29.10.2026 • Atome und Moleküle

Radioaktive Partikel von Tschernobyl deutlich langlebiger als angenommen

Sechs win­zige, hoch­radio­ak­ti­ve „hot particles“ aus dem ha­va­rier­ten Atom­reak­tor füh­ren zu Neu­ein­schätzung von Ge­sund­heits­ri­si­ken.

Explosionen, bei denen massenhaft Fragmente aus dem Kernreaktor hinausgeschleudert wurden: Noch immer kontaminieren radioaktive Staubteilchen die Böden in der Nähe des Unglücksorts, dem heutigen Tschernobyl. Sie sind nur acht bis fünfzig Mikrometer groß, strahlen aber auch nach vierzig Jahren noch stark. So dürfen die Bereiche, aus denen sie stammen, auch heute nur im Schutzanzug betreten werden. „Man unterscheidet drei Klassen dieser Partikel“, erklärt Tobias Weissenborn, Phy­sik-Dok­to­rand an der Uni Hannover. „Zunächst solche, die che­misch-physi­ka­lisch dem Kernbrennstoff Urandioxid noch sehr ähneln. Weiterhin Partikel, die teilweise oder vollständig mit einer Zirkonschicht umschlossen, oder ganz mit dem Material verschmolzen sind.“

Hot Particle aus dem Reaktorunfall von 1986: Der Kernbrennstoffpartikel ist teilweise mit Zirkonoxid verschmolzen
Hot Particle aus dem Reaktorunfall von 1986: Der Kernbrennstoffpartikel ist teilweise mit Zirkonoxid verschmolzen
Quelle: Laura Stalmann / HZDR

Letztere bildeten sich, als die Temperaturen im Reaktor so massiv anstiegen, dass der Brennstoff schmolz und sich mit der ihn umhüllenden Schutzschicht aus Zirkonium – einem sehr widerstandsfähigen Metall – verband. „Die dritte Art von Partikeln ist beim Brand des Graphitmoderators entstanden“, ergänzt Weissenborn. Die Aufgabe des Moderators ist, schnelle Neutronen abzubremsen und die Kettenreaktion in Gang zu halten. Im Zuge des Unglücks fing das Graphit jedoch Feuer und stand danach zehn Tage lang in Flammen. „Dabei wurde der Brennstoff zu verschiedenen Uranoxiden auf­oxi­diert“ – zum Beispiel zu Triuranoctoxid, U3O8. Dieses ist mechanisch instabil und bildet schnell Kleinstpartikel, die mit dem Wind transportiert werden können. Solche Staubteilchen einzuatmen, ist besonders gesundheitsgefährdend.

Warum die Partikel in der Umwelt unterschiedlich schnell verwittern, ist bislang weitgehend ungeklärt. In jedem Fall bilden sich bei ihrem Zerfall eine ganze Reihe von unterschiedlichen Uranoxiden, die sich nur mit Hilfe hochkomplexer Synch­rotron-Rönt­gen­beu­gungs­expe­ri­mente analysieren lassen. Erfolgreich durchgeführt wurden solche Strukturuntersuchungen nun zum ersten Mal – von HZDR-For­scher und Kristallograph Christoph Hennig an der Rossendorf Beamline in Grenoble. In Zusammenarbeit mit Weissenborn gelang es ihm, an sechs Tscher­nobyl-Parti­keln eine Phasenanalyse durchzuführen. Hiermit lässt sich zum Beispiel abschätzen, in welchem Tempo die Partikel radioaktive Stoffe freisetzen.

Mehr zum Thema

Photo
Photo
Photo
Photo
Photo
Photo
Photo
Thomas Brückel, Thomas Gutberlet und Paul Zakalek • 5/2023 • Seite 29

Brillante Neutronenstrahlen

„Die Partikel haben Kolleginnen und Kollegen aus Hannover und ich mit Hilfe verschiedener Verfahren aus ukrainischen Bodenproben isoliert und an Wolframnadeln befestigt“, erläutert Weissenborn den Prozess. Im Anschluss reisten die mit Hilfe mehrerer Isolationsschichten gesicherten Proben nach Grenoble und wurden hier von einem Team unter der Leitung von Hennig diffraktometrisch untersucht, also anhand der Beugung von Röntgenstrahlung an der inneren Struktur des Materials. „Zunächst mussten wir uns überlegen, auf welchem Weg es uns gelingen könnte, die Struktur der Partikel zu untersuchen“, erklärt Christoph Hennig. „Schließlich haben wir die Partikel in einem auf hundert Mikrometer fokussierten Röntgenstrahl vollständig rotiert. Dabei haben wir zweitausend verschiedene Winkelpositionen gemessen, um alle Reflexe lückenlos zu erfassen.“

Auf diesem Weg gelang den Forschenden der experimentelle Nachweis unterschiedlicher Oxidphasen innerhalb der Proben. Zu ihrer Überraschung stellten sie dabei fest, dass die Kristallstruktur des Kernbrennstoffs in den untersuchten Partikeln bis heute weitgehend intakt, die Überbleibsel des Unfalls also chemisch stabiler sind, als ursprünglich angenommen. Somit halten die Partikel Spaltprodukte in sich zurück – potenziell eine gute Nachricht für die Böden und Gewässer rund um Tschernobyl. „Allerdings ist jeder einzelne Partikel anders aufgebaut“, warnt Weissenborn, „und wir konnten in unserem Experiment auch nur sechs solcher Partikel untersuchen, von zwei verschiedenen Fundorten.“ Um allgemeine Aussagen zur Stabilität von Tschernobyl-Partikeln zu machen, müssten Proben von deutlich mehr Standorten einbezogen und etliche weitere Partikel untersucht werden.

„Und selbst wenn wir irgendwann solche Durchschnittswerte haben: Wir könnten auch dann noch keine allgemeingültigen Aussagen über Gesundheitsgefahren in der Region machen“, gibt Weissenborn weiter zu bedenken. „Denn selbst bei einer überwiegend gleichmäßigen Auflösung der Partikel gibt es Ausreißer, die überdurchschnittlich beständig sind und zu einem späteren Zeitpunkt Radionuklide freisetzen.“ So bald wird die Sperrzone von Tschernobyl also nicht freigegeben werden können. Der Forschung jedoch tut das keinen Abbruch: Weissenborn und Hennig führen bereits Folgeexperimente durch – zu den hochgradig radioaktiven Transuranphasen in den Überbleibseln des Jahrhundertunglücks. [HZDR / dre]

Anbieter

Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf e. V. (HZDR)

Bautzner Landstraße 400
01328 Dresden
Deutschland

Kontakt zum Anbieter







Anbieter des Monats

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

RCT Reichelt Chemietechnik GmbH + Co.

Die Reichelt Chemietechnik wurde am 1. September 1978 als Vertriebs- und Produktionsgesellschaft von Dr. Peter Reichelt in Heidelberg gegründet, wobei sich das Unternehmen als „Mailorderhaus“ verstand.

Sonderhefte

Physics' Best und Best of
Sonderausgaben

Physics' Best und Best of

Die Sonder­ausgaben präsentieren kompakt und übersichtlich neue Produkt­informationen und ihre Anwendungen und bieten für Nutzer wie Unternehmen ein zusätzliches Forum.

Meist gelesen

Themen