückkehr nach Berlin.

Ein weiteres Kuriosum in Bezug auf Einsteins Nobelpreis ist, dass er das Preisgeld seiner ersten Frau Mileva und den beiden Söhnen Hans Albert und Eduard schon 1919 im Scheidungsvertrag zusicherte. Er scheint also stark mit dem Preis gerechnet zu haben. Mileva vermutlich auch, denn sie ließ sich auf diesen Handel ein. Nach Mitteilung von Einsteins Sekretärin Helen Dukas an Abraham Pais überließ er Mileva das Preisgeld von damals umgerechnet 180 Tausend Schweizer Franken.

Im Juli 1923 kam Einstein seiner Verpflichtung nach, einen Vortrag über sein Arbeitsgebiet zu halten. Auf Anregung von Arrhenius besuchte er die 300-Jahr-Feier der Stadt Göteborg, wo zeitgleich die Skandinavische Naturforscherversammlung tagte. Zu seinem populärwissenschaftlichen Vortrag in der Jubiläumshalle kamen 2000 Zuhörer, unter ihnen König Gustav V. Für etwa 50 Kollegen der Wissenschaftlichen Gesellschaft hielt er später einen Fachvortrag im Chalmers Institut. Die Feierlichkeiten endeten mit einem Bankett. So konnten die Schweden mit einer Art nachgeholten Preisverleihung den berühmten Physiker doch noch feiern.

Anne Hardy

Korrektur: Die Angaben Einsteins Überlassung des Preisgelds an Mileva wurden modifiziert. (20.12.2021)
 

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Literatur

  • H. Goenner, Albert Einstein in Berlin, Verlag C. H. Beck, München (2005) Rezension
  • A. Pais, Raffiniert ist der Herrgott... Albert Einstein. Eine wissenschaftliche Biographie, Spektrum Verlag, Heidelberg, Berlin (2000) Rezension
  • A. Hermann, Einstein. Der Weltweise und sein Jahrhundert. Eine Biographie. Piper Verlag, München (1994) Rezension [Physikalische Blätter, 50, 1164 (1994)]

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