10.06.2026 • Quantenphysik

Supraleitende Wirbel als Qubits

Aus einem bis­lang un­er­wünsch­ten Phä­no­men ein po­ten­ziel­ler Bau­stein für Quan­ten­tech­no­lo­gi­en.

Wird in einem Supraleiter ein kritischer Magnetfeldwert überschritten, dringen Magnetfelder in Form winziger, quantisierter Wirbel, auch Vortices genannt, in das Material ein. Diese galten bislang als unerwünschte Störfaktoren, da sie Energieverluste verursachen und die Leistungsfähigkeit supraleitender Systeme einschränken. Die aktuelle Studie des Forschungsteams von Ioan Pop am Institut für QuantenMaterialien und Technologien (IQMT) des KIT, der Universität Antwerpen und der Universität Ulm, belegt ein grundlegend neues Verhalten magnetischer Wirbel in Supraleitern. Die Forschenden untersuchten stark ungeordnete supraleitende Dünnfilme aus granularen Aluminiumschichten nahe dem Übergang zwischen Supraleitung und Isolator. In diesem Material verlieren die Wirbel ihre störenden Eigenschaften und bilden stabile, verlustarme Zustände, die sich quantenmechanisch beschreiben lassen.

Magnetische Wirbel in Supraleitern können als potenzielle Qubits neue Perspektiven für das Design zukünftiger Quantensysteme eröffnen. (Foto: Ioan M. Pop, KIT)
Illustration: Magnetische Wirbel in Supraleitern können als potenzielle Qubits neue Perspektiven für das Design zukünftiger Quantensysteme eröffnen.
Quelle: Ioan M. Pop, KIT

Die physikalische Grundlage dieses Effekts liegt in der besonderen Struktur des Materials: Granulares Aluminium besteht aus nanoskaligen supraleitenden Inseln, die durch schwache Kopplungen verbunden sind. Dadurch entsteht eine komplexe Energielandschaft mit lokalen Minima, quasi energetische „Mulden“, zwischen denen ein Wirbel quantenmechanisch hin- und her tunneln kann. Auf diese Weise bilden sich stabile Zwei-Niveau-Sys­te­me aus, die den beobachteten Quantenzuständen zugrunde liegen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass magnetische Wirbel nicht nur kontrollierbar sind, sondern sich wie künstliche Atome mit zwei klar unterscheidbaren Zuständen verhalten“, erklärt Simon Günzler vom IQMT.

„Damit erfüllen sie eine zentrale Voraussetzung für den Einsatz als Qubits in Quantentechnologien“, ergänzt Pop. „Zugleich zeigt die Studie, dass selbst Effekte, die lange als störend galten, unter den richtigen Bedingungen zu wertvollen Ressourcen werden können. Das eröffnet völlig neue Perspektiven für das Design zukünftiger Quantensysteme.“

Mehr zu Quantenmaterialien

Photo
Photo
Photo
Photo
Photo
Photo
Michael A. Sentef • 3/2023 • Seite 51

Licht treibt Materie an

Photo
Eva Benckiser • 9/2019 • Seite 47

Quantenmaterialien nach Maß

Die Forschenden konnten diese Vortex-Qubits nicht nur nachweisen, sondern mithilfe von Mikrowellenmessungen und Methoden der Quantenelektrodynamik auch gezielt anregen, kontrollieren und auslesen. Die gemessenen Kohä­renz- und Relaxationszeiten liegen im Mikrosekundenbereich und sind damit vergleichbar mit etablierten supraleitenden Qubit-Systemen. Damit gehören Vortex‑Qubits zu den bislang ungewöhnlichsten Kandidaten für quantentechnologische Anwendungen.

Langfristig könnten solche Systeme als neuartige Qubits dienen, die nicht künstlich gefertigt werden müssen, sondern aus intrinsischen Materialeigenschaften hervorgehen. Neben möglichen Anwendungen in der Quanteninformationstechnologie eröffnen sich auch neue Wege für die experimentelle Untersuchung komplexer Materialien. So könnten Vortex-Qubits künftig als empfindliche Sonden eingesetzt werden, um mikroskopische Eigenschaften von Supraleitern präzise zu analysieren.

„Auch wenn noch Fragen zur technischen Umsetzung und Skalierbarkeit offen sind, zeigen unsere Ergebnisse eindrucksvoll, dass selbst vermeintlich unerwünschte Effekte in der Physik unter den richtigen Bedingungen zu nützlichen quantenmechanischen Ressourcen werden können“, so Pop. Am Beispiel supraleitender Wirbel eröffnen sich neue Wege für zukünftige Technologien. [KIT / dre]

Anbieter

Karlsruher Institut für Technologie

Kaiserstraße 12
76131 Karlsruhe
Deutschland

Kontakt zum Anbieter







Sonderhefte

Physics' Best und Best of
Sonderausgaben

Physics' Best und Best of

Die Sonder­ausgaben präsentieren kompakt und übersichtlich neue Produkt­informationen und ihre Anwendungen und bieten für Nutzer wie Unternehmen ein zusätzliches Forum.

Anbieter des Monats

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

Die Reichelt Chemietechnik wurde am 1. September 1978 als Vertriebs- und Produktionsgesellschaft von Dr. Peter Reichelt in Heidelberg gegründet, wobei sich das Unternehmen als „Mailorderhaus“ verstand.

Meist gelesen

Themen