Topologische Zustände sind allgemeiner als gedacht
Auch ein Material, das eine Form von quantenkritischem Verhalten aufweist, die mit einem Teilchenbild nicht vereinbar scheint, kann topologische Eigenschaften zeigen.
Hinter dem Konzept „topologischer Zustände“, für deren Entdeckung 2016 der Physik-Nobelpreis vergeben wurde, steht das Teilchenbild der klassischen Physik. Es gibt Materialien, in denen das Teilchenbild völlig zusammenbricht, hier ergibt es keinen Sinn mehr, sich die Elektronen als kleine Teilchen vorzustellen, die einen definierten Aufenthaltsort oder eine eindeutige Geschwindigkeit haben. Nun konnte ein Forschungsteam der TU Wien beweisen: Auch solche Materialien können topologische Eigenschaften haben. Somit sind topologische Zustände allgemeiner als bisher gedacht. Zwei scheinbar widersprüchliche Konzepte fügen sich somit ineinander. „Das klassische Bild von Elektronen als kleine Teilchen, die gestreut werden, wenn sie als Strom durch ein Material fließen, ist erstaunlich robust“, sagt Silke Bühler-Paschen vom Institut für Festkörperphysik der TU Wien. „Es funktioniert, mit gewissen Verfeinerungen, selbst in komplexen Materialien, in denen die Elektronen stark miteinander wechselwirken.“

Allerdings gibt es auch Situationen, wo es komplett zusammenzubrechen scheint und die Ladungsträger ihren Teilchencharakter verlieren. Das scheint auch in dem Material aus Cer, Ruthenium und Zinn (CeRu4Sn6), das nun an der TU Wien bei sehr tiefen Temperaturen untersucht wurde, zu passieren: „Es zeigt nahe am absoluten Nullpunkt eine bestimmte Art von quantenkritischem Verhalten“, sagt Diana Kirschbaum. „Das Material fluktuiert dann zwischen zwei unterschiedlichen Zuständen hin und her, als könnte es sich nicht entscheiden, in welchem Zustand es sich befinden möchte. In diesem fluktuierenden Zustand wird das Quasi-Teilchenbild in Frage gestellt.“
„Man geht in der Topologie davon aus, dass man etwas beschreibt, das wohldefinierte Geschwindigkeiten und Energien hat“, erklärt Kirschbaum. „Aber solche wohldefinierten Geschwindigkeiten und Energien sollte es in unserem Material ja gar nicht geben, da es eine Form von quantenkritischem Verhalten zeigt, die mit einem Teilchenbild nicht vereinbar scheint. Trotzdem war für dieses Material mit einfachen theoretischen Methoden, die diese Nichtteilcheneigenschaften ignorieren, vorhergesagt worden, dass es topologische Eigenschaften zeigt.“
Hier gab es also einen klaren Widerspruch. Daher zögerte das Team von Bühler-Paschen zunächst auch, die theoretische Vorhersage zur Topologie ernst zu nehmen und ihr auf den Grund zu gehen. Schließlich aber überwog die Neugier, ob es nicht doch möglich sein könnte und so machte sich Kirschbaum auf die Suche nach Hinweisen auf die topologischen Zustände.
Und tatsächlich entdeckte sie bei sehr tiefen Temperaturen, bei weniger als einem Grad über dem absoluten Nullpunkt, ein Verhalten, das ein klarer Hinweis auf topologische Zustände ist: einen spontanen Halleffekt. Beim Halleffekt werden Teilchen normalerweise in einem Magnetfeld abgelenkt. Die Ablenkung kann aber auch durch topologische Effekte ausgelöst werden, ganz ohne Magnetfeld von außen. Besonders erstaunlich: die Ladungsträger werden abgelenkt, als ob sie Teilchen wären, obwohl man ja davon ausgeht, dass das Teilchenbild in diesem Material gar nicht funktioniert. „Diese Erkenntnis hat uns gezeigt, dass die bisherige Sicht korrigiert werden muss“, sagt Bühler-Paschen.
„Und nicht nur das“, ergänzt Kirschbaum. „Der topologische Effekt ist sogar dort am stärksten, wo das Material die größten Fluktuationen zeigt. Werden diese durch Druck oder Magnetfelder unterdrückt, so verschwinden die topologischen Eigenschaften.“
„Das war eine Riesenüberraschung“, sagt Bühler-Paschen. „Und es zeigt uns, dass topologische Zustände viel allgemeiner betrachtet werden müssen als bisher gedacht.“ Das Team bezeichnet den neuentdeckten Zustand als „emergentes topologisches Halbmetall“ und arbeitete mit der Rice University in Texas zusammen, wo es Lei Chen im Team von Qimiao Si gelang, ein neues theoretisches Modell zu entwickeln, das die Phänomene Quantenkritikalität und Topologie verbindet.
„Tatsächlich zeigt sich, dass ein Teilchenbild nicht notwendig ist, um topologische Eigenschaften hervorzubringen“, sagt Bühler-Paschen. „Man kann das Konzept verallgemeinern – die topologischen Unterschiede treten dann auf abstraktere, mathematische Weise auf. Und noch mehr: Unsere Experimente deuten sogar darauf hin, dass topologische Eigenschaften durch das Fehlen von teilchenartigen Zuständen entstehen können.“
Die Entdeckung hat wichtige praktische Bedeutung – sie zeigt eine neue Marschroute für die Suche nach neuen topologischen Materialien auf: „Wir wissen nun, dass es sich auch oder sogar ganz besonders bei quantenkritischen Materialien lohnt, nach topologischen Eigenschaften zu suchen“, freut sich Bühler-Paschen. „Weil quantenkritisches Verhalten in vielen Materialklassen auftritt und gut identifiziert werden kann, dürften sich viele neue „emergente“ topologische Materialien über diesen Zusammenhang finden lassen.“ [TU Wien / dre]
Weitere Informationen
- Originalpublikationen
D. M. Kirschbaum, L. Chen, D. A. Zocco, et al., Emergent topological semimetal from quantum criticality, Nat. Phys., 14. Januar 2026; DOI: 10.1038/s41567-025-03135-w
L. Chen, D. T. Lowder, E. Bakali, et al., Shot noise in a strange metal, Science 382(6673), 907–911, 23. November 2023; DOI: 10.1126/science.abq6100 - Quantum Materials (Silke Bühler-Paschen), Institut für Festkörperphysik, Technische Universität Wien
- Theoretical condensed matter physics (Qimiao Si group), Physics Department, Rice University, Houston, Texas














